Di., 28.11.2017

Manfred Reißaus verlor die 22-Jährige bei der Loveparade-Katastrophe Briefe an die tote Tochter

Malermeister Manfred Reißaus aus Bad Salzuflen mit einem Foto seiner Tochter Svenja.

Malermeister Manfred Reißaus aus Bad Salzuflen mit einem Foto seiner Tochter Svenja. Foto: dpa

Von Helge Toben

Bad Salzuflen (dpa). Manchmal schreibt Manfred Reißaus seiner Tochter Svenja noch Briefe. Schreibt, wie sehr er sie vermisst. Und dass er wütend ist, »dass sie mich einfach so verlassen hat«.

Am 24. Juli 2010 hat der Malermeister seine 22 Jahre alte Tochter bei der Loveparade in Duisburg verloren. Und sein früheres Leben.  Der 55-Jährige will als Nebenkläger am bevorstehenden Loveparade-Prozess teilnehmen.

Als Svenja 14 Jahre alt war, trennten sich ihre Eltern. Sie und ihr jüngerer Bruder wuchsen beim Vater auf. Nach dem Abitur wollte Svenja Gerichtsmedizinerin werden. Als sie merkte, wie lang der Weg zur Pathologin ist, schwenkte sie auf Jura um. Sie studierte in Bochum, nicht weit weg von ihrer alten Heimat in Castrop-Rauxel.

Am Unglückstag, einem Samstag, wollte sie eigentlich nicht zur der Technoparade gehen, sondern noch für eine Klausur lernen, erzählt Reißaus. Einem Freund zuliebe tat sie es dann aber doch. »Als ich am Abend von dem Ganzen hörte, dachte ich, sie wird doch wohl nicht dahin gegangen sein.« Reißaus rief auf Svenjas beiden Handys an. Vergeblich.

»Nirgendwo gab’s meine Tochter«

Nach einer schlaflosen Nacht am Sonntagmorgen dann endlich die vermeintlich erlösende Nachricht: Alle Toten seien identifiziert, die Angehörigen verständigt, sagt jemand am Telefon. Der besorgte Vater und seine Freundin fallen sich erleichtert in die Arme und fahren nach Duisburg, Krankenhäuser abklappern. Doch wieder nichts: »Nirgendwo gab’s meine Tochter.«

Am späten Nachmittag fährt Reißaus entnervt zum Polizeipräsidium. Dort fragt man ihn: Wie groß war sie? Wie sah sie aus? Welche Kleidung trug sie? Noch am selben Tag muss er sie identifizieren. Reißaus’ Welt bricht zusammen. Im Gedränge der Loveparade verlieren 21 junge Menschen ihr Leben, hunderte werden verletzt. Nicht wenige leiden bis heute unter den Folgen.

Mehr als sieben Jahre sind inzwischen vergangen. Die erste Zeit war hart: »Am Anfang haben wir uns sehr alleingelassen gefühlt. Viele hatten sich abgewendet, weil sie nicht wussten, wie sie mit uns umgehen sollten.« Reißaus lebt jetzt in Bad Salzuflen. Auf einem Regal an der Wand neben dem Wohnzimmertisch stehen zwei gerahmte Porträtfotos von Svenja. Auf dem einen trägt sie die Bluse, die sie auch am Unglückstag trug. Ihr Vater hat sie später völlig zerrissen von der Polizei zurückbekommen.

Aus einer Vase ragen drei weiße Kunststoff-Rosen. »Das war die Tischdeko beim Leichenschmaus.« Geblieben ist auch Svenjas Katze Lissy, 17 Jahre alt. Sie kommt, wenn man sie ruft.

Bis heute kämpft er mit dem Verlust seiner Tochter

Reißaus hat nach der Katastrophe mühsam einen Weg zum Weiterleben gefunden. Er hat sich für die Einrichtung einer Gedenkstätte am Unglücksort stark gemacht, hat sich durch Aktenordner und Gesetzestexte gewühlt. Seit fast drei Jahren engagiert er sich für die Loveparade-Stiftung. Er ist Gründungsmitglied und sitzt im Beirat. Mit anderen Eltern steht er in engem Kontakt. »Wir treffen uns sieben, acht Mal im Jahr und telefonieren oft. Unser Motto lautet: Together we are strong.«

Auch seine Partnerin hat ihm geholfen: »Bei einem Kindstod gehen 80 Prozent der Beziehungen innerhalb von fünf Jahren ausein­ander. Ich habe 2014 geheiratet.« Seinen Beruf kann Reißaus seit dem Unglück nicht mehr ausüben. Ein Jahr nach dem Unglück gab der Selbstständige seine Firma auf. Bis heute kämpft er mit dem Verlust seiner Tochter. Immer noch hat er nachts oft Albträume und Schweißausbrüche. Seit drei Jahren nimmt er psychologische Hilfe in Anspruch.

Aber er sieht auch Fortschritte bei sich: »Nach sieben Jahren habe ich in diesem Jahr zum ersten Mal wieder Videokassetten mit Aufnahmen von Svenja angeguckt.« Auch sonst gebe es schon mal »Spässken«, zum Beispiel beim Spieleabend. »Biste dabei?«, sage er dann in Richtung des Fotos seiner Tochter.

»Ein Urteil ist für mich uninteressant«

 Vom Prozess erhofft sich Manfred Reißaus Aufklärung darüber, wie es zu dem Unglück kommen konnte. »Wir möchten als Eltern nicht, dass diese Sache noch mal passiert. Ein Urteil ist für mich uninteressant.« Er ist skeptisch, dass es vor der absoluten Verjährung der vorgeworfenen Taten im Juli 2020 überhaupt zu einem Urteil kommt. Ärgerlich ist Reißaus darüber, dass es vom Land Nordrhein-Westfalen keine finanzielle Unterstützung für die Nebenkläger zum Beispiel für Fahrtkosten gibt.

Bei den ersten sechs Verhandlungsterminen bis zum Jahreswechsel will Reißaus jeden Tag dabei sein. »Vielleicht gehe ich aber auch nur am ersten Tag hin.« Als Nebenkläger nimmt er die Hilfe von drei Anwälten in Anspruch. Und er hat sich etwas vorgenommen: »Das Schönste wäre, wenn ich mal aufstehen und den Angeklagten der Reihe nach in die Augen sehen könnte.«

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