Mi., 07.03.2018

Nach massiver Serie von Einbrüchen: 200 Menschen bei Bürgerversammlung NRW lenkt ein: Weniger Flüchtlinge in der ZUE Oerlinghausen

Die Zentrale Unterbringungs-Einrichtung (ZUE) in Oerlinghausen.

Die Zentrale Unterbringungs-Einrichtung (ZUE) in Oerlinghausen. Foto: Christian Althoff

Von Christian Althoff

Oerlinghausen (WB). Die Landesregierung lenkt ein: Nach Protesten der Bürger aus Oerlinghausen und Schloß Holte-Stukenbrock wird die Zahl der Menschen in der Zentralen Unterbringungs-Einrichtung (ZUE) Oerlinghausen von zuletzt fast 500 auf 300 reduziert.

Mehr Ladendiebstähle, mehr Einbrüche: Etwa 200 Menschen sind am Montagabend ins Niklas-Luhmann-Gymnasium gekommen, um von Staatssekretär An­dreas Bothe aus dem NRW-Flüchtlingsministerium zu erfahren, wie es denn nun weitergeht mit der ZUE.

Denn ein Teil der dort lebenden abgelehnten Asylbewerber, vor allem Georgier und Albaner, ist nach Erkenntnissen der Polizei verantwortlich für den Kriminalitätsanstieg in den beiden Städten. Oerlinghausens Bürgermeister Dirk Becker erinnert an eine Resolution, mit der der Stadtrat die geballte Unterbringung von Menschen ohne Bleibeperspektive in einer einzigen Einrichtung ablehnt.

Zahl der Ladendiebstähle verdoppelt

Ganz vorne in der Aula sitzt Anne Bißmeier. Als die Immobilienkauffrau aus Oerlinghausen am 28. Oktober nach Hause kam, waren alle Zimmer durchwühlt. Schmuck, Uhren, Geld – alles weg. »Ich habe erst Mal alles abgeputzt, weil ich mich so geekelt habe«, sagt sie. Der Einbruch hat das Leben der Kauffrau verändert. »Wenn ich aus dem Haus gehe, kontrolliere ich jedes Fenster. Man hat jetzt eine gewisse Grundangst.« Anne Bißmeier gründete eine Whats-App-Gruppe, in der Nachbarn nun verdächtige Beobachtungen austauschen und sich informieren, wenn sie ihr Haus verlassen.

Das Misstrauen ist berechtigt. Polizeidirektor Gerhard Wolf von der Polizei Gütersloh berichtet, die Zahl der bekanntgewordenen Ladendiebstähle habe sich 2017 in Stukenbrock auf 155 verdoppelt. 2017 – das war das Jahr, in dem das Land begann, geballt Flüchtlinge ohne Bleibeperspektive in der ZUE Oerlinghausen unterzubringen. Polizeidirektor Bernd Stienkemeier aus Detmold spricht von einer Zunahme der Einbrüche in Oerlinghausen innerhalb eines Jahres von 42 auf 89.

»Und diese Zunahme verteilt sich nicht auf das gesamte Stadtgebiet, sondern sie konzentriert sich in der Südstadt, also in der Nähe der ZUE. Klar, dass sich die Menschen dort unsicher fühlen.«

Polizei Lippe unterbesetzt

Vielleicht gibt es sogar mehr Einbrüche als die Polizei weiß. Ali-Reza Brojerdi, Inhaber des Restaurants »Check In« am Segelflugplatz, erzählt von neun Einbrüchen, von denen er aber nur drei angezeigt habe. »Das bringt doch sowieso nichts.«

Die Menschen wissen, dass die Polizei nicht überall sein kann. Ein kleines Vermögen hat Waltraud Klemme ausgegeben, um ihren Bungalow sicherer zu machen. »38 Jahre lang konnten wir unsere Terrassentür offenstehen lassen. Diese Zeiten sind leider vorbei«, sagt sie. Jetzt schützt sie sich mit Gittern und stärkeren Schlössern. »Aber was machen die Menschen, die sich das nicht leisten können?«

Die Polizei Lippe, zu Gunsten des Rheinlandes unterbesetzt wie viele ländliche Behörden, versucht ihr Bestes. Eine Ermittlungskommission trägt zusammen, was über Täter und Taten zu erfahren ist, und ein ziviler Einsatztrupp patrouilliert in der Südstadt.

Keine Autos mehr zulassen

Es sind viele kleine Maßnahmen, von denen sich die Polizei etwas erhofft. So erkennt etwa das Straßenverkehrsamt Lippe die ZUE nicht mehr als Meldeadresse an – mit der Folge, dass dort lebende Georgier keine Autos mehr zulassen können. Bernd Stienkemeier: »Wenn sie mobil sind, schwärmen einige von ihnen in umliegende Städte aus und begehen Ladendiebstähle. Das wollen wir unterbinden.«

Auch die Staatsanwaltschaft Detmold ziehe mit. »Sie hat uns Haftbefehle besorgt, mit denen wir Serienladendiebe aus dem Verkehr ziehen konnten.« Eine Videoüberwachung der ZUE auch mit Nachtsichtgeräten, eine Aufstockung der privaten Sicherheitskräfte auf 36 Mitarbeiter und zwei Zimmerkontrollen pro Tag – auch das soll den Druck auf die Täter erhöhen.

»Ja, die Situation ist angespannt«

Staatssekretär Andreas Bothe, der bei seinem letzten Besuch in Oerlinghausen nach Ansicht einiger Bürger die Probleme noch bagatellisiert hatte, backt an diesem Abend kleine Brötchen. »Ja, die Situation ist angespannt«, sagt er. Und verkündet, dass das Land die Belegung der ZUE mit ihren bis zu 600 Plätzen auf 300 zurückfahren werde. »Aktuell leben dort 348 Menschen, und es werden noch weniger«, sagt Bothe. Was er nicht sagt: Diese Reduzierung gilt erst einmal nur für sechs Monate.

Trotzdem endet der Abend mit einer guten, versöhnlichen Nachricht: Sieben Männer, berichtet Polizeidirektor Stienkemeier, säßen inzwischen in Untersuchungshaft. Alle hätten einen Bezug zur ZUE gehabt. »Seit der letzten Festnahme vor etwa vier Wochen hat es keinen Einbruch mehr gegeben. Hoffen wir, dass das lange so bleibt.«

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