Sa., 30.12.2017

Schulleiterin blickt auf bewegte Zeiten am Gymnasium zurück Ingrid von Mitzlaff: »Das größte Geschenk meines Lebens«

Das Gymnasium der Stadt Rahden liegt hinter ihr: Am 26. Januar wird Schulleiterin Ingrid von Mitzlaff (63) in den Ruhestand verabschiedet. 22 Jahre lang hat sie die Entwicklung der Bildungseinrichtung vom ersten Stein und Bleistift an begleitet.

Das Gymnasium der Stadt Rahden liegt hinter ihr: Am 26. Januar wird Schulleiterin Ingrid von Mitzlaff (63) in den Ruhestand verabschiedet. 22 Jahre lang hat sie die Entwicklung der Bildungseinrichtung vom ersten Stein und Bleistift an begleitet. Foto: Mareile Mattlage

Rahden (WB). Von der Legung des Grundsteins und dem Kauf des ersten Bleistiftes an hat sie die Entwicklung des Gymnasiums der Stadt Rahden begleitet. Nun wird Schulleiterin Ingrid von Mitzlaff (63) am 26. Januar in den Ruhestand verabschiedet. Im Gespräch mit dieser Zeitung blickte sie auf ihre Berufslaufbahn zurück. Das Interview führte WB-Mitarbeiterin Mareile Mattlage.

Frau von Mitzlaff, waren Sie selbst eine gute Schülerin?

Ingrid von Mitzlaff: Nach heutigen Maßstäben – nein. Ich habe ein befriedigendes Abitur mit einigen kleinen Highlights gemacht. Aber die Schule hat mir Spaß gemacht und sie war für mich Lebensraum. Ich habe dort meine Freundinnen getroffen und bin sehr gerne zur Schule gegangen.

 

Wie wird man Direktorin? Und das auch noch von einer Schule, die es seinerzeit noch gar nicht gab?

von Mitzlaff: Meine Berufstätigkeit als Lehrerin habe ich in Wuppertal begonnen. Später habe ich an einem Gymnasium in Essen unterrichtet und war dort auch Erprobungsstufenkoordinatorin. Während dieser Zeit habe ich zusammen mit weiteren Kollegen eine Fortbildung zur Montessori-Lehrerin gemacht. Auf den Fahrten zur Montessori-Gesamtschule in Krefeld haben wir oft darüber diskutiert, wie wir uns gute Schule vorstellen und gescherzt, dass man eigentlich eine eigene Schule gründen müsste. Dann habe ich erfahren, dass in Rahden ein Gymnasium entstehen soll und hierfür eine Schulleitung gesucht wird . . .

Wie muss eine gute Schule sein? Gibt es ein Leitmotto?

von Mitzlaff: Während der Hospitation in der Montessori-Schule hat mir ein Schild über dem Ausgang sehr gefallen. Darauf stand: »Ich freue mich auf morgen.« Mein Ziel war es eine Schule aufzubauen, die Lern- und Lebensraum ist und in der sich die Kinder und Jugendlichen wohlfühlen. Und für das Kollegium soll das natürlich genau so gelten.

Stichwort Kollegium: Wie hat sich dieses von damals bis heute entwickelt?

von Mitzlaff: Wir haben 1995 mit vier Lehrkräften plus Pfarrer Dr. Werner Kreft in der Kohlhase-Schule begonnen. Jahr für Jahr kamen neue Kollegen hinzu. Der erste Sprung von vier auf elf Lehrer im Jahr 1996 fühlte sich an wie eine Neugründung. In diesem Jahr kam auch Robert Flüchter als mein Stellvertreter hinzu und die Schule zog um. Viele Teile des neuen Gymnasiums waren noch Baustelle. In dem großen Lehrerzimmer haben wir uns mit dem kleinen Kollegenkreis fast verloren. Es herrschte eine tolle Aufbruchstimmung, die alle sehr motiviert hat.

Wie viele Lehrer und Schüler zählt das Gymnasium heute?

von Mitzlaff: Aktuell haben wir 90 Lehrer, davon neun Referendare und 940 Schüler. Die höchste Schülerzahl, die wir je hatten, war 1302.

Was hat sich in den vergangenen 22 Jahren mit Blick auf die Politik verändert und wie bewerten Sie dies?

von Mitzlaff: Das Zentralabitur ist nach dem Start in 2007 etwas ruckelig angelaufen, hat sich nach einigen Jahren aber gut eingespielt. Ich würde sagen, es ist ein verlässliches Prüfungsinstrument, auf das man die Schüler gut vorbereiten kann und für die Kollegen ist es eine Entlastung. Ein Stück weit ist es natürlich auch eine Einschränkung was die Aufgabenstellung angeht, doch es ist ein Verfahren, das funktioniert und sich bewährt hat. Die Umstellung von G9 auf G8 im Jahr 2005 war ein großer Einschnitt. Aus heutiger Sicht fällt es schwer zu verstehen, warum sich damals viele so vehement für G8 eingesetzt haben. Heute können Schüler bereits mit 17 Jahren ein Studium aufnehmen, dürfen selbst aber zum Beispiel noch keine Wohnung mieten. Im neunten Schuljahr am Gymnasium konnten wir zu Zeiten von G9 eine enorme Entwicklung in Bezug auf Reife und Selbstständigkeit beobachten. Daher freue ich mich sehr, dass G9 jetzt wieder der Regelfall an Gymnasien werden soll.

Wie würden Sie die Zusammenarbeit mit der Stadt Rahden beschreiben?

von Mitzlaff: Sie könnte nicht besser sein! Die Stadt Rahden trägt ihre Schulen auf Händen. Ich habe während der gesamten Zeit, die ich diese Schule geleitet habe, immer ein sehr großes Verständnis bei der Stadt für die Bedeutung und Bedürfnisse der Schulen erfahren. Nach dem, was ich zuvor an der Schule in Essen erlebt hatte, war das für mich wie eine Offenbarung.

Was hat sich in Bezug auf das Lernverhalten der Schüler verändert? Stichwort Digitalisierung?

von Mitzlaff: Die Digitalisierung beeinflusst das Lernverhalten der Schüler spürbar. Das berichten auch die Grundschulen. Wir beobachten, dass nicht mehr so viel gelesen und geschrieben wird, die Aufmerksamkeitsspanne wird kürzer. Viel bedeutsamer ist allerdings, wie die Digitalisierung den Umgang miteinander beeinflusst. Mobbing per Handy ist ein großes Thema. Dinge, die man früher als Lehrer noch abfangen konnte, sind heute in Sekundenschnelle über WhatsApp verbreitet – auch über die Schule hinaus. Die Digitalisierung bringt aber auch Vorteile, zum Beispiel was die Beschaffung von Informationen betrifft.

Was sind Ihre schönsten und verrücktesten Erinnerungen?

von Mitzlaff: Besonders in Erinnerung geblieben sind mir das erste gemeinsame Schulfest mit Haupt- und Realschule im Sommer 1996 mit Elefanten des Tierparks Ströhen und das eiskalte Richtfest im Dezember 1996. Zu den schönsten Erfahrungen gehört die gute und intensive Zusammenarbeit mit meinem Stellvertreter Robert Flüchter. Die Gespräche mit den Schülern und Kollegen werde ich sehr vermissen. Ich habe erlebt, dass sich für jede noch so schwierige Situation eine Lösung finden lässt. Die Arbeit als Lehrerin und Schulleiterin hat mich als ganze Person gefordert und mir gleichzeitig immer viel zurückgegeben. Die Chance, diese Schule aufbauen zu können, ist für mich das größte Geschenk meines Lebens.

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