Mi., 13.06.2018

Holocaust-Überlebender Harry Lowenstein (87) kehrt nach Höxter zurück »Es war eine lange Reise«

Ein Kommunionbild zeigt die ehemaligen Mitschüler. »Leider erkenne ich niemanden wieder«, gesteht Lowenstein.

Ein Kommunionbild zeigt die ehemaligen Mitschüler. »Leider erkenne ich niemanden wieder«, gesteht Lowenstein. Foto: Roman Winkelhahn

Von Roman Winkelhahn

Höxter (WB). Harry Lowenstein, geboren als Helmut Löwenstein, ist der letzte Höxteraner Holocaust-Überlebende. Der heute 87 Jahre alte Jude floh nach dem Krieg in die USA. Am Dienstag sah er seinen Geburtsort in Höxter-Fürstenau wieder – nach 70 Jahren.

Ein schwarzes Auto fährt an der Fürstenauer Kirche vor. Auf dem Beifahrersitz: ein kleiner Mann mit wenig Haaren, Brille und blauem Pullover. Als er aussteigt, richten sich alle Blicke auf ihn. Es ist Harry Lowenstein, geboren 1931 in Fürstenau, Sohn eines jüdischen Viehhändlers und Opfer der NS-Schreckensherrschaft im Dritten Reich.

»Es war eine lange Reise bis hierher«, sagt Lowenstein – auf Englisch. »Unser Vater hat sich lange Zeit geweigert, Deutsch mit uns zu sprechen«, erzählt seine Tochter Karen Pridemore. Erst vor wenigen Jahren habe er damit begonnen, seine Vergangenheit bewusst aufzuarbeiten. »Im Mai haben wir beschlossen herzukommen«, erklärt Harry Lowenstein, der von seinen Töchtern Karen Pridemore und Berna Lowenstein sowie deren Ehemann Greg Fitzgibbons begleitet wird. Aus dem geplanten Besuch an der Grabstelle von Lowensteins Großeltern in Fürstenau wurde eine Europareise: durch die Schweiz, die Niederlande, Luxemburg und Deutschland. Am Montag kam die Familie in Höxter an, wo Harry Lowen­stein im »Forum Jacob Pins«, benannt nach dem in Höxter geborenen jüdischen Maler, empfangen wurde.

»Die meisten Überlebenden sind nie wieder zurückgekommen«, sagt Bürgermeister Alexander Fischer. Darum sei es eine umso größere Ehre, Harry Lowen­stein in seiner alten Heimat begrüßen zu dürfen. »Wir setzen hiermit ein Zeichen gegen Intoleranz und Rassismus«, lässt Fischer verlauten. Lowensteins Vater, Mutter und Schwester starben im KZ. Er selbst überlebte als jugendlicher Arbeiter in einer Autowerkstatt im KZ Kaiserwald bei Riga.

»Plötzlich kamen die jüdischen Kinder nicht mehr«

Nicht nur für die deutsche Erinnerungskultur ist der Besuch des Juden in seiner alten Heimat, aus der er grundlos vertrieben wurde, von großer Bedeutung: Drei Menschen sind besonders gespannt, als Lowensteins Wagen vorfährt. Johann Neumann, Liselotte Möhring und Gertrud Fuhrmann gingen zwei Jahre mit »Helmut« zur Grundschule. »Plötzlich kamen die jüdischen Kinder nicht mehr«, erinnert sich Gertrud Fuhrmann. »Unsere Eltern haben uns dann gesagt, dass sie zu Verwandten gezogen sind. Niemand wollte Ärger mit den Nazis.«

Harry Lowenstein hat nur noch wenige Erinnerungen an die Reichspogromnacht – an zerworfene Fenster und eine brennende Synagoge. Dort, wo die Gemeinde einst betete, steht nun eine Werkstatt. Bogenfenster und eine Wandnische sind die letzten Relikte dieser Zeit. Lowensteins Wunsch: ein Treffpunkt für Kinder in der Nähe des Gebäudes.

 

Der Rundgang führt Harry Lowenstein auch zum Grab seiner Großeltern, wo er gemeinsam mit seinen Töchtern betet. Am Nachmittag treffen sie sich im privatem Rahmen in Marienmünster-Bredenborn mit der Familie, die Lowenstein nach dem Krieg bis zu seiner Emigration Unterkunft bot. Harry Lowensteins Botschaft zum Abschied: »Behandle jeden Menschen gleich, egal wer er ist. Das ist alles.«

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