Mi., 07.03.2018

Willibert Pauels (63) tritt am 16. März in der Germeter Pfarrkirche auf »Pappnase zu sein, ist sehr belastend«

Warburg (WB). Willibert Pauels (63) war viele Jahre einer der Vorzeige-Redner im Karneval. 400 Mal pro Jahr stand er in der Bütt. Mit Folgen: Nach einer schweren Depression änderte er sein Leben. Davon berichtet der »Bergische Jung«, der auch als Diakon arbeitet, am Freitag, 16. März, von 20 Uhr an in der Germeter Pfarrkirche. WB-Redakteur Jürgen Vahle hat vor dem ersten großen Kulturevent im Jubiläumsjahr »1000 Jahre Germete« mit ihm gesprochen.

Wenn dir das Lachen vergeht: Ich hoffe, Sie haben den Titel des Vortrags nicht so gewählt, weil Sie am 16. ins tiefste Warburger Land müssen?

Pauels: Nein, auf gar keinen Fall. Es ist der Titel meines Buches, das schon in der 5. Auflage erschienen ist. Wahrscheinlich verkauft es sich – leider – so gut, weil es von der Volkskrankheit Depression handelt. Fünf Millionen Menschen sollen darunter in Deutschland leiden. Ich will im Vortrag auch zeigen, dass es eine Krankheit ist, die mit professioneller Hilfe sehr gut behandelbar ist. Depressionen zu haben, ist keine Schmach.

Erwartet die Besucher in der Germeter Pfarrkirche nun ein humorloser Abend?

Pauels: Nein, keineswegs. Ich wollte das Buch eigentlich auch »Kirche, Karneval, Klapse« nennen, aber der Verlag hat sich für einen anderen Titel entschieden. Es geht in Buch und Vortrag nur zu einem Drittel um die Krankheit, zwei Drittel sind Unterhaltung. Der Vortrag ist eben eine Mischung aus den drei »K« – Kirche, Karneval, Klapse.

Tickets im Vorverkauf

Karten für den Auftritt von Willibert Pauels am 16. März in der Germeter Kirche sind zum Preis von 12 Euro im Infocenter und in der Buchhandlung Podszun in Warburg erhältlich. Darüber hinaus können Karten auch per E-Mail an verkehrsverein@germete.de oder telefonisch unter 05641/740848 (bei Thomas Vonde) bestellt werden. An der Abendkasse kosten die Karten 13 Euro. Einlass ist ab 19.30 Uhr. Es besteht freie Platzwahl.

Den Laien überrascht das: Eine solche Frohnatur kämpft mit Depressionen. Wie kam es dazu?

Pauels: Wie bei 90 Prozent der anderen Erkrankten auch. Nicht durch ein Trauma, sondern durch eine Veranlagung hin zur Schwermut und zum Grübeln. Das haben viele Bühnenmenschen. Und hauptberuflich eine Pappnase zu sein, ist sehr belastend – vor allem für Leute mit dieser Veranlagung. 400 Karnevalsauftritte im Jahr, jedes Mal mit Lampenfieber, jedes Mal mit Angst. Wie kommt die Rede an. Hören dir die Leute überhaupt noch zu. Das war bei mir der Auslöser.

In Germete würde man sagen: Wenn du Probleme hast, gehst du mal mit deinen Kumpeln abends in die Kneipe ein Bier trinken. Das wird schon wieder…

Pauels: Mit Freunden abends ein Bier zu trinken, ist etwas Herrliches. Und bei manchen Problemen kann das wirklich helfen. Man hat zwar morgens einen dicken Kopf, aber irgendwie sind die Sorgen weniger. Aber bei einer Depression ist der Alkohol teuflisch, wenn er wie ein Medikament eingesetzt wird. Er zieht einen immer tiefer in das Höllenloch. Und das Loch wird auch immer tiefer. Ich trinke fast gar keinen Alkohol mehr. Nur sonntags. Ich liebe halt Bier. Vollkommene Abstinenz geht beim Rheinländer auch nicht.

Wie haben Sie die Krankheit besiegt und wie leben Sie heute?

Pauels: Mit Hilfe eines erfahrenen Therapeuten und Medikamenten kann man die Krankheit sehr gut behandeln. Das ist auch eine meiner Botschaften. Ich übe jeden Tag das, was ich in der Therapie gelernt habe. Das hilft mir, über den Dingen zu stehen. Ich bin heute immer noch viel unterwegs, aber viel weniger im Karneval. Da habe ich vielleicht noch 20 Auftritte. Aber zweimal die Woche halte ich Vorträge und mache Lesungen. Aber natürlich habe ich heute immer noch einen gesunden Respekt: Hoffentlich geht das gut.

Zurück zum Humor: Worüber haben Sie denn heute schon gelacht?

Pauels: Über mich selbst. Ich habe heute Morgen bei minus acht Grad Brötchen geholt und zur Verkäuferin gesagt: Es wird Frühling, man merkt es… (Anm. der Redaktion:

 

Das Interview wurde am 1. März geführt).

Wie haben Sie es in schweren Zeiten geschafft, dass Humor nicht zum Galgenhumor geworden ist?

Pauels: Galgenhumor, dieser schwarze, englische Humor, ist etwas Wunderbares – im Gegensatz zum Sarkasmus, der eine Form von Verzweiflung und Traurigkeit ist. Ganz schlecht ist Humor ohne Liebe. Das nennt man dann Arroganz. Um dagegen gewappnet zu sein, helfen bei einer Depression Gespräche mit einem erfahrenen Therapeuten. Dann schafft man es, dass einen die dunklen Gedanken nicht gefangen nehmen.

Mal ein Wort zum Auftrittsort: die Germeter Pfarrkirche. Lautes Lachen in der Kirche halten manche für pietätlos…

Pauels: Ja, das habe ich auch schon erlebt. Das Fernsehen hatte mal einen meiner Gottesdienste so stark zusammengeschnitten, dass es dann nur noch eine Karnevalssitzung war. Da haben die konservativen Katholiken am Fernsehen Schnappatmung bekommen. Natürlich ist ein Gottesdienst kein Trallala oder ein Stuhlkreis im Kindergarten. Karneval und Kirche gehören auf den ersten Blick auch nicht zusammen, aber auf den zweiten Blick. Das Mythische in Karneval und Kirche ist dasselbe – und beide zeigen auch bei Krankheiten wie der Depression die gleiche heilende Perspektive.

Der Ostwestfale und der Warburger gelten ja im Rheinland als ziemlich humorlos. Stimmt das?

Pauels: Ich habe bei meinen Auftritten in Westfalen immer viel Humor gefunden. Was unterschiedlich ist, ist die Mentalität. Wenn der Rheinländer über Tische und Bänke springt, ist das normal. In Westfalen wird so etwas stationär behandelt, sagt ein Bekannter immer. Aber der Humor ist total gleich. Die Westfalen haben im Gegensatz zum Rheinländer vielleicht sogar noch mehr die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen.

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