Mo., 25.12.2017

Außergewöhnliches Förderprojekt der Lippischen Landeskirche hilft ehemaligen Häftlingen Mehr als ein Dach über den Kopf

Symbolbild.

Symbolbild. Foto: dpa

Detmold /Düsseldorf (epd). Wenn Karl-Heinz F. aus dem Fenster schaut, kann er die Justizvollzugsanstalt Detmold sehen. Dort hat er einen Teil seiner zweieinhalbjährigen Haftstrafe abgesessen. »Die Dummheiten liegen hinter mir«, sagt 62-Jährige. Er lebt jetzt in einer ehemaligen Dienstwohnung der Justizvollzugsanstalt. Die neue Unterkunft gehört zu dem vor einem Jahr gestarteten Modellprojekt von Lippischer Landeskirche und Detmolder Haftanstalt.

Der Tag von Karl-Heinz F. ist ausgefüllt: Um acht Uhr beginnt er seinen Fahrdienst für einen Umzugs- und Renovierungsdienst der diakonischen Stiftung »Herberge zur Heimat«. »In der Gruppe verstehen wir uns gut«, erzählt Karl-Heinz F., dem der Stolz über seinen ehrenamtlichen Fahrerjob anzumerken ist. Ab Mittag stehen dann oft Arzt- und Behandlungstermine auf seinem Programm. Wenn F. nach Hause kommt, widmet er sich seiner Leidenschaft: den großformatigen Puzzlespielen.

Weg wieder in ein selbstständiges Leben ebenen

Um F. und einen weiteren älteren Haftentlassenen kümmern sich Mitarbeiter der diakonischen Stiftung »Herberge zur Heimat«. Das Detmolder Projekt will mehr bieten als nur ein Dach über den Kopf, erläutert Paul Martens vom Sozialdienst der Stiftung. Es sei ein sozialer Knotenpunkt, bei dem sich die Menschen zugehörig fühlten, und eine Aufgabe hätten.

Ziel ist es, nach der Haft den Weg wieder in ein selbstständiges Leben zu ebnen. In Gesprächen mit den Sozialarbeitern der Herberge werden Perspektiven ermittelt und bei Bedarf Unterstützung organisiert.

Für das Projekt hat die Stiftung »Herberge zur Heimat« die Wohnung gemietet, die zwei Plätze bietet. Finanziert wird das Projekt für Menschen bis zur Vollendung des 65. Lebensjahres vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL). Nach Angaben der Diakonie Deutschland gibt es bundesweit nur wenig Vergleichbares, beispielsweise ein Wohnprojekt beim Diakonischen Werk im bayerischen Rosenheim.

»Da hat der Vater dann Dummheiten gemacht«

Wenn die »Herberge zur Heimat« zur Weihnachtsfeier einlädt, ist auch F. dabei. »Jetzt, wo alles weg ist, habe ich auch keine Freunde mehr«, erzählt er. Seine Frau hat sich während seiner Haft von ihm getrennt. Nur zu zwei seiner sieben Kinder, die überwiegend in Pflegefamilien und Heimen aufwuchsen, hat er Kontakt.

In die Haft nach Detmold und Bielefeld kam der gebürtige Koblenzer, weil er neue Handys bestellt hatte und sie, ohne sie zu bezahlen, weiterverkaufte. Karl-Heinz F. hatte seinen Job als Binnenschiffer auf der Donau verloren, mit dem Arbeitslosengeld II kam er nicht hin. »Da hat der Vater dann Dummheiten gemacht«, erzählt er.

Projekt als »Ausdruck christlicher Nächstenliebe«

Der Theologische Kirchenrat der Lippischen Landeskirche, Tobias Treseler, nennt das Projekt einen »Ausdruck christlicher Nächstenliebe«. Ein Netzwerk mit Partnern der Justizvollzugsanstalt, der »Herberge zur Heimat«, der Gefängnisseelsorge sowie von Ehrenamtlichen begleite die Zeit vor, während und nach der Entlassung.

Es sei wichtig, dass endlich einmal Modellprojekte für ältere Haftentlassene eingerichtet werden, würdigt die Expertin für Straffälligenhilfe der Diakonie Rheinland Westfalen Lippe, Sabine Bruns. Es gebe dafür »einen großen und spezifischen Bedarf, der leider überhaupt nicht abgedeckt wird«.

Problematisch werde es vor allem für ehemalige Gefangene über 65 Jahren, erläutert Bruns. Dann würden viele Hilfen schwerer greifen, auch weil dann ein anderer Kostenträger zuständig sei. In Nordrhein-Westfalen sind dann nicht mehr die Landschaftsverbände zuständig sondern die jeweilige Kommune

Hilfe gezielt für ältere Häftlinge

Ältere Haftentlassene haben häufig mit den Folgen einer langen Haftzeit zu kämpfen, wie der Experte für Straffälligenhilfe der Diakonie Deutschland, Rolf Keicher, erläutert. Dazu gehörten oft ein Verlust der Selbstständigkeit sowie Antriebslosigkeit. In dem fortgeschrittenen Alter kommen reguläre Jobs kaum noch infrage. Dadurch wird es noch schwerer, an eine Wohnung zu kommen.

Eine günstige Voraussetzung in Detmold war, dass die Justizvollzugsanstalt als erste von 38 Vollzugsanstalten in Nordrhein-Westfalen eine eigene Abteilung für ältere Gefangene eingerichtet hat. Bei älteren Menschen, denen sämtliche soziale Bezüge weggebrochen seien, werde es bei der Entlassung schwierig, sagt Direktor Oliver Burlage. Senioren- und Pflegeheime hätten ohnehin lange Wartelisten. Dort gebe es wenig Begeisterung, »wenn wir sie fragen, ob sie einen entlassenen Gefangenen übernehmen können«, erzählt der Direktor.

Ursprünglich sei das Angebot als ein Übergangsmodell gedacht gewesen, berichtet der Leiter der »Herberge zur Heimat«, Matthias Neuper. »Wir merken aber, dass die Hilfe langfristiger sein muss.« Karl-Heinz F. will jetzt nach vorne schauen. »Ich bin dankbar, dass ich hier eine Chance habe«, sagt er. »Mir wurde eine helfende Hand entgegengestreckt, und ich habe sie angenommen.«

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