Sa., 11.08.2018

Patientin stirbt an Blutvergiftung – Zusammenhang nicht bewiesen Ärzte vergessen langen Draht im Körper einer Frau

Der sogenannte Seldinger-Draht wird mit der Abrundung voran in ein Blutgefäß geschoben und dient als Führung für ein Katheter­röhrchen. Ein solcher Draht steckte acht Monate in einer betagten Patientin.

Der sogenannte Seldinger-Draht wird mit der Abrundung voran in ein Blutgefäß geschoben und dient als Führung für ein Katheter­röhrchen. Ein solcher Draht steckte acht Monate in einer betagten Patientin. Foto: Christian Althoff

Von Christian Althoff

Warburg (WB). Im Helios-Klinikum Warburg (Kreis Höxter) haben Ärzte einen 60 Zentimeter langen Draht im Körper einer betagten Patientin vergessen. »Ein grober Fehler«, wie ein Gutachter vor dem Landgericht Paderborn erklärte.

Bei der Rentnerin sollte eine verengte Ader mit einer Gefäßstütze erweitert werden. Dieser sogenannte Stent sollte über einen Katheter in das Blutgefäß eingebracht werden – ein Eingriff, der bundesweit fast 1000 Mal pro Tag vorgenommen wird.

Über einen Zugang am Hals wurde der Frau zunächst ein sogenannter Seldinger-Draht in die Vene geschoben, und zwar bis zu der Stelle, an der der Stent gesetzt werden sollte. Dieses Verfahren hatte der schwedische Radiologe Sven-Ivar Seldinger 1953 entwickelt. Der sterile, dünne, sehr flexible Draht dient als Führung für den eigentlichen Katheter, ein Kunststoffröhrchen. Der Führungsdraht soll verhindern, dass der Katheter, wenn er vorgeschoben wird, die Wand des Blutgefäßes verletzt.

Patientin stirbt an Blutvergiftung

Im Fall der Warburger Patientin vergaß der Arzt zunächst, den Draht, der etwa zehn Zentimeter aus dem Hals der Patientin herausschaute, festzuhalten, als er den Katheter vorschob. Dadurch verschwand der Seldinger-Draht vollständig im Körper. »So etwas sollte nicht vorkommen, kann aber mal passieren«, sagte der vom Gericht beauftragte Gutachter. Er schätze, dass sich so etwas an einer Uniklinik etwa einmal in fünf Jahren ereigne.

Der Arzt setzte der Frau den Stent, zog den Katheter wieder heraus und kümmerte sich nicht weiter um den Draht. Die Patientin wurde entlassen.

Acht Monate später, im August 2015, ging es der Frau zunehmend schlechter. Sie kam erneut ins Warburger Krankenhaus, wo der Draht bei der Untersuchung entdeckt wurde. Die Ärzte verlegten die Patientin in ein Krankenhaus nach Kassel, das den Draht herausoperierte. Die Frau kam aus der Klinik nicht mehr heraus: Sie starb dort nach einem Monat an einer Blutvergiftung.

Der Seldinger-Draht hat eine rauhe Oberfläche, weil er aus mehreren feinen Drähten zusammengedreht ist. Auf dieser Oberfläche hatten sich im Fall der Warburger Patientin Keime festgesetzt. »Dass diese Keime zu der Blutvergiftung geführt haben, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Es lässt sich aber auch nicht ausschließen«, erklärte der Gutachter. Zumindest seien nach Entfernung des Drahtes die Entzündungswerte der Frau gesunken.

18.000 Schmerzensgeld

Der Experte sagte, nach einem Eingriff müsse jedes Fremdmaterial entfernt werden. Im Warburger Fall müssen die Ärzte gewusst haben, dass der Draht zurückgeblieben war, denn die Patientin wurde nach dem Eingriff geröntgt, um den richtigen Sitz des Stents zu kontrollieren. »Und auf den Röntgenaufnahmen ist der Draht klar zu erkennen«, sagte der Gutachter.

Die Kinder der verstorbenen Frau verklagten die Ärzte und das Klinikum. Ihr Rechtsanwalt Nikolaos Penteridis, Fachanwalt für Medizinrecht: »Dass ein so großer Fremdkörper einfach in einem Patienten zurückgelassen wird, kann kein normaler Mensch verstehen.«

Die 4. Zivilkammer des Landgerichts Paderborn regte einen Vergleich an, dem beide Seiten zustimmten und der jetzt rechtskräftig geworden ist. Demnach zahlt das Klinikum den Hinterbliebenen 18.000 Euro Schmerzensgeld und trägt drei Viertel der Verfahrenskosten.

Maike Hesse, Sprecherin des Helios-Klinikums Warburg: »Nach unserer Auffassung hatte der Draht keine Auswirkung auf den Gesundheitszustand der Patientin. Wir haben uns bei den Angehörigen entschuldigt, den Fall mit unserem Ärzteteam aufgearbeitet.« Es seien organisatorische Maßnahmen eingeführt worden, um solche Vorkommnisse künftig zu vermeiden.

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