Fr., 18.05.2018

Eine seltene Herz-Lungen-Transplantation im HDZ rettete Simon Kretschmar das Leben – mit Video »Das ist mein zweiter Geburtstag«

Ein angeborener Herzfehler brachte Simon Kretschmar in höchste Lebensgefahr. Nach der erfolgreichen OP im HDZ konnte auch Ehefrau Anita durchatmen.

Ein angeborener Herzfehler brachte Simon Kretschmar in höchste Lebensgefahr. Nach der erfolgreichen OP im HDZ konnte auch Ehefrau Anita durchatmen. Foto: Moritz Winde

Von Dietmar Kemper

Bad Oeynhausen (WB). In lebensbedrohlichem Zustand wurden Simon Kretschmar im Sommer 2017 zwei Organe auf einmal eingesetzt: Herz und Lunge. »Der 15. August ist mein zweiter Geburtstag«, sagte der 35-Jährige aus Gevelsberg im Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen in Bad Oeynhausen.

Spenderorgane werden dringend benötigt

»Die Bereitschaft, Organe zu spenden, hat deutlich nachgelassen«, beklagt Oberarzt André Renner. Waren im Jahr 2012 bundesweit noch 318 Herzen gespendet worden, sank die Zahl im vergangenen Jahr auf 251. Bei Lungen waren es 339, fünf Jahre später aber nur noch 264. Auf ein neues Herz warten im HDZ in Bad Oeynhausen mehr als 200 Patienten. »Ich würde mir in Deutschland eine Widerspruchslösung wünschen, also, dass Menschen einer Organentnahme ausdrücklich widersprechen müssen«, sagte Renner mit Blick auf den »Tag der Organspende« am 2. Juni. Wer auf eine Herz-Lungen-Transplantation angewiesen ist, braucht gleich zwei Organe. In Deutschland gab es 2017 nur fünf solcher Eingriffe.

Herztransplantationen sind im HDZ inzwischen Routine, Herz-Lungen-Transplantationen dagegen nicht. Während seit 1989 bereits 2388 Herzen verpflanzt wurden, ist die Zahl der komplizierten Herz-Lungen-Transplantationen mit 23 sehr viel geringer.
»Es war das Einzige, was ihm helfen konnte«, beschrieb Oberarzt André Renner (48) die Dringlichkeit bei seinem Patienten. Simon Kretschmar kam mit einem schweren Herzfehler auf die Welt (Shone-Komplex), wurde sechs Mal operiert und bekam mehrere Herzklappen. Als sich in der Lunge Hochdruck gebildet habe und die rechte Herzhälfte zu versagen drohte, sei die Herz-Lungen-Transplantation unumgänglich geworden, erzählte der Arzt.

OP dauert sechs Stunden

Weil Kretschmar nur noch mit Medikamenten am Leben erhalten werden konnte, bekam er wegen der besonderen Dringlichkeit schon nach 15 Wochen die benötigten Organe. Andere warten bis zu vier Jahre. Knapp sechs Stunden dauerte die OP, bei der der Brustkorb mit einem Längsschnitt geöffnet und die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen wurden.
Zunächst wurde das Herz und im Weiteren der rechte und linke Lungenflügel entnommen. Die Spenderorgane wurden gemeinsam in den Brustkorb eingebracht und transplantiert. Nachdem die Luftröhre wieder angeschlossen worden war, folgten der rechte Vorhof und die Hauptschlagader.

Doppelte Gefahr

Bei einer Herz-Lungen-Transplantation bestehe die Gefahr, dass der Körper die fremden Organe abstößt, gleich doppelt, sagte der Chirurg: »Im ersten Jahr ist die Sterblichkeit hoch, wenn man das erste Jahr geschafft hat, hat man aber eine gute Prognose.«
Simon Kretschmar fühlt sich neun Monate nach der OP blendend: »Jetzt geht es mir gut, ich habe mehr Luft, als ich brauche, Treppensteigen ist ohne Pause möglich.«

Zehn Tabletten am Tag

»Vorher war schon ein Weg von fünf bis zehn Schritten für ihn zu weit«, erzählte seine Frau Anita (32). Zehn Tabletten schluckt Simon Kretschmar jeden Tag, sein Leben lang muss er immunsuppressive Medikamente nehmen, damit der Körper die fremden Organe nicht abstößt.
Sohn Tim-Benjamin (6) passt mit auf, dass sich der Vater an die Anordnungen hält. Essen darf er nur in Folie eingeschweißte, keimfreie Lebensmittel, roher Käse und rohes Fleisch sind tabu. Immer wieder wäscht er sich die Hände, Körperkontakt zu anderen meidet er.

Glaube gab Halt

Als Lagerist kann Kretschmar nicht mehr arbeiten, aber bald möchte er als Büroassistent wieder ins Berufsleben einsteigen. Der Glaube an Gott und die Familie hätten ihm in der schweren Zeit Halt gegeben, erzählte der 35-Jährige, der sein Glück kaum fassen kann.
War Atemnot früher sein ständiger Begleiter und das Schuhezubinden eine Strapaze, lebt er jetzt weitgehend normal: »Ich war mein Leben lang herzkrank, jetzt bin ich herzgesund – daran muss ich mich erst gewöhnen.« Herz- und lungentransplantierte Menschen können bis zu 90 Prozent der Leistungsfähigkeit von Gleichaltrigen erreichen. Auch Sport ist wieder möglich.

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