Do., 01.02.2018

Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann zu Gast am Gymnasium Horn-Bad Meinberg Eine ganz besondere Unterrichtsstunde

Pädagogik-Unterricht im Gymnasium Horn-Bad Meinberg mal anders: Der namhafte Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann (vordere Reihe Siebter von links) hat vor Schülern aus Schlangen und Horn-Bad Meinberg gesprochen und mit ihnen über das Thema Entwicklung bei Kindern und Jugendlichen diskutiert.

Pädagogik-Unterricht im Gymnasium Horn-Bad Meinberg mal anders: Der namhafte Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann (vordere Reihe Siebter von links) hat vor Schülern aus Schlangen und Horn-Bad Meinberg gesprochen und mit ihnen über das Thema Entwicklung bei Kindern und Jugendlichen diskutiert. Foto: Yannik Schlingmann

Schlangen/Horn-Bad Meinberg (WB/som). Diese Doppelstunde Pädagogik werden die Schüler des Gymnasiums Horn-Bad Meinberg so schnell nicht mehr vergessen: Der namhafte Sozialwissenschaftler und Professor Klaus Hurrelmann (74) hat die Abiturienten unterrichtet.

Die 50 Schüler aus Schlangen und Horn-Bad Meinberg erwarten einen klassischen Vortrag. Als Klaus Hurrelmann den Raum betritt, wird es ganz still. Immerhin begegnen die Schüler der Leistungs- und Grundkurse Pädagogik dem Mann, über den sie schon einiges gelernt haben. Ein spannender Moment.

Klaus Hurrelmann hat sich als Erziehungs-, Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswissenschaftler in Deutschland einen Namen gemacht. Er ist Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin. Auf Einladung von Direktor Dr. Peter Pahmeyer ist Hurrelmann aus der Hauptstadt nach Lippe gereist, um mit den Schülern zu sprechen.

Hurrelmann, der sich zeitlebens auch mit den Übergängen vom Kindes- über das Jugend- zum Erwachsenenalter beschäftigt hat, doziert nicht. Er fordert die Schüler heraus, will von ihnen erfahren, inwieweit sie selbst sich bereits »erwachsen« fühlen. Im Dialog sucht er mit ihnen nach Erklärungen, warum die Kindheit immer kürzer ausfällt.

Zur Person

Klaus Hurrelmann hat an der Universität Münster und der University of California, Berkeley studiert und zum Thema Bildungssysteme und Gesellschaft promoviert. Hurrelmann war Gründungsdekan der ersten Fakultät für Gesundheitswissenschaften in Deutschland an der Universität Bielefeld. Der 74-Jährige ist Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin. Sein Forschungsinteresse gilt dem Bereich Gesundheits- und Bildungspolitik.

Dabei setzt der Wissenschaftler auf seine Lebenserfahrung, verdeutlicht wissenschaftliche Erkenntnisse mit Rückbezügen auf sein eigenes Leben als Kind und Jugendlicher. Klaus Hurrelmann erzählt aus seiner Biografie. 1944 geboren, hat er seinen Vater erst mit vier Jahren kennen gelernt, als dieser aus dem Krieg heimkehrte: »Er war ein traumatisierter Mensch, der sich aus dem Korsett von Krieg und Naziideologie innerlich nicht frei machen konnte«, beschreibt es Hurrelmann.

Er schildert diese Zäsur anschaulich, die Stimmung der Nachkriegszeit in Nordenham wird greifbar. Nach acht Jahren Volksschule wechselten nur eine Handvoll Kinder auf das Gymnasium. Klaus Hurrelmann wäre fast nicht dabei gewesen. Doch sein Schulleiter konnte seine Eltern schlussendlich überzeugen.

Hurrelmann spricht über seine Erfahrungen mit Lehrern. »Kniebeugen rauf und runter, ein besonders ungünstiges Modell des Gymnasiums«, erinnert er sich. Bei Regelverletzungen gab es nicht nur in der Schule oft die Prügelstrafe. Anschaulich beschreibt der 74-Jährige die selbst erlebte Konditionierung durch Demütigung, Erniedrigung und Angst, die bei ihm zuhause im Oldenburger Land geherrscht habe.

Immer wieder gelingt es ihm, seine historischen Erfahrungen mit der Gegenwart seiner Zuhörer zu kontrastieren: Fluch und Segen des Medienkonsums, Komplexität und Unübersichtlichkeit der Anforderungen, Ängste vor Terror, Folgen des demografischen Wandels. Klaus Hurrelmann beschreibt sich als einen begabten und lerneifrigen Schüler, eher still und angepasst: »Keine große Nummer bei den Gleichaltrigen.« Sein Vater, der sich von ihm ein anderes Jungenideal erhofft hatte, »sah das mit Unruhe«, erzählt Hurrelmann. Er zeigt den Schülern auf, wie damals und heute »normale« Entwicklung aus dem Ruder laufen kann. Diese Erfahrungen haben seinen pädagogischen Blick geschärft und seine berufliche Entwicklung beeinflusst.

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Es bedarf immer Menschen, die zuhören, hinsehen und Neuanfänge, eine zweite Chance, ermöglichen

Klaus Hurrelmann

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Die Schüler sind gebannt von seinen Erzählungen. Er berichtet auch davon, wie er geklaut hat, um zu den »Coolen« zu gehören. Aus dem sensiblen und schüchternen Jungen aus Gotenhafen war ein Junge geworden, der sich bei Gleichaltrigen um jeden Preis einen Ruf erwerben wollte. Der Professor skizziert am eigenen biografischen Fallbeispiel, wie eng Gelingen und Scheitern im Prozess der Persönlichkeitsentwicklung beieinander liegen können.

Sogar im Gefängnis hat Klaus Hurrelmann in seiner Jugend einige Tage verbracht: Nachdem er beim Klauen erwischt wurde, musste er dort vier Wochenendarreste in einer Zelle verbringen. »Morgens gab es Haferschleim, mittags Erbsensuppe und am Abend Wasser und trocken Brot«, erinnert er sich. Ihm sei damals eine »schiefe Bahn« prognostiziert worden.

Der heute 74-Jährige hat diese Bilder nicht vergessen. Es bleibt sein unausgesprochenes Herzensanliegen an alle, die mit Erziehung zu tun haben, die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen individuell zu fördern: »Es bedarf immer Menschen, die zuhören, hinsehen und Neuanfänge, eine zweite Chance, ermöglichen.«

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