So., 12.08.2018

In Dürrezeiten schon im letzten Jahrhundert bedeutsam für heimische Kulturlandschaft Flechthecke als »Notreserve« für Rinder

Guten Appetit: Die zarten Haselnuss-Blätter der Hecke schmecken den Rindern auf einer Nieheimer Weide in der aktuellen Hitzewelle, wo fast alles verdorrt ist.

Guten Appetit: Die zarten Haselnuss-Blätter der Hecke schmecken den Rindern auf einer Nieheimer Weide in der aktuellen Hitzewelle, wo fast alles verdorrt ist. Foto: Harald Iding

Von Harald Iding

Nieheim (WB). Es ist schier unglaublich: Einige der Nieheimer Flechthecken haben im Stamm mehrere Jahrhunderte »überlebt« und sind nun wiederentdeckt worden. »Und es gibt noch mehr Besonderheiten. Die Hecken dienten zum Beispiel schon Anfang des 20. Jahrhunderts dem Vieh in Dürrezeiten als Notreserve«, betonte Stadtheimatpfleger Ulrich Pieper im Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT.

»Es gibt heute noch Original-Hecken, die schon im 18. Jahrhundert genutzt worden sind«, weiß Pieper. Zu diesem Thema hat sich der Nieheimer Heimatfreund mit dem Stadtarchivar von Höxter, Michael Koch, ausgetauscht. »Herr Koch hat eine alte Karte im Archiv zu den Landwehren von Höxter von 1757 aus dem Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763). Und wir haben hier aus der Zeit eine Karte mit der Feldflur, auf der Holzhausen, Bredenborn und Nieheim verzeichnet sind. Auf dieser Karte ist ein Gebiet eingezeichnet mit Nieheimer Flechthecken, die auch heute noch auf diesen kleinen Parzellen in der Landschaft vorhanden sind.« Teilweise würden sie sogar bis etwa 1650 zurückgehen. »Das sind wirklich wahre Naturdenkmäler. Kaum ein Baum wird so alt wie die Nieheimer Flechthecke«, ist er überzeugt.

Wie wichtig die Flechthecke für die gesamte Region ist, wird auch in der Anerkennung als »Immaterielles Kulturerbe« des Landes Nordrhein-Westfalen deutlich. Nach der guten Nachricht, dass die Flechthecke die entsprechende Anerkennung gefunden hat, soll nun Ende Oktober offiziell die Neuaufnahme in das Inventar des immateriellen Kulturerbes NRW im Rahmen eines Festakt erfolgen.

Festakt in Düsseldorf

»Mir als ersten Vorsitzendes des Heimatvereins Nieheim liegt eine Einladung vor zu einer Feierstunde im Johannes-Rau-Saal von Düsseldorf. Dort wird uns der Staatssekretär Klaus Kaiser die Urkunde zur Eintragung überreichen «, so Pieper. Bis zu vier Personen darf die Nieheimer Delegation stellen. »Es wäre schön, wenn unser Landrat Friedhelm Spieker als offizieller Vertreter des Kulturlandes Kreis Höxter dabei sein könnte«, hoffen die Nieheimer.

Spezielle Technik

Für die Herstellung von Nieheimer Flechthecken ist eine spezielle Technik vonnöten, die nun auch nachfolgenden Generationen in den Ortschaften mit Erfolg vermittelt worden ist und vom Heimatverein gerne weiter gefördert wird. Pieper: »Daumendicke Haselnussäste werden gebogen und mit Weidenruten gebunden. Letztlich entstehen drei Etagen geflochtener Äste mit einer Höhe von etwa 1,5 Metern, die zwischen den Haselnussbüschen stabil die Weiden begrenzen. Alle sechs bis zehn Jahre müssen die Hecken ausgelichtet sowie alle zehn bis 15 Jahre neu eingebunden werden.«

Stadtheimatpfleger Ulrich Pieper (auch Vorsitzender des Heimatvereins Nieheim) zeigt die typische Nieheimer Flechthecke – aus Haselnussästen gebogen. Foto: Harald Iding

Die Hecken grenzen nicht nur die Weiden ab, sie dienen auch als Wind- und Hochwasserschutz. Die Flechthecken stellen zudem wichtige Lebensräume für seltene Vogelarten und andere Tiere wie Igel dar. Früher fungierten sie auch als wichtige Lieferanten für Brennholz – und sogar als Futter für Vieh. »Das haben wir jetzt auch schriftlich«, berichtet Pieper.

Hecke als Schutz für das Vieh

Denn es ist eine Diplomarbeit (H.G. Petter) aus dem Jahre 1954 aufgetaucht, in dem die »Landespflegerische Bearbeitung der Gemarkung der Stadt Nieheim« ­näher beleuchtet wird. Darin kommt auch Landwirt Ferdinand Parensen zu Wort. Der Bauer hielt damals fest: »In den Dürrejahren 1893, 1904 und 1911 hat die Laubnahrung der Hecken das Vieh über die Hungerszeiten gerettet. Der Heckenschutz ermöglichte zudem ein frühes Austreiben und späten Eintrieb der Tiere.«

Flechthecke, Biegehecke und Wallhecke im Fokus

Ein weiteres großes Projekt in Sachen Flechthecken wäre möglich. »Mit dem Westfälischen Heimatbund und dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe möchte ich gerne drei Hecken thematisieren. Es sind die Nieheimer Flechthecke, die Lippborger Biegehecke bei Soest und die Wallhecken des Münsterlandes«, hofft Pieper.

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