So., 12.08.2018

Organisator Michael Scholz erläutert Programm der 17. Poetischen Quellen in Bad Oeynhausen und Löhne »Zurück zur Literatur«

Bereits zum 17. Mal hat Michael Scholz das internationale Literaturfest Poetische Quellen organisiert. Für die Veranstaltung vom 22. bis 26. August in Bad Oeynhausen und Löhne hat der künstlerische Leiter ein vielfältiges Programm zusammengestellt.

Bereits zum 17. Mal hat Michael Scholz das internationale Literaturfest Poetische Quellen organisiert. Für die Veranstaltung vom 22. bis 26. August in Bad Oeynhausen und Löhne hat der künstlerische Leiter ein vielfältiges Programm zusammengestellt. Foto: Peter Hübbe

Bad Oeynhausen/Löhne (WB). Für die 17. Neuauflage der Poetischen Quellen der Städte Bad Oeynhausen und Löhne hat Michael Scholz ein vielfältiges Programm zusammengestellt. Im Interview spricht der künstlerische Leiter über die Hintergründe des fünftägigen internationalen Literaturfestes vom 22. bis 26. August mit Schwerpunkt auf dem ehemaligen Landesgartenschaugelände der Aqua Magica. Die Fragen stellte Redakteur Malte Samtenschnieder.

Die 17. Poetischen Quellen stehen unter dem Oberthema »Zurück zur Literatur«. Wie passt dieses Thema in eine Zeit zunehmender Digitalisierung? Wie ist die Idee dazu entstanden?

Michael Scholz: Die Idee zum diesjährigen Motto habe ich dem gleichnamigen Buch »Zurück zur Literatur!« zu verdanken, welches der Literaturwissenschaftler Jürgen Wertheimer zusammen mit dem Literaturkritiker Gert Ueding herausgegeben hat. Es handelt sich um provokante Essays und ein Gedanke, den ich der Lektüre des Buches verdanke, ist der, dass wir gerade in Zeiten einer völlig neurotischen Überdigitalisierung unserer Gesellschaft in allen Lebensbereichen unbedingt die Literatur brauchen, um zu uns als menschliches Wesen, was wir sind, zurückzufinden und dem mit der Digitalisierung einhergehenden Optimierungswahn damit begegnen, dass wir uns zu unseren Zweifeln, Irrtümern und Fehlern bekennen und uns unsere Unvollkommenheit und Endlichkeit eingestehen. Literatur führt uns auf befreiende Weise genau dahin.

Ist es aus Ihrer Sicht möglich, Literatur per E-Book auf dem Tablet oder als Hörbuch zu konsumieren? Oder ist das haptische Erlebnis von bedruckten Papierseiten, die während der Lektüre umgeblättert werden, für Sie untrennbar mit dem Erleben von Literatur verbunden?

Scholz: Ja, Papier ist für mich untrennbar mit dem »Erleben« von Literatur verbunden, und meine Bibliothek ist nicht zuletzt eine Abbildung meiner Biographie. Ich glaube, dass man so etwas niemals von einem Computer wird sagen können. Dennoch ist es möglich, in jeder anderen Form mit technischen Hilfsmitteln zu lesen. Der Unterschied wird hier ja nicht aufgetan zwischen einem Buch aus Papier und einem E-Book, ist also nicht materieller Natur. Der Unterschied besteht zwischen dem Zustand der Konzentration und dem der Ablenkung und hat mit der Physis und der Psyche unserer Natur zu tun. Alle Untersuchungen zeigen, dass das Einlassen auf ein »richtiges« Buch die Konzentration schult, während der Umgang mit einem E-Book viel schneller Ablenkungen unterworfen ist.

Sie schreiben im Vorwort zum Programmheft »Bei den Poetischen Quellen ist deshalb auch der Ort, der zu denken geben soll, was uns blüht, wenn wir keine Literatur mehr haben (...).« Wie lautet Ihre persönliche Antwort auf diese Frage?

