Do., 08.03.2018

Erst 1975 sind die ersten weiblichen Mitglieder in das Stadtparlament eingezogen Der lange Weg für Frauen in den Rat

Bert Honsel (links) und Heike Krüger (rechts) haben Eva Heidemann (2. von rechts) und Dorothee Brandt im Rathaus begrüßt.

Bert Honsel (links) und Heike Krüger (rechts) haben Eva Heidemann (2. von rechts) und Dorothee Brandt im Rathaus begrüßt. Foto: Bösch

Von Elke Bösch

Rahden (WB). 1918 hat der Rat der Volksbeauftragten in Deutschland den Frauen das Wahlrecht zugestanden. Fortan durften sie zudem in die Parlamente gewählt werden. Doch letzteres gestaltete sich als schwierig. Vor allem in ländlich strukturierten Regionen war es ein langer, jahrzehntelanger Weg für die Frauen in die Räte.

Das stellte auch Rahdens Gleichstