So., 05.08.2018

Prof. Dr. Dieter Horstkotte blickt auf Tätigkeit im Herz- und Diabeteszentrum NRW zurück »Wo wollen Sie von hier aus beruflich noch hin?«

Zum 15. August räumt Prof. Dr. Dieter Horstkotte seinen Schreibtisch im HDZ NRW. Das Gemälde im Hintergrund, das in lange begleitet hat, nimmt er mit. Es zeigt den Hafen von Dordrecht.

Zum 15. August räumt Prof. Dr. Dieter Horstkotte seinen Schreibtisch im HDZ NRW. Das Gemälde im Hintergrund, das in lange begleitet hat, nimmt er mit. Es zeigt den Hafen von Dordrecht.

Bad Oeynhausen  (WB). Eine Ära geht zu Ende: Nach fast zwei Jahrzehnten als Direktor der Klinik für Kardiologie am Herz- und Diabeteszentrum (HDZ) NRW verabschiedet sich Prof. Dr. Dieter Horstkotte in den Ruhestand. Im Gespräch mit Redakteur Malte Samtenschnieder blickt der 67-Jährige nicht nur auf seine eigene Tätigkeit zurück, sondern bezieht auch zu aktuellen Themen wie Medizinerausbildung, Organspende und dem zurückgezogenen Zukunftskonzept der Mühlenkreiskliniken Stellung.

Nach fast 20 Jahren geht Ihre Zeit am Herz- und Diabeteszentrum NRW Mitte August zu Ende. Erinnern Sie sich noch an die Anfangsphase – vielleicht sogar an Ihren ersten Arbeitstag – in Bad Oeynhausen?

Dieter Horstkotte: Ich habe mich damals gründlich auf meine neue Stelle vorbereitet. In den Monaten vor meinem Dienstantritt war ich bereits tageweise im HDZ, um mit den Mitarbeitern zu sprechen. Es ging darum, wie wir weitermachen wollen. Was funktioniert? Was wollen wir beibehalten? In welchen Bereichen sind neue Konzepte erforderlich? Meinen ersten Arbeitstag – einen Montag – habe ich im Herzkatheterlabor begonnen. Das Umfeld war perfekt: motivierte Mitarbeiter, neue Maschinen. Anschließend gab es eine erste Besprechung mit den Oberärzten.

Sie haben neue Konzepte erwähnt. Welche Maßnahmen haben Sie gleich zu Beginn umgesetzt?

Horstkotte: Mein Vorgänger, Prof. Gleichmann, hat mir einen wohlorganisierten Klinikbetrieb übergeben. Es gab allerdings noch keinen Schwerpunkt für Elektrophysiologie. Das habe ich geändert. Zunächst habe ich eine entsprechende Arbeitsgruppe eingerichtet. Diese hat dann – ab Januar 1999 – ihr eigenes Herzkatheterlabor bekommen. Das war eine wichtige und richtige Entscheidung. Die Elektrophysiologie hat in den vergangenen 20 Jahren eine abenteuerliche, positive Entwicklung genommen. Daran hat das HDZ in besonderer Weise teilgehabt. Wir gehören zu den Topzentren nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa.

Sie haben einen Großteil Ihrer Ausbildung in Düsseldorf absolviert…

Horstkotte: Das ist richtig. Meine internistische und kardiologische Ausbildung habe ich in Düsseldorf absolviert. Dort war Prof. Loogen mein erster Chef. Er gilt als Vater der europäischen Kardiologie. Er hatte 1964 den ersten Lehrstuhl für Kardiologie in Deutschland inne. Viele heutige Lehrstuhlinhaber sind Loogen-Schüler – außer mir übrigens auch Prof. Gleichmann. Nach Düsseldorf war ich von 1994 bis 1998 leitender Oberarzt an einer Klinik in Berlin, die heute zur Charité gehört.

Und dann haben Sie sich entschlossen, die Leitung der Klinik für Kardiologie am HDZ NRW in Bad Oeynhausen zu übernehmen…

Horstkotte: Ich stand damals bei drei Kliniken an Position eins und habe mich natürlich für Bad Oeynhausen entschieden. Das HDZ liegt zwar auf dem platten Land. Es war mir aber schon damals klar, dass ich dort die größten Entwicklungsmöglichkeiten haben würde. Und diese Erwartungen wurden bis heute erfüllt.

Stand für Sie immer fest, dass Sie Medizin studieren würden?

Horstkotte: Ich habe eine Zeit lang überlegt, ob nicht auch Architektur etwas für mich wäre. Ich habe diese Idee aber schnell wieder verworfen. Mein gesamter Berufsweg war von Zufällen geprägt. Ich hatte Glück, dass sich zur richtigen Zeit, die richtigen Fenster geöffnet haben. Die Kardiologie habe ich mir ausgesucht, weil es hier neben differenzialdiagnostischen Ansprüchen auch handwerkliche Anforderungen gibt. Das hat mich sehr gereizt.

War für Sie 1998 von Beginn an klar, dass Sie Ihr weiteres Berufsleben ausschließlich in Bad Oeynhausen verbringen würden?

Horstkotte: Das HDZ ist eine perfekte Endposition für mich gewesen. Ich habe dort einen reizvollen Lehrstuhl. Außerdem ist das HDZ auf seinem Gebiet eine der beiden größten Kliniken in Deutschland. Wo wollen Sie von dort aus beruflich noch hin?

Was waren Ihre Hauptanliegen, als Sie 1998 die Leitung der Klinik für Kardiologie übernommen haben?

Horstkotte: Mein Hauptaugenmerk lag und liegt auf der Behandlung von Herzrhythmusstörungen, angeborenen und erworbenen Herzfehlern sowie entzündlichen Herzerkrankungen. Hinzu kommt die interventionelle Kardiologie. Endgültige Lösungen oder Therapien gibt es in der Regel bei der Therapie von Krankheiten nicht. Wir sind aber in vielen Bereichen maßgeblich weitergekommen.

Können Sie ein Beispiel benennen?

Horstkotte: Bei einem Kongress bin ich durch Zufall erstmalig mit schlafbezogenen Atmungsstörungen in Berührung gekommen. Damals gab es zu diesem Thema wenige Untersuchungen. Ich habe damals zwei junge Assistenzärzte mit diesem Thema befasst. Sie haben meinen Verdacht bestätigt, dass es einen Zusammenhang zwischen Herzinsuffizienz und schlafbezogenen Atmungsstörungen gibt. Wir haben am HDZ einen Schwerpunkt zu dem Thema aufgebaut und sind inzwischen auf diesem Sektor europaweit führend. Mehrere Mitarbeiter haben sich in diesem Bereich habilitiert.

Der Termin für Ihre Verabschiedung am 15. August rückt immer näher. Wie ist Ihre Gemütslage?

Horstkotte: Sehr ambivalent. Wenn man nach einer so langen Zeit freudestrahlend geht, hat man seine Arbeit nicht wirklich gerne gemacht. Bei mir ist auch eine große Portion Wehmut dabei. Vor allem wegen der Mitarbeiter, mit denen ich jeden Tag zu tun hatte und die mir sicherlich fehlen werden. Ich gehöre aber nicht zu den Chefs, die nicht loslassen können. Ich habe meinem Nachfolger, Prof. Rudolph, angeboten, ihm bei Bedarf mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Ich werde ihm aber nicht hereinreden oder ihn in seiner Entwicklung behindern.

Bleiben Sie Bad Oeynhausen auch im Ruhestand treu?

Horstkotte: Bis jetzt gibt es keine anderen Pläne. Ich habe mir vorgenommen, mehr zu reisen. Und die Mobilität aus Bad Oeynhausen ist gut. Ich kann alle Orte gut von hier aus erreichen.

Sie gehen in den Ruhestand – andere junge Mediziner haben den Start ins Berufsleben noch vor sich. Wie bewerten Sie die Ärzteausbildung am HDZ NRW?

Horstkotte: Seit 2016/2017 ist das HDZ über die Ruhr-Uni Bochum als Teil des Campus OWL in die Medizinerausbildung eingebunden. Auch vorher gab es bei uns schon Praktika und Blockseminare. Ich finde aber, dass die Politik dieses Thema nicht richtig anpackt. Es ist nicht erwiesen, dass sich mehr Mediziner im ländlichen Raum niederlassen, nur weil dort eine medizinische Fakultät angesiedelt ist. Ich sehe es als ein großes Problem, dass viele Mediziner nach dem ersten Staatsexamen in andere Bereiche wechseln. Immer mehr potenzielle Ärzte gehen ins Controlling etwa beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen. Sie stehen somit nicht für die eigentliche Aufgabe, nämlich der Patientenversorgung, zur Verfügung. Da sollte die Politik gegensteuern.

In Ihrem Berufsalltag als Kardiologe werden Sie immer wieder mit dem Thema »Organspende« konfrontiert. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein?

Horstkotte: Der Mangel an Transplantationsorganen ist weiter hochkritisch. Das Spendenverhalten muss sich massiv ändern. Aber selbst dann wird sich der Bedarf nicht decken lassen. Deshalb ist es wichtig, weiter nach alternativen Techniken zu suchen. Aus meiner Sicht wäre bei der Organspende eine Widerspruchsregelung der richtige Weg. Dazu wäre aber eine Aufklärungskampagne die Voraussetzung.

Nach hitzigen Diskussionen haben die Mühlenkreiskliniken unlängst den Entwurf eines Zukunftskonzeptes wieder zurückgezogen. Es sah unter anderem die Zusammenführung des Krankenhauses Bad Oeynhausen und der Auguste-Viktoria-Klinik an einem möglicherweise neuen Standort vor. Welche Folgen hätte das für das HDZ?

Horstkotte: Als Spezialklinik für Herz-Kreislauf- und Diabeteserkrankungen sind wir auf Partner angewiesen. Im Bereich Herz/Lunge oder auch Kardiologie/Neurologie gibt es funktionierende Kooperationen mit den Kliniken in Bad Oeynhausen, Herford und Minden. Wichtig ist für uns, dass die Gefäßchirurgie im Krankenhaus Bad Oeynhausen bleibt. Sollte der Bereich abwandern, müsste das HDZ eine eigene Abteilung einrichten. Stellen Sie sich vor, es kommt bei einem Eingriff zu einem blutenden Gefäß und keiner ist verfügbar, der in der Lage ist, die Blutung zu stillen.

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