Scholz: Uns blüht unerträglicher Konformismus, bedrohlicher Nationalismus, ein alles vereinheitlichender bürokratischer Fundamentalismus des Denkens und Handelns, eine durchökonomisierte Sprache, die den Menschen nur noch als Konsumenten und als Mittel zum Zweck betrachtet, also als funktionales, geistloses Etwas ohne eigene Subjektivität und ohne Wünsche, Leidenschaften, Träume und Geheimnisse, kurz ohne Seele. Man könnte auch sagen »Konzern Mensch«. In einer solchen Welt möchte ich nicht leben. Eine solche Welt wäre für den Menschen unsichtbar, weil er ihre Schönheit ohnehin nicht mehr wahrnehmen, ihre Vielfalt nicht mehr ertragen könnte.

Für die Auftaktveranstaltung zu den Poetischen Quellen haben Sie ein sehr düsteres Thema gewählt. Es geht um die Bergwerkskatastrophe von Marcinelle in Belgien vor 62 Jahren. Wie sind Sie mit dieser Thematik in Berührung gekommen? Wie ist es dazu gekommen, dass ein Projektchor mit Sängern aus Bad Oeynhausen und der Region bei der Aufführung von »La catastrofa – Oratorium für Marcinelle« mitwirkt?

Scholz: Meine Frau und ich kennen Etta Scollo seit 2010. Inzwischen ist daraus eine schöne Freundschaft entstanden, und wir haben Anfang 2017 die Premiere des Oratoriums in Berlin gesehen. Das Thema scheint nur düster zu sein, weil wir heute alle nichts mehr mit dem Tod anzufangen wissen. In Wahrheit ist dieses besondere Oratorium aber eine Hymne auf das Leben, das weitergeht, egal was passiert. Es ist ein Oratorium der Hoffnung. In Berlin war ein Chor aus Italien bei der Premiere dabei. Da meine Frau Chorsängerin ist, kam von ihr der Vorschlag, einen Chor für das Oratorium mit Sängerinnen und Sängern aus der Region auf die Beine zu stellen. Gesagt, getan.

Sie ermöglichen Sebastian Guggolz, sich und seinen Verlag im Rahmen der Poetischen Quellen vorzustellen. Wie bewerten Sie derartige Verlagsneugründungen? Wie kann es Pionieren wie Sebastian Guggolz gelingen, sich gegen etablierte Verlagsschwergewichte zu behaupten?

Scholz: So gerne ich selbst auch Verleger wäre – und wer weiß, was die Zukunft bringt – kann ich nur in Ansätzen für Sebastian Guggolz sprechen. Dieser mutige junge Mann hat mit einem klaren Konzept und ein bisschen Glück seinen Verlag 2014 ins Leben gerufen und behauptet sich sehr gut in einer Verlagsszenerie, die sich leider auch immer mehr vereinheitlicht. Vermutlich ist aber genau dies der Grund, weshalb kleinere Verlage, die eine deutliche verlegerische Haltung nach außen bezeugen, auch wahrgenommen werden. Man kann also immer noch hoffen, dass Menschen das Unvertraute zu schätzen wissen, weil sie neugierig sind. Verlage wie der Guggolz Verlag bestärken sie in ihrer Neugier und befriedigen sie zugleich. Ich freue mich, auf solche wichtigen Verlage aufmerksam machen zu können.

Der Lyrikabend steht unter dem Motto »Gedichte für das Diesseits der Welt«. Welche Impulse erhoffen Sie sich von der dafür vorgesehenen Begegnung der Autoren Yitzhak Laor und Durs Grünbein?

Scholz: Das ist eine schwere Frage, weil man nie wissen kann, wie Gedichte auf Menschen wirken, die sie lesen und in diesem Fall auch hören. Der Titel ist entstanden, weil es sich bei beiden Autoren um sehr zeitgenössische Dichter handelt, was hier heißen soll, dass sowohl die Gedichte als auch ihre Verfasser mitten in der Welt stehen und nicht die Augen vor dem verschließen, was in ihr passiert. Bei der Auswahl der Dichter für den Lyrik-Abend lege ich zudem großen Wert darauf, dass es sich um Gedichte handelt, die eine Geschichte erzählen, natürlich auf klare, schöne und poetische Weise. Kurz: Gedichte, die dazu auffordern, die Welt mit den eigenen Augen und Sinnen wahrzunehmen und dabei vielleicht auch die eigene Wahrnehmung manchmal in Frage zu stellen, geben ihren Lesern mehr als solche, die sich stattdessen in Wortspielereien um der Spielerei wegen erschöpfen. Letzteres ist bei Grünbein und Laor sicher nicht der Fall.

Das Autorenporträt am Samstagabend ist einem Gespräch zwischen dem Literaturnobelpreiskandidaten Tomas Venclova und der Autorin Ellen Hinsey gewidmet. In der Vorstellung des Litauers im Programmheft findet sich das Zitat »Die Wahrheit auszusprechen ist der einzige Weg, Würde wiederherzustellen.« Wie stehen Sie zu dieser These? Welche Bedeutung hat sie für der Dialog zwischen Tomas Venclova und Ellen Hinsey?

Scholz: Bei dem Zitat handelt es sich nicht um eine These, sondern um eine Tatsache, die der Lebensgeschichte des Literaturnobelpreiskandidaten Tomas Venclovas entspringt. Das dialogische Buch »Der magnetische Norden« von Venclova und Hinsey zeigt das sehr schön. Es ist das großartige biografische Panorama eines Menschen des 20. Jahrhunderts vor den Hintergründen der gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen insbesondere Osteuropas, dem heute wieder ein Absturz in den nationalistischen und antisemitischen Sumpf droht. Eine Gefahr, die auf ganz Europa ausstrahlt, vor allem, weil wir immer mehr unseres historischen Bewusstseins für die Vergangenheit verlieren. Der Abend mit Venclova und Hinsey wird einmal mehr zeigen, was für eine bedeutende Rolle Literatur für das Freiheitsgefühl einer Gesellschaft einnehmen kann. Auch deswegen: »Zurück zur Literatur!«.

Beim Literaturgottesdienst geht es um das Buch »Fahrenheit 451«. Es beschreibt eine düstere Zukunftsvision über eine Gesellschaft, in der es als Verbrechen gilt, Bücher zu lesen oder sie gar zu besitzen. Halten Sie ein derartiges Szenario für realistisch?

Scholz: Ja, und ich bin gespannt, wann es bei uns ein Verbrechen sein wird, noch mit richtigem Geld bezahlen zu wollen oder noch eine Privatsphäre besitzen zu wollen oder noch kein Smartphone zu haben oder nicht geortet und überwacht werden zu können oder noch Literatur mit dem Anspruch auf Selbsterkenntnis lesen zu wollen oder noch in einer Stadt mit richtigen Einzelhändlern einkaufen zu wollen oder in einem Park noch Ruhe und Stille empfinden zu wollen oder nicht bei Facebook zu sein: Diese Reihe ist beliebig fortsetzbar, wobei keine Haftung für diejenigen übernommen wird, die darüber lieber nicht nachdenken wollen.

Das Sonntagsgespräch steht unter dem Motto »Humanismus und Humanität im 21. Jahrhundert – wie wir künftig leben wollen«, gleichzeitig lautet das Oberthema »Zurück zur Literatur«. Das Motto weist in die Zukunft, das Oberthema in die Vergangenheit. Wie lässt sich das miteinander vereinbaren?

Scholz: Ganz leicht, denn ich begreife Literatur als eine »Grammatik der Schöpfung«, um es mit einem Zitat des Literaturhistorikers George Steiner auszudrücken, und das Wesen des Humanismus ist der Glaube an die Phantasie und Schöpfungskraft des Menschen. Um aber einen erneuerten Humanismus für unser 21. Jahrhundert zu formulieren, ist es vielleicht einmal gut, doch wieder zurück in die Vergangenheit zu blicken, um zu sehen, mit welch unerhörtem Mut die Renaissance in die Zukunft geschaut hat und zwar, indem sie dem Menschen etwas zugetraut hat – nämlich Geist, Verstand und Leidenschaft. Die Renaissance war eine Umbruchzeit, wie wir sie heute wieder erleben. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir derartige Umbrüche besser überstehen, wenn wir auch heute dem Menschen wieder mehr zutrauen würden, anstatt unsere Verantwortung auf die Erwartung technischer, biogenetischer und ökonomischer Entwicklungen abzuwälzen und uns zu deren Sklaven zu machen. Vor allem sollten wir Bildung wieder als die Formung des Menschenmöglichen in einem ethischen Sinne in den Schulen und Universitäten betreiben und diese nicht weiterhin als Ausbildungsstätten, Kompetenzzentren und Zulieferbetriebe mit Exzellenzcluster für die Wirtschaft missbrauchen.

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