Fr., 13.07.2018

Grüne suchen nach dem Kitt der Gesellschaft – und neuen Wählern Am Hermannsdenkmal: Habeck der Heimatforscher

»Das Schwierigste zuerst«: Für Robert Habeck ist das Hermannsdenkmal ein martialisches, kriegerisches Symbol – »einer der sperrigsten Orte auf der ganzen Sommerreise«.

»Das Schwierigste zuerst«: Für Robert Habeck ist das Hermannsdenkmal ein martialisches, kriegerisches Symbol – »einer der sperrigsten Orte auf der ganzen Sommerreise«. Foto: Oliver Schwabe

Von Thomas Hochstätter

Detmold (WB). Windräder, Biogasanlagen, E-Autos – was hätte das gemütlich werden können. Aber Ökologie hat sich Robert Habeck nicht als Thema für seine erste Sommertour als Grünen-Vorsitzender ausgesucht. Sondern die Suche nach dem, was die Gesellschaft zusammenhält. Zum Beispiel Nationalstolz.

Die Sonne ist nicht mehr zu sehen. Jetzt sind da nur noch Wolken über dem Flügelhelm. Robert Habeck hat sich im Schneidersitz auf einem Rasenstück am Rande des Weges zum Hermannsdenkmal niedergelassen. Schwarzes Hemd, breiter Ledergürtel, modische Jeans im Shabby-Look. Er redet nicht selbst, sondern hört aufmerksam zu. Vor ihm einer der Pappbecher, die die lippischen Grünen zur Freiluftgeschichtsstunde mitgebracht haben.

Seminaratmosphäre

Knapp 30 Menschen sitzen oder stehen an diesem Donnerstagnachmittag um den 48-jährigen Hoffnungsträger der Grünen herum. Seminaratmosphäre. Passanten schauen interessiert. Ein Pfauenauge lässt sich auf dem Haar einer Zuhörerin nieder. Nur der Cheruskerfürst dreht der Szenerie weiter den Rücken zu.

Es sind vor allem zwei Experten, denen Habeck da zuhört. Michael Zelle, Leiter des Lippischen Landesmuseums, und Karl Banghard, Leiter des Archäologischen Freilichtmuseums Oerlinghausen. Sie erläutern, warum die Hermannslegende so gut zur Gründung des deutschen Nationalstaates im 19. Jahrhundert passte. Es geht um die Ersatzfunktion des Mythos für ein bis dahin traditionsloses Bürgertum und den heutigen Umgang mit dem Denkmal. Ums riesige Arminiatrikot und die Show der Lichteffekte. Aber auch um Instrumentalisierung durch die politische Rechte. Und darum, welche Funktion der Nationalstaat in einer globalisierten Welt hat.

Besuch in der Kaserne

Die Grünen hätten sich für eine Tour mit anspruchsvollen Terminen entschieden, »die uns auch etwas zumuten«, erzählt Habeck. Früher am Tag hat er eine Kaserne besucht und sich mit Soldaten über ihr Selbstverständnis unterhalten. Weitere Termine bis zum Monatsende führen ihn zu Geschichtsträchtigen Orten wie der Frankfurter Paulskirche, dem Hambacher Schloss oder der Wartburg. Er besucht aber auch einen Drogenkonsumraum oder die Kleinstadt Kandel, die nicht zur Ruhe kommt, seit dort eine Jugendliche mutmaßlich von einem Flüchtling erstochen worden war.

Dazu passt der Titel der Sommertour, die im August von der Kovorsitzenden Annalena Baerbock mit dem Schwerpunkt Ostdeutschland fortgesetzt wird. »Des Glückes Unterpfand« – ein Zitat aus der Nationalhymne – soll für die Werte stehen, die laut den Grünen den Kitt der Gesellschaft bilden: Gerechtigkeit und sozialer Zusammenhalt in Deutschland wie in Europa. Habeck und Baerbock setzen sich nicht nur um der Sache selbst willen mit »sperrigen Orten« wie dem Hermannsdenkmal ausein­ander. »Parteien, die sich nur auf ihr angestammtes Milieu beziehen, haben die Anforderungen der Zeit nicht erkannt«, sagt Habeck. Es geht also um neue Wähler, wenn der Spitzengrüne sich an nationaler Symbolik abarbeitet. »Wir dürfen die Interpretation, was Deutschland ausmacht, nicht den Rechtspopulisten überlassen«, sagt er unterhalb des Denkmals in Detmold.

Fragestunde in Bielefeld

Die Grünen müssten diese Konfrontation suchen, sagt der scheidende schleswig-holsteinische Umweltminister. Die Voraussetzungen seien da. »Wir sind geschlossen wie lange nicht mehr. Auch entschlossen. Und manövrierfähig.« Eigenschaften, die er derzeit bei der SPD nicht sehe. »Leidenschaft, Empathie und Ernsthaftigkeit werden darüber entscheiden, wer im progressiven Bereich den Weg weist.« Es geht also um die Führungsrolle links der politischen Mitte? Die SPD handele wie die ganze Große Koalition vor allem in Angst vor der AfD. »Wenn wir die Leute auf die Seite der Vernunft ziehen – dann kann das dazu führen, dass wir an der SPD vorbeiziehen«, sagt Habeck. Den Tag in OWL beschließt er mit einer Fragestunde in Bielefeld. Der Raum im Historischen Museum ist für den Andrang zu klein. Habeck weicht nach draußen aus. Er spricht vor einer Sommerkino-Leinwand. Eine Bühne wie für Spiele der Nationalmannschaft. Aber die hat jetzt Ferien und sucht nach ihrem Selbstverständnis.

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