Sa., 10.02.2018

Prozess um Unfall mit vier Toten – Angeklagte verschafften sich mit Blaulicht freie Bahn Tödliches Überholmanöver

Dieses Blaulicht hielten die Angeklagten aus dem Auto.

Dieses Blaulicht hielten die Angeklagten aus dem Auto. Foto: Kai Wessel

Von Kai Wessel

Minden/Petershagen (WB). Sie saßen in einem Renault Twingo und fuhren mit hoher Geschwindigkeit über die B 482 bei Petershagen im Kreis Minden-Lübbecke. Um besser überholen zu können, hielten sie ein Blaulicht aus dem Fenster ihres Autos. Jetzt stehen die Männer vor dem Amtsgericht Minden. Weil sie einen Unfall mit vier Toten verursacht haben.

Vor Saal 223 stehen Mitglieder einer libanesischen Familie aus Nienburg. Sie tragen T-Shirts mit den Fotos der Menschen, die bei dem Unfall im Mai 2016 ums Leben kamen. Auch Aiman El Molla (23) ist da. Er saß mit vier Verwandten (45,24,24,18) in dem BMW-Cabrio, das die Angeklagten überholen wollten. »Nur ich habe das überlebt«, sagt er.

Aus den Unterlagen von Polizei und Staatsanwaltschaft geht hervor, dass der Twingo-Fahrer in einer leichten Linkskurve am BMW vorbei ziehen wollte. Als ein Sattelzug entgegen kam, versuchte der Twingo-Fahrer hinter dem BMW einzuscheren.

Keine Erinnerungen mehr

Dabei touchierte er diesen laut Gutachten mit einer Geschwindigkeit von 111 Stundenkilometern links am Heck. Der BMW wurde durch den Stoß in eine Drehbewegung versetzt, geriet auf die Gegenfahrbahn und krachte mit der rechten Seite in den Lkw. »Ich saß hinten links«, sagt Aiman El-Molla.

Er erlitt schwere Kopfverletzungen, außerdem Knochenbrüche. An den Unfall hat er keine Erinnerung mehr. Deshalb muss das Schöffengericht unter anderem klären, wer von den beiden Angeklagten aus Nienburg und Landesbergen (Niedersachsen) am Steuer des Twingo saß. Marcel B. (25) und Kevin G. (24) wissen es, machen bislang aber von ihrem Schweigerecht Gebrauch.

»Scheiße, scheiße, ich habe Scheiße gebaut.«

Die Aussage eines Zeugen, der den Knall des Unfalls gehört hatte, belastet Marcel B.. Nach Angaben des Ersthelfers hat der Angeklagte damals gesagt: »Scheiße, scheiße, ich habe Scheiße gebaut. Wir hätten nicht überholen dürfen.« Seine Mutter soll zudem in einem Internet-Chat geschrieben haben, dass ihr Sohn am Steuer gesessen habe.

Unklar ist, ob die Angeklagten das Blaulicht beim missglückten Überholmanöver eingesetzt haben. Es wurde nach dem Unfall wenige Meter vom Twingo entfernt am Straßenrand gefunden. Ein Sachverständiger erklärte, dass sich aus der Art der Beschädigung des Geräts keine Anhaltspunkte für eine Nutzung beim Unfallgeschehen ergeben würden. Mit letzter Sicherheit ausschließen konnte er die Nutzung auf Nachfrage der zehn Nebenkläger allerdings nicht.

Kurz vor dem Unfall sollen die Angeklagten einen VW Golf, in dem weitere Mitglieder der libanesischen Familie saßen, mit eingeschaltetem Blaulicht überholt haben. Golf-Fahrer Talal El Molla (51) erklärte im Zeugenstand, das Blaulicht im Rückspiegel gesehen und abgebremst zu haben. Als der Twingo 100 Meter vor dem Golf war, sei das Blaulicht ausgegangen. Minuten später erreichten die Golf-Insassen die Unfallstelle.

Antrag auf Haftbefehl

Rechtsanwalt Raban Fund, der den Angeklagten Marcel B. vertritt, rückte in der Beweisaufnahme das Verhalten der Sattelzugfahrerin in den Mittelpunkt. Aus der Auswertung des Fahrtenschreibers geht hervor, dass die Fahrerin die zulässige Höchstgeschwindigkeit um neun Stundenkilometer überschritten hatte. »Wenn sie vorschriftsmäßig gefahren wäre, wären die Unfallfolgen wahrscheinlich nicht so wie sie jetzt sind«, sagte Fund.

Rechtsanwalt Dr. Thomas Garlipp, der die Witwe eines der Verstorbenen vertritt, stellte den Antrag, Haftbefehl gegen die Angeklagten zu erlassen. Er empfahl, das Verfahren ans Landgericht Bielefeld zu verweisen. Aus Sicht des Rechtsanwalts gebe es Hinweise darauf, dass es sich nicht um einen Fall von fahrlässiger Tötung handele, sondern um Totschlag. Garlipp verwies auf ein Urteil aus Berlin, in dem zwei Männer, die sich ein Rennen geliefert hatten und einen Unbeteiligten tödlich verletzt hatten, wegen Mordes schuldig gesprochen worden seien.

Aiman El-Molla und seine Familie wollen den weiteren Prozessverlauf genau beobachten. Bislang sei für sie kein Zeichen der Reue bei den Angeklagten erkennbar: »Wir warten noch immer auf eine Entschuldigung.« Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt.

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