Di., 20.02.2018

Einsatztrupp in Oerlinghausen unterwegs Die mühsame Jagd nach Einbrechern

Polizisten des Einsatztrupps überprüfen in Oerlinghausen Männer, die nachts zu Fuß unterwegs sind.

Polizisten des Einsatztrupps überprüfen in Oerlinghausen Männer, die nachts zu Fuß unterwegs sind. Foto: Christian Althoff

Oerlinghausen (WB).  »Die Leute, die wir suchen, sind Profis. Die setzen den Schraubendreher zweimal am Fenster an und sind drin«, sagt Heiko Wind (48) und starrt durch die Windschutzscheibe.

Die Nacht ist kalt. Dort, wo die hohen Nadelbäume der Wistinghauser Senne am Tag kaum Sonne auf die Waldwege gelassen haben, leuchten Schneereste im Licht der Autoscheinwerfer. Langsam lenkt der Hauptkommissar den Opel über den holprigen Weg. Das Gerät in der Mittelkonsole für den kreisweiten Polizeifunk hat er leiser gedreht. Heute Nacht ist für ihn wichtiger, was aus dem kleinen Handfunkgerät kommt, das auf seinem Schoß liegt und mit dem er Kontakt zu zwei anderen Zivilwagen in der Nähe hält.

Zahl der Einbrüche ausschließlich in Lippe angestiegen

Heiko Wind leitet den Einsatztrupp der Polizei Lippe, der versucht, die Einbruchsserie in Oerlinghausen zu stoppen. 14 Jahre war er Drogenfahnder, bevor er den Trupp übernahm. Auf dem Papier ist der ET zehn Mann stark, aber wegen Elternzeit, Urlaubs und Grippe kann Heiko Wind froh sein, wenn er drei Zivilwagen besetzen kann. »Zweimal sind Kollegen schon von misstrauischen Anwohnern gestoppt worden«, erzählt der Fahnder, während er den Opel durch die Dunkelheit steuert.

»Die Leute wollten wissen, was wir nachts in ihrer Straße machen.« Bei manchen Menschen in Oerlinghausen liegen die Nerven blank. Sie sagen nebenan Bescheid, wenn sie zum Einkaufen gehen, damit der Nachbar ein Auge auf ihr Haus hat, sie beäugen jeden Fremden, und sie halten sich über eine WhatsApp-Gruppe auf dem Laufenden. »Ich kann die Leute verstehen«, sagt der ET-Leiter. »Hier in der Nähe gibt es eine Straße, da waren die Einbrecher in fünf Häusern.«

Bewohner der ZUE unter Verdacht

Der Kreis Lippe ist seit Jahrzehnten eine der sichersten Regionen Nordrhein-Westfalens. Schon mehrfach stand er landesweit auf dem besten Platz, wenn man die Zahl der Straftaten pro 100.000 Einwohner betrachtete. Und jetzt lässt diese Einbruchsserie viele Menschen in der 18.000-Einwohner-Stadt nicht mehr ruhig schlafen. Ihre Angst ist begründet. In den angrenzenden Kreisen Höxter, Paderborn, Herford, Gütersloh und Minden-Lübbecke ist die Zahl der Einbrüche 2017 erheblich zurückgegangen, sogar in der Großstadt Bielefeld. Nur in Lippe ist sie gestiegen, jedenfalls nach vorläufigen Zahlen der Behörde.

Polizisten vermuten die Einbrecher unter den Bewohnern der Zentralen Unterbringungseinrichtung (ZUE) , die das Land in einer früheren Suchtklinik an der Robert-Kronfeld-Straße betreibt, direkt neben dem Segelflugplatz. Der Waldweg, auf dem Heiko Wind mit dem Zivilwagen unterwegs ist, ist nicht weit entfernt. »Es gibt bestimmt zehn Straßen und Wege, die man von der ZUE nehmen kann, wenn man in Oerlinghausen oder Stukenbrock einbrechen will. Manchmal laufen die Leute auch quer über den Flugplatz. Das alles macht es uns schwer«, sagt der Polizist.

