Fr., 12.01.2018

Dirk Tornede aus Schlangen befürchtet verheerende Folgen durch den Artenrückgang »Nächstes Massenaussterben droht«

Für viele Insekten wird es immer schwieriger, Nahrung zu finden, da es immer weniger natürliche Grün- und Blühgebiete gibt. Das Bild zeigt ein »Großes Heupferd«, das auf einem Halm an der Fürstenallee in Schlangen klettert.

Für viele Insekten wird es immer schwieriger, Nahrung zu finden, da es immer weniger natürliche Grün- und Blühgebiete gibt. Das Bild zeigt ein »Großes Heupferd«, das auf einem Halm an der Fürstenallee in Schlangen klettert. Foto: Robin Jähne

Von Anneka J. Hilgenberg

Schlangen (WB). Der Artenverlust weltweit und vor der eigenen Haustür wird vielen immer bewusster. Dagegen will der Kreis Lippe etwas tun und lädt am 12. und 13. Januar zur 1. Lippischen Artenschutzkonferenz ins Detmolder Kreishaus ein. Diese Zeitung hat bei Nabu-Experte Dirk Tornede nachgefragt, was jeder einzelne jetzt tun kann.

»Fünf große Massenaussterben gab es in der Geschichte der Erde schon. Nun steht das sechste unmittelbar bevor: Die Zahl der Insektenarten nimmt rasant ab. Die Folgen sind verheerend«, schildert Tornede die Situation. 20 Jahren haben Wissenschaftler Insektenbestände in Naturschutzgebieten unter immer gleichen Bedingungen untersucht. Die Forscher haben bis heute einen Rückgang der Insektenarten von etwa 75 Prozent festgestellt.

Das ist für diesen vergleichsweise kurzen Zeitraum eine rasante Entwicklung, die in Zukunft noch schneller fortschreiten wird. »Überall, wo Insekten geeigneten Lebensraum finden, pflanzen sie sich fort. Der Rückgang in Schutzgebieten zeigt, dass sie es nicht mehr schaffen, sich zu verbreiten. Sie verhungern auf dem Weg von einem Schutzgebiet zum nächsten«, erläutert der Schlänger.

Es fehlt natürlicher Lebensraum

Den Insekten fehle es an natürlichem Lebensraum. »Die Lage ist dramatisch. Der Klimawandel ist nicht vorrangig schuld an dieser Situation«, erläutert Tornede. Die Ursache liegt seiner Meinung nach in der Zerstörung und Fragmentierung der Lebensräume: »Für die ist der Mensch verantwortlich«, betont er. Der Trend zu immer kleineren Gärten, einer immer dichteren Bebauung sowie immer weniger natürlicher Grün- und Blühgebiete. Tornede: »Wir steuern auf eine ähnliche Entwicklung wie in China zu: Dort werden Obstbäume von Menschen mit einem Pinsel bestäubt.«

Der Erhalt der Insektenvielfalt sei elementar, um die Nahrungsgrundlage für viele Tiere und die Pflanzenbestäubung zu sichern. Das gelte auch für den Großteil der Nutzpflanzen. Tornede: »Es geht um die Artenvielfalt, die geschützt werden muss. Die Erde hat einen gewissen Spielraum, in dem sie sich selbst regenerieren kann. Der jetzige Verlust an Biodiversität liegt weit außerhalb der für das Ökosystem erträglichen Grenze. Wenn nur wenige Arten aussterben, können andere Arten deren Funktion übernehmen. Wenn aber zu viele aussterben, wird das System instabil.«

Auch die Landwirtschaft muss seiner Meinung nach umdenken: »Immer neue Pflanzenschutzmittel, deren Langzeitwirkung nicht erforscht ist, kommen auf den Markt.« Grundsätzlich gebe es hierzulande zu wenig ungenutzte Flächen mit einheimischen Blühpflanzen. Auch die EU-weite Stilllegung von zehn Prozent aller Ackerflächen sei abgeschafft.

Insekten haben keinen Platz mehr

In der intensiven Landwirtschaft fehlen Insekten die Ackerwildkräuter zwischen den Ertragspflanzen. Die Ackerrandstreifen sind zudem häufig weggepflügt. Auf den zu schmalen Feldrändern dominieren Gräser. Und durch die allgemeine Überdüngung und Intensivierung wird auch das Grünland immer ärmer an blühenden Kräutern. Schon vor zehn Jahren hat Deutschland sich international verpflichtet, bis zum Jahr 2020 die Biodiversität der Arten zu erhalten. »Es ist erschreckend, dass solche Verpflichtungen einfach nicht umgesetzt werden. Viel schlimmer ist noch, dass niemand darüber spricht, dass es gar nicht mehr möglich sein wird, die Ziele zu erreichen«, äußert sich Dirk Tornede besorgt.

Der Schlänger ist überzeugt, dass jeder in seinem eigenen Garten einen kleinen Teil zu dem Erhalt der Artenvielfalt beitragen kann: »Der Trend zu Steingärten ist dabei nicht förderlich ebenso wenig wie exotische Pflanzen. Einheimische Insekten brauchen einheimische Blühpflanzen. Schon eine gefüllte Rose ist wertlos für unsere Arten«, erklärt Tornede. Auch Azaleen und Hortensien haben demnach für unsere Insekten keinen Wert, ebenso wie viele Zierbäume und -sträucher.

»Wichtig sind heimische Stauden und Gehölze. Damit können unsere Insekten etwas anfangen. Eine Vielzahl davon liefert ihnen das ganze Jahr Nahrung. Und im Herbst sollte jeder deshalb etwas Verblühtes stehen lassen, auch wenn es nicht mehr so schön aussieht«, rät er. Der Ordnungssinn, mit dem Gärten heute angelegt und gepflegt werden, entspricht Tornede zufolge nicht dem, was die Tierwelt braucht.

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