Sa., 23.12.2017

Senioren erinnern sich an den letzten Heiligabend-Gottesdienst in Haustenbeck 1938 Weihnachtsfest mit viel Wehmut

Dieter Kelle präsentiert ein altes Foto von der Haustenbecker Kirche. In dem Gotteshaus wurde im Jahr 1938 der letzte Weihnachtsgottesdienst gefeiert. Das war ein Jahr vor der endgültigen Aufgabe des Dorfes Haustenbeck.  

Dieter Kelle präsentiert ein altes Foto von der Haustenbecker Kirche. In dem Gotteshaus wurde im Jahr 1938 der letzte Weihnachtsgottesdienst gefeiert. Das war ein Jahr vor der endgültigen Aufgabe des Dorfes Haustenbeck.   Foto: Klaus Karenfeld

Schlangen (WB/Kar). Das Weihnachtsfest ist für viele willkommene Gelegenheit zur besinnlichen Erinnerung. Und je älter der Mensch wird, umso mehr denkt er an die eigene Kindheit zurück. Im Gespräch mit der SCHLÄNGER ZEITUNG unternahmen sechs Senioren eine bildreiche Zeitreise ins Jahr 1938, als in Haustenbeck der letzte Weihnachtsgottesdienst gefeiert wurde – ein Jahr vor der endgültigen Aufgabe des Dorfes.

Der Weihnachtsmorgen begann traditionell früh. Um 5 Uhr bereits musste die kleine Glocke der evangelischen Kirche geläutet werden. Die Haustenbecker wussten dann, dass in einer Stunde der Festgottesdienst anfangen würde. Der große Eisenofen an der Nordseite der Kirche sorgte für die gewohnt wohlige Wärme. »Und doch war dieses Mal alles ganz anders, als in den Jahren zuvor«, berichtet der heute 87-jährige Helmut Mehrmann. »Wir wussten, dass es unser letztes Weihnachtsfest in Haustenbeck sein würde. Unser Dorf stand der Erweiterung des Truppenübungsplatzes Senne im Wege und sollte weichen.«

Haustenbeck war im Jahr 1938 ein Vorzeigedorf

Pauline Schwede, fünf Jahre älter als Helmut Mehrmann, spricht aus, was viele damals gedacht haben müssen: »Wir alle waren sehr traurig. So etwas wie Abschiedsstimmung machte sich in der Gemeinde breit.« Viele Mitbewohner hatten da schon ihrer Heimat zwangsweise den Rücken gekehrt.

Haustenbeck im Jahr 1938 sei ein Vorzeigedorf mit einer guten Infrastruktur gewesen, berichtet Helmut Mehrmann weiter: »Es gab hier eine Kirche, eine Schule, einen Kindergarten, einen Kolonialwarenladen, einen Arzt, eine Diakonieschwester und auch einen Apotheker. Dass es diesen intakten wie lebendigen Ort mit seinen damals 1.300 Einwohnern nicht mehr geben sollte, war für die meisten von uns nicht nachvollziehbar.«

Anders als heute gab es zu Weihnachten meistens Schnee. Der Weg zur Kirche führte über einfache Sandwege. »Ein Paar Überziehschuhe waren mein größter Wunsch und Traum«, erinnert sich Emmi Neese. Er ging in Erfüllung.

Um 6 Uhr begann der Gottesdienst

Nach und nach füllten sich die Bänke. »Es gab Familien, die ihre eigenen festen Sitzplätze hatten«, wirft Dora Tegeler ein. Normalerweise saßen die Männer für sich auf der einen Seite, die Frauen auf der anderen. Am Weihnachtstag allerdings setzten sich die Familien zusammen.

Um 6 Uhr begann der Gottesdienst. Ein Meer aus Kerzen verwandelte den Innenraum in eine strahlend leuchtende Lichterkirche. Neben dem Altar stand der Weihnachtsbaum, den die Kirchenältesten am Vortag aufgestellt hatten.

Am Weihnachtsgottesdienst beteiligten sich auch die Schulkinder und die Konfirmanden. Zusammen mit ihren Lehrern hatten die Klassen die schönen, alten Weihnachtslieder für die Lichterkirche eingeübt. Es gab auch einen Flötenkreis. »Lehrer Sprenger war klein von Statur. Um für den Chor gut sichtbar zu sein, stieg er bei jedem Einsatz auf einen Hocker«, erzählt Emmi Neese und lächelt.

Der letzte Gottesdienst fand am Totensonntag 1939

Pastor Hans Held hatte für seine Predigt einen Vers aus dem zweiten Korintherbrief gewählt: »Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: Er, der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen.« Obwohl viele Anwesende um die Wehmütigkeit des Augenblicks wussten, soll es ein alles in allem fröhlicher letzter Weihnachtsgottesdienst in Haustenbeck gewesen sein.

Wieder zu Hause folgte die mit so viel Spannung erwartete Bescherung. »Die Haustenbecker waren nicht verwöhnt«, bestätigt Christel Hansmann. »Die Freude über eine Wollmütze oder ein Paar Handschuhe war groß. Und zur Feier des Tages gab es auch einen Naschteller mit Nüssen, Gebäck und sogar einer Apfelsine.«

In jeder Wohnung erstrahlte ein festlich geschmückter Christbaum, erinnert sich Günter Rohde. »Die Tanne wurde nur selten beim Revierförster gekauft. Die meisten Haustenbecker gingen in den nahen Wald, suchten sich ein schönes Exemplar aus und sägten den Baum kurzerhand ab.«

Übrigens: Der letzte Gottesdienst, der in Haustenbeck gefeiert wurde, fand am Totensonntag 1939 statt. Den Menschen, die ihre Heimat zwangsweise verlassen mussten, blieb einzig und allein die Erinnerung.

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