Wenn Heiko Wind sich seinen Einsatz malen könnte, sähe der so aus, dass ein Einbruch geschieht, während er und seine Leute an strategischen Punkten zwischen dem Tatort und der ZUE stehen. Aber dazu gehört viel Glück, und daran mangelt es zur Zeit.

Polizei Detmold gründet Ermittlungskommission

Während der Einsatztrupp für Observationen und Kontrollen rund um die ZUE zuständig ist, gibt es in der Zentrale in Detmold eine Ermittlungskommission, bei der alles zusammenläuft – die Erkenntnisse des ET, die Aussagen von Opfern und Zeugen, die Berichte der Spurensicherung.

In der zweiten Februarwoche bekam die Ermittlungskommission einen Fuß in die Tür: Gegen einen vorbestraften Albaner, der in der ZUE gemeldet war, gab es Hinweise, die für einen Durchsuchungsbeschluss reichten. Tatsächlich fanden die Polizisten in seinem Zimmer Beute aus mehreren Einbrüchen. Der Albaner und ein Landsmann, ein mutmaßlicher Komplize, kamen in Untersuchungshaft. Aber nach einigen Tagen wurde der nächste Einbruch gemeldet. »Mich hat gewundert, dass der Albaner so leichtsinnig war und die Beute in seinem Schrank aufbewahrt hat«, sagt Heiko Wind. Er vermutet, dass andere Einbrecher irgendwo in der Senne Depots anlegen. »Spaziergänger haben vor einiger Zeit eines im Wald entdeckt. Wir haben dort eine Wildkamera aufgehängt, aber die war eines Tages verschwunden.«

Probleme seit 2017

Über Funk melden Beamte des Einsatztrupps, dass drei Männer mit Rucksäcken Richtung ZUE gehen. »Überprüft die mal bitte«, sagt Heiko Wind. Seine Kollegen werden die Unbekannten nach ihren Ausweisen fragen, aber in die Rucksäcke schauen dürfen sie nicht. »Das geht nur bei einem begründeten Verdacht. Wenn wir gerade einen Einbruch gehabt hätten, könnten wir eine Durchsuchung begründen, oder wenn einer von denen nach Cannabis riecht. Aber einfach so – da sind uns die Hände gebunden.«

Die ZUE gibt es schon seit fünf Jahren, aber die Probleme begannen erst 2017. Da entschied das Land, hier geballt jene Flüchtlinge unterzubringen, die keine Bleibeperspektive haben. Etwa 470 sind es im Moment, vor allem Georgier und Albaner. »Keine Bleibeperspektive heißt aber nicht, dass die Leute schnell abgeschoben werden«, sagt Heiko Wind. »Zwei Jahre bleiben die meisten schon hier.«

Die Polizei kennt zwar die Personalien aller Bewohner der ZUE, aber oft genug halten sich hier auch Unbekannte auf. »Wir nennen die Fremdschläfer. Die klettern nachts über den Zaun und kommen bei Landsleuten unter, ohne dass der Sicherheitsdienst etwas bemerkt. Ob sie die ZUE als Ausgangsbasis für Einbrüche nutzten oder ob es vielleicht Hehler sind – wir wissen das nicht«, sagt der Polizist.

Viele einzelne Puzzlestücke

Heiko Wind lenkt seinen Zivilwagen jetzt langsam durch eine Anliegerstraße. Als er an einem geparkten Opel Corsa vorbeifährt, ruft er über Funk die Leitstelle. »Hermann für Hermann 11 81. Könnt ihr mal einen Halter überprüfen?« Wind gibt das Kennzeichen des Corsas durch, das mit LIP-Q beginnt. »Kennzeichen mit Q wurden erst vor kurzem ausgegeben. Der Wagen könnte einem Bewohner der ZUE gehören«, erklärt der ET-Leiter. Denn viele Georgier hätten Autos und wechselten sie auch immer wieder, sagt er. Doch diesmal ist alles in Ordnung. Der Wagen gehört einer Lipperin. Andernfalls hätte Heiko Wind das Kennzeichen an die Ermittlungskommission gemeldet – als ein Puzzlestück, von dem niemand weiß, ob es nicht einmal wichtig sein wird. Einbrecher fangen – das ist ein zähes Geschäft.

 

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