Mi., 13.06.2018

Ein Tag mit dem Kapitän des Schiffes, das den Namen der Kreisstadt trägt »Höxter« unter seinem Kommando

Juri Jung (36) ist Kapitän des Weserdampfers »Höxter«. Täglich begeht er die Talfahrt von Bad Karlshafen nach Corvey – und die Bergfahrt zurück. Von der Steuerbrücke aus hat er das Schiff unter Kontrolle. Fünf Jahre Fahrzeit musste der gelernte Dachdecker sammeln, um die »Höxter« alleine navigieren zu dürfen.

Juri Jung (36) ist Kapitän des Weserdampfers »Höxter«. Täglich begeht er die Talfahrt von Bad Karlshafen nach Corvey – und die Bergfahrt zurück. Von der Steuerbrücke aus hat er das Schiff unter Kontrolle. Fünf Jahre Fahrzeit musste der gelernte Dachdecker sammeln, um die »Höxter« alleine navigieren zu dürfen. Foto: Roman Winkelhahn

Von Roman Winkelhahn

Höxter (WB). Der Dampfer ist ein schwimmendes Wahrzeichen der Region. Das WESTFALEN-BLATT hat einen Vormittag lang Impressionen auf dem Dampfschiff »Höxter« gesammelt.

»Dann zieh’ ich mir mal schnell mein Kapitänshemd an«, sagt ein junger Mann mit schwarzer Kappe und verschwindet in der Brücke. Ein paar Minuten später – die meisten Passagiere haben auf dem Oberdeck Platz genommen – legt die »Höxter« in Bad Karlshafen ab. Schwäne und Enten paddeln schnell aus dem Weg, als der 54 Meter lange Kahn zur Wendung ansetzt. Es ist halb elf: Die »Höxter« lässt das barocke Bad Karlshafen hinter sich und steuert auf den Kreis Höxter zu. An der »Wäscheleine« wehen die Flaggen europäischer Staaten im Wind. »Kann ich Ihnen schon etwas zu trinken anbieten?«, fragt eine Mitarbeiterin pünktlich zur Abfahrt.

Am Anleger in Herstelle wippt die gelb-rote Fähre in den Wellen des Dampfers. Der Fährmann winkt, dann setzt er über. »Wir sehen uns jeden Morgen und jeden Feierabend«, erzählt Juri Jung und drückt auf den Lautsprecher: »Zu Ihrer linken sehen Sie die Burg Herstelle.« Jung erklärt: »Auf dem Wasser sieht man die Dinge natürlich ganz anders als an Land.«

Die Weser spiegelt den grauen Mittagshimmel in einem schmutzigen Grün wieder. Pollen und Blüten stauen sich in den Buhnen. Auf Höhe des Beverunger Bootshauses trötet das Schiffshorn, so verlangt es ein Verkehrsschild am Ufer. Urlauber in ihren Campingstühlen winken den Passagieren zu. Ein paar Buhnen später kommt Beverungen zum Vorschein. Bauarbeiten an der neuen Weserbrücke trüben das Stadtbild.

Doch jetzt klärt der Himmel etwas auf. An einem Klippenvorsprung unter strahlendem Blau: Blankenau. Juri Jung drückt wieder auf den Lautsprecher. In der Mittagssonne glänzt die goldene Schiffsglocke neben der Steuerbrücke. »Zutritt verboten« – hinter einem Fliegennetz, in der kühlen Luft seiner Klimaanlage, sitzt der Kapitän. Juri Jung ist 36 Jahre alt, seit vergangenem Jahr ist er Steuermann der »Flotte Weser« mit Streckenpatent von Bad Karlshafen nach Corvey.

»Ich bin Quereinsteiger«, erzählt der gelernte Dachdecker. »Mein Vater hat mich zur Schifffahrt gebracht.« 1993 ist Jung von Kasachstan nach Deutschland gekommen: »Vorher habe ich noch nie ein Schiff gesehen.« Erst habe er ein Jahr lang als Aushilfe gearbeitet, bis er 2011 anfing, seine fünf Jahre Fahrzeit auf der Strecke zu sammeln. Seit 2017 steht die »Höxter« fest unter seinem Kommando. Auch Prominenz war schon bei ihm an Bord: Erst vor wenigen Wochen feierte Bischof Anba Damian das 25-jährige Bestehen des koptischen Klosters in Brenkhausen mit vielen Ehrengästen, unter anderem Erzbischof Hans-Josef Becker aus Paderborn, auf der »Höxter«.

Jeden Tag lenkt Juri Jung den 654-PS-Kahn die Oberweser zwischen Corvey und Bad Karlshafen auf und ab. Immer wieder begeistert ihn vor allem eines: die Landschaft des Weserberglandes. Die lockt auch viele Touristen in die Gegend. Der Weserdampfer ist eine beliebte Attraktion, gerade für Reisegruppen. Einer solchen Gruppe gehört auch die Dame mit der Sonnenbrille an, die – als der Dampfer noch in Bad Karlshafen lag – über das Oberdeck spazierte. Einige Passagiere tragen dasselbe dunkelblaue Shirt wie sie. Darauf abgebildet: Das Wappen der Bordgemeinschaft »Schulfregatte Graf Spee«.

Die Vorausahnung bestätigt sich: Hier treffen sich ehemalige Soldaten der Bundesmarine und ihre Frauen zu einer Dampfer-Fahrt. »Hauptsache Wasser«, erzählt Erika Dambach. »Wir machen jedes Jahr einen Ausflug. Heute geht es nach Höxter, dann ins Münchhausen-Museum nach Bodenwerder und heute Abend lassen wir uns bei einer Marinekameradschaft in Holzminden verköstigen.«

Die Mitglieder der Bordgemeinschaft kommen aus ganz Deutschland: München, Heilbronn, Hamburg, Fulda, Kiel. Erika und Kurt Dambach wohnen im Kreis Remseck bei Stuttgart, Else und Helmut Knappert in Eckernförde in Schleswig-Holstein: »Die Zeit an Bord der Graf Spee hat die Gemeinschaft geprägt«, erzählt Helmut Knappert. »Fünfeinhalb Monate Südamerika schweißen zusammen.«

Hinter Blankenau beugt sich die rostige Eisenbahnbrücke über die Weser. Kurz dahinter, in Wehrden, steuert Juri Jung den Anleger an. Drei Männer mit Rucksäcken gehen von Bord. Sie suchen den Bahnhof: Auf zur Weiterreise!

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