Mo., 12.02.2018

Viktoria Mariam Amarkhail hilft Flüchtlingsfamilien beim Einleben »Ich möchte etwas zurückgeben«

Viktoria Mariam Amarkhail (mitte) lebt seit 2002 in Schlangen. Sie betreut ehrenamtlich Flüchtlingsfamilien in der Gemeinde wie zum Beispiel Madina Ibragimova (rechts) mit Tochter Safia Makaeva, die aus Tschetschenien geflohen ist.

Viktoria Mariam Amarkhail (mitte) lebt seit 2002 in Schlangen. Sie betreut ehrenamtlich Flüchtlingsfamilien in der Gemeinde wie zum Beispiel Madina Ibragimova (rechts) mit Tochter Safia Makaeva, die aus Tschetschenien geflohen ist. Foto: Sonja Möller

Von Sonja Möller

Schlangen (WB). Wie es sich anfühlt, ohne Sprachkenntnisse in einem neuen Land anzukommen, hat Viktoria Mariam Amarkhail selbst erlebt: Sie ist vor den Taliban von Afghanistan nach Schlangen geflohen und hat hier eine Fülle an Hilfsbereitschaft erlebt. Seit 14 Jahren gibt sie diese schon zurück und unterstützt selbst Flüchtlingsfamilien.

Viktoria Mariam Amarkhail erinnert sich noch gut an ihre eigene Flucht: »Die Taliban waren an der Regierung. Wir wurden bedroht. Ich hatte Angst um meine Kinder. Sie mussten bereits mit drei Jahren in eine streng muslimische Schule«, erzählt die 44-Jährige.

Sie habe keine Wahl gehabt. Als ihre Mutter nach Amerika floh, entschied sich Viktoria Amarkhail, ihrem Sohn Masshi nach Deutschland zu folgen. Er lebte seit 1999 bei ihren Schwiegereltern in Schlangen.

Nervenaufreibende Flucht

Bis sie Masshi aber in die Arme schließen konnte, dauerte es: »Es war schwer, Leute zu finden, die die Flucht organisieren. Ich bin fast verzweifelt.« Schwierig war für sie auch, ihren Mann Bashir (45) zurück zu lassen. Mit ihrem jüngeren Sohn Ramin kam sie dann zuerst in Belgien an (»Das war ein Versehen«). Es dauerte noch mal acht Monate, bevor Viktoria Amarkhail in Schlangen eine neue Heimat fand.

»Ich habe mich sofort in den Ort verliebt«, erzählt Viktoria Amarkhail und ihre Augen strahlen: »Alle Leute waren so nett. Ich bin so toll aufgenommen worden.« Für die zweifache Mutter war klar: »Ich will auch Flüchtlingen helfen, so wie mir geholfen wurde. Ich mache das weiter.« Einziges Problem: Sie sprach kein Wort Deutsch: »Ich habe dann so schnell wie möglich die Sprache gelernt.«

Erst in einem Integrationskursus, dann nach der Geburt ihres vierten Sohnes mit ihren Kindern zusammen. »Ich habe ihnen Bücher vorgelesen und anhand der Bilder Geschichten erzählt«, erinnert sie sich. Das funktionierte.

Übersetzerin bei der Gemeinde

2003 war es dann soweit: Viktoria Amarkhail fing ehrenamtlich als Übersetzerin bei der Gemeinde an: »Ich habe dabei eine große Verantwortung. Ich bleibe immer neutral.« Ihr Engagement geht aber weit über reine Übersetzungen hinaus: Seit 14 Jahren betreut die siebenfache Mutter nun schon Flüchtlingsfamilien und ist für eine gewisse Zeit Teil ihres Lebens. Sie hilft bei Behördengängen, begleitet zu Ärzten, Gerichten und Anwälten.

»Ich bleibe bei ihnen, bis sie selbstständig sind. Dann lasse ich sie alleine schwimmen«, erzählt sie. Denn die nächsten warten schon auf ihre Hilfe.

Viktoria Amarkhail ist viel unterwegs. Neben ihren Kindern und dem Haushalt ist das fast ein Vollzeitjob – allerdings ehrenamtlich: »Ich muss die Menschen dauerhaft begleiten. Bei Problemen mache ich immer so lange weiter, bis wir ein Ergebnis bekommen«, sagt sie. Das sei manchmal gar nicht so einfach. Schon oft habe sie zum Beispiel beim Ausländeramt erlebt, dass pauschalisiert werde und die Mitarbeiter nur in die Papiere und Akten gucken. »Sie sehen nicht den Menschen und seine Geschichte«, sagt Viktoria Amarkhail. Ihre jahrelange Erfahrung hilft ihr in solchen Situationen oft weiter.

Viktoria Amarkhail spricht drei Sprachen: Dari (afghanisch), persisch und russisch. Derzeit betreut sie zehn Familien aus Tschetschenien, Afghanistan, Iran und Irak, die in Schlangen leben. »Frau Amarkhail ist unser Engel«, ist Integrationsmanagerin Malita Makoza mehr als dankbar für die Unterstützung.

Familie engagiert sich für Flüchtlinge

Mittlerweile engagiert sich Amarkhails ganze Familie: Ihr Mann Bashir spricht fließend sechs Sprachen und arbeitet in der zentralen Unterbringungseinrichtung für Flüchtlinge (ZUE) in Oerlinghausen. »Das ist zu seinem Beruf geworden. Eigentlich ist er Bauingenieur«, erzählt Viktoria Amarkhail. Der Einsatz des Paares hat sich in der Region herumgesprochen. Die Amarkhails haben Flüchtlinge in Gütersloh, Paderborn und sogar Kalletal betreut.

Ihre Kinder treten schon in ihre Fußstapfen: »Sie helfen Flüchtlingskindern in der Grundschule«, ist die Mutter mächtig stolz. Amarkhails ältester Sohn Massih (23) hat Abitur und studiert. Ramin (18), Sussan (16), Azim (14), Zahra (12) und Amina (11) gehen aufs Gymnasium. Aziz (8) besucht noch die Grundschule.

Ihr Engagement erfüllt Viktoria Amarkhail mit viel Freude. Deswegen hat sie auch Angebote aus anderen Kommunen ausgeschlagen, die Betreuung als Job zu übernehmen. »Ich fühle mich hier wohl und will nicht die ganze Zeit in andere Städte pendeln.« Für die Familien in Schlangen ist das ein Glücksfall. Sie sagt: »Alle meine Familien sind bis jetzt in Deutschland geblieben.«

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