Mo., 30.04.2018

Claus Peymann rezitiert aus Bernhards Roman über die Theaterszene Die Kunst und die Wut

Claus Peymann liest im Neuen Theater aus »Holzfällen« und macht den Abscheu des Erzählers vor der Theaterwelt erlebbar.

Claus Peymann liest im Neuen Theater aus »Holzfällen« und macht den Abscheu des Erzählers vor der Theaterwelt erlebbar. Foto: Jan Lücking

Von Jan Lücking

Espelkamp (WB). Thomas Bernhards Roman »Holzfällen – Eine Erregung« ist sperrige Lesekost. Claus Peymann hat das Publikum mit seiner Lesung dennoch in seinen Bann gezogen. Eindrucksvoll hat der langjährige Intendant des Burgtheaters und des Berliner Ensembles den Ich-Erzähler mit seiner Stimme, Gestik und Mimik lebendig werden lassen.

164 Zuhörer ließen sich das kulturelle Glanzlicht zum Ende der Saison nicht entgehen. Claus Peymann (80) selbst hatte sichtlich Spaß auf der Bühne und nahm es mit Humor, dass sein Publikum an diesem Abend kleiner war als sonst üblich. Nur durch finanzielle Unterstützung durch die Sparkassenstiftung und die Firma Harting war diese Lesung überhaupt möglich.

Der Skandalroman

Zu Beginn erfuhren die Zuhörer von Claus Peymann, dass der Roman Bernhards von 1984 zeitweise in Österreich verboten war, weil sich der Komponist Gerhard Lampersberg (im Roman als Auersberger bezeichnet), einst ein enger Freund Bernhards, in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt sah. Das Verbot führte laut Peymann zu einem geschäftstüchtigen Handel mit dem Skandalroman im Grenzgebiet.

Verachtung für Wiener Society

Claus Peymann selbst saß, wie der Ich-Erzähler des Romans, in einem Ohrensessel auf der Bühne. Im Hintergrund hing ein großes weißes Banner mit einem Zitat von Voltaire: »Da ich nun einmal nicht imstande war, die Menschen vernünftiger zu machen, war ich lieber fern von ihnen glücklich«. Das Zitat stellte Bernhard seinem Roman voran, der von einer Wiener Abendgesellschaft handelt, die der Ich-Erzähler monologisch kommentiert. Mit viel Verachtung und Ablehnung für die anwesenden Personen bei diesem »künstlerischen Abendessen«. Das Ehepaar Auersberger lud zu diesem Abendessen mit Dichtern, einem Burgschauspieler und weiteren Personen der Wiener Kulturszene ein, denen sich jeweils ein reales Vorbild zuordnen lässt.

Der Ich-Erzähler, wohl ein Alter-Ego Thomas Bernhards, steigert sich im Roman in seine Ablehnung für diese Abendgesellschaft hinein und bereut es zunehmend, der Einladung gefolgt zu sein.

»Künstlerisches Abendessen«

Thomas Bernhard und Claus Peymann verband eine sehr enge Beziehung, die sich durch gegenseitige Bewunderung und Wertschätzung auszeichnete. Peymann, selbst von 1986 bis 1999 Direktor des Burgtheaters, kann sich als intimer Kenner der Wiener Kulturszene gekonnt in den Ich-Erzähler von Bernhards Roman hineinversetzen. Impulsiv vorgetragene Sätze wie »Künstlerisches Abendessen – ich kenne kaum etwas Abstoßenderes« oder »Ein starker Mensch und ein ebenso starker Charakter, dachte ich, hätte ihre Einladung abgelehnt« und »Du kennst alle an diesem Abend und gehst trotzdem hin« sorgten für Belustigung und Heiterkeit im Publikum.

Es wurde viel geschmunzelt über den aufgebrachten Ich-Erzähler, der nicht müde wurde zu betonen, wie sehr er sich in der Runde langweilt, eindrucksvoll rezitiert von Peymann. So bezeichnet sich der Ich-Erzähler unter anderem als »charakterlosen Dummkopf« und Peymann stampft dabei mit den Füßen auf den Boden, um seine Wut über die Situation in der Abendgesellschaft zum Ausdruck zu bringen.

Anregend und unterhaltsam

Die Zuhörer erfahren viel über die Verlogenheit in der Wiener Kulturszene, in der die Intendanten des Burgtheaters zuerst von der Presse in den Himmel gelobt, und kaum ist der Arbeitsvertrag unterschrieben, wieder niedergeschrieben würden. »Sie werden mit offenen Armen empfangen und dann mit Schimpf und Schande davon gejagt«, heißt es in Bernhards Skandalroman.

Mit kräftigem Applaus bedankte sich das Espelkamper Publikum für die anregende und unterhaltsame Lesung mit dem Theatermacher Claus Peymann.

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