Di., 08.05.2018

Talentscout Suat Yilmaz kämpft für gerechte Bildung – und liest in Nieheim Mutmacher und Wegbegleiter

Von Heinz Wilfert

Nieheim (WB). Er will Mutmacher und Wegbegleiter sein. Suat Yilmaz gilt aber auch als Deutschlands erster Talentscout für junge Menschen, der ausgehend von seiner eigenen Biografie für mehr Bildungsgerechtigkeit kämpft – so auch in Nieheim.

Mit Kreisdirektor Klaus Schumacher diskutierte der Autor zum Auftakt des Kreisfamilienfestes in der Aula der Grundschule Nieheim, wie der Bildungsaufstieg von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte gelingen kann. Eingerahmt wurde der vom Kommunalen Integrationszentrum des Kreises organisierte Abend von einem bunten kulturellen Programm, mit Zuhal Ünlü, Kristin Kiltsch und Imam Tajik. Die Moderation hatte Tahi Panahi inne, Preisträgerin des Kulturforums Warburg.

»Kinder werden um Zukunft betrogen«

Yilmaz hat aus seinem Buch »Die große Aufstiegslüge« mit dem Untertitel »Wie unsere Kinder um ihre Zukunft betrogen werden« gelesen, wobei er einräumt, dass ihm der Titel nicht zugesagt hat. Der Verlag bestand aber auf der provokanten Aussage. Der Autor ist von seiner Mission nach mehr Bildungs- und Chancengleichheit überzeugt, wenn er seine eigene Lebensgeschichte erzählt, die in Gelsenkirchen begonnen hat. Er ist heute als Talentscout für mehrere Hochschulen im Ruhrgebiet unterwegs, unabhängig davon ob ein Migrationshintergrund vorliegt oder nicht, um das Potenzial junger Menschen noch besser zu fördern. »Wir brauchen diese Leute«, sagt der studierte Sozialwissenschaftler.

Frühes Interesse für Politik

Yilmaz kennt die Probleme, denn der 43-Jährige war auch viele Jahre in der offenen Jugendarbeit tätig. Aufgrund seiner eigenen Biografie als Sohn einer türkischen Gastarbeiterfamilie hätte er aus heutiger Perspektive wenig Chancen gehabt. Dem Vater musste er den »Weltspiegel« im Fernsehen übersetzen, was aber sein Interesse für Politik geweckt hat. Die Eltern hatten wenig Ahnung vom deutschen Bildungssystem. Vor allem wussten sie nicht, dass das deutsche Bildungssystem keine Einbahnstraße ist. Seinen Weg zum Abitur schaffte er trotz Gymnasialempfehlung und Wechsel an die Hauptschule nur auf Umwegen. »Die Lehrer waren wohl mit dem Gastarbeiterjungen überfordert«, glaubt er. Alle Jugendlichen müssten aber gleiche Chancen bekommen, egal was ihre Eltern machen.

Parteiübergreifend viel »blabla«

Obwohl viel über Bildungsgerechtigkeit gesprochen werde, ist Suat Yilmaz der Meinung, dass darunter parteiübergreifend viel »blabla« ist. Im deutschen Bildungssystem beeinflusse die Herkunft die Zukunft junger Menschen und das dürfe nicht sein. Er wirbt für mehr Schülerstipendien, die er für extrem wichtig hält, aber in einem reichen Land wie Deutschland nur wenig Geld kosten. Kritisiert wird von ihm auch, dass viele junge Migranten in Schulen landen, die vorher schon durch Probleme aufgefallen seien. Deshalb forderte er einen Paradigmenwechsel. »Was bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund erfolgreich ist, funktioniert auch bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund.« Nicht abspeisen lassen wollte er sich mit der Aussage »Das haben wir schon alles gemacht« und Scheindebatten. »Seien Sie innovativ. Wenn sie in Nieheim was Tolles machen, können Sie auf mich zählen«, rief er dem Nieheimer Bürgermeister Rainer Vidal zu, dem er auch Hilfe bei der Umsetzung von möglichen Konzepten anbot.

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