Di., 02.01.2018

Gericht verurteilt Ärztin aus Lübbecke zur Zahlung von 30.000 Euro Brustkrebs übersehen: Frau stirbt mit 46

Olga B. aus Lübbecke reichte Klage gegen ihre Gynäkologin ein, erlebte das Urteil aber nicht mehr.

Olga B. aus Lübbecke reichte Klage gegen ihre Gynäkologin ein, erlebte das Urteil aber nicht mehr.

Von Christian Althoff

Lübbecke (WB). Eine Gynäkologin aus Lübbecke soll den Kindern einer verstorbenen Krebspatientin 30.000 Euro Schmerzensgeld zahlen.

Nach Ansicht des Landgerichts Bielefeld war die Medizinerin einem Brustkrebsverdacht nicht konsequent genug nachgegangen.

Olga B. war 41, als sie im März 2009 wegen Schmerzen in der rechten Brust in die Praxis kam. Die Ärztin ertastete außer mehreren Knoten eine etwa 15 Millimeter dicke unklare Verhärtung in der rechten Brust, die sich im Ultraschall als »Tumor mit nicht eindeutigen Bösartigkeitskriterien« zeigte.

Die Frauenärztin überwies die Patientin daraufhin zur Mammographie, also zum Röntgen, an eine radiologische Praxis. Der dortige Arzt fand keinen bösartigen Tumor und riet zu einer Kontrolle »in gut zwölf Monaten«.

Bösartiger Tumor wurde nach weiteren Untersuchungen entdeckt

Als die Schmerzen nicht nachließen, suchte die Patientin im Mai einen anderen Gynäkologen auf. Der ging zunächst von einer Entzündung aus, äußerte dann aber im Juni den Brustkrebsverdacht und ließ eine weitere Mammographie durchführen.

Diesmal wurde ein sechs mal drei Zentimeter großer Tumor entdeckt.  Die anschließend durchgeführte Gewebeentnahme, eine sogenannte Sta

Fachanwältin Erika Leimkühler

nzbiopsie, brachte Gewissheit. »Es war ein sehr schnell wachsender, sehr bösartiger Krebs«, sagt Rechtsanwältin Erika Leimkühler aus Herford. Die Fachanwältin für Medizin- und Versicherungsrecht wurde damals von der Patientin beauftragt, Klage gegen die Gynäkologin einzureichen.

Als jetzt das Urteil gegen die Ärztin gesprochen wurde, erlebte Olga B. das nicht mehr. »Sie starb 2013 mit 46 Jahren an Krebs, und ihr Mann folgte ihr im Jahr darauf. Ich habe die Klage dann für die beiden erwachsenen Kinder weitergeführt«, sagt Erika Leimkühler.

Frau wurde nicht fachgerecht behandelt

Die 4. Zivilkammer des Landgerichts Bielefeld kam zu der Überzeugung, die Gynäkologin habe die Frau nicht fachgerecht behandelt und sei für die »verkürzte Lebenserwartung und die Amputation der rechten Brust« verantwortlich.

Die Ärztin verteidigte sich vor Gericht vor allem damit, dass der Radiologe ja keinen bösartigen Tumor entdeckt habe, und sie sich auf den Kollegen habe verlassen dürfen – selbst wenn seine Diagnose falsch gewesen sein sollte.

Das Gericht, das zwei Gutachten von Experten der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) einholte, folgte dieser Argumentation nicht. Einer der Gutachter wies darauf hin, dass die Aussagekraft einer Mammographie von der Dichte der Brust abhänge.

Während bei älteren Frauen in der Brust das Fettgewebe überwiege, das Röntgenstrahlen gut durchlasse, hätten jüngere Patientinnen mehr Drüsengewebe, das die Röntgenstrahlen blockiere. Die vergleichsweise junge Frau aus Lübbecke habe eine überwiegend dichte Brust gehabt, weshalb die Aussagekraft der Mammographie hinsichtlich kleiner Tumoren eingeschränkt gewesen sei.

Radiologe wurde von den Gutachtern entlastet

Weil die Ultraschalluntersuchung bei der Patientin keinen klaren Befund erbracht habe und bei der Mammographie kein bösartiger Tumor entdeckt worden sei, habe weiterer Klärungsbedarf bestanden. Anwältin Erika Leimkühler: »Man muss eben so lange untersuchen, bis feststeht, ob ein Tumor gut- oder bösartig ist.«

Hätte die Gynäkologin nach dem Ertasten der Verhärtung eine Stanzbiopsie veranlasst, wäre der Brustkrebs »mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit« bereits im März 2009 entdeckt worden, und Bestrahlung und Chemotherapie hätten Wochen früher beginnen können, heißt es im Urteil. Immerhin habe sich der Tumor in zwei Monaten auf das Achtfache vergrößert.

Der Radiologe wurde von den Gutachtern entlastet: Das Brustgewebe sei so dicht gewesen, dass nur ein relativ großes Karzinom hätte entdeckt werden können. Der Radiologe sei Dienstleister der Gynäkologin gewesen, die letztlich die Verantwortung für die Behandlung der Patientin gehabt habe.

Das Gericht hielt ein Schmerzensgeld von 30.000 Euro für angemessen, weil die Frau in ihren letzten Jahren »kein erfülltes Leben mehr führen konnte«.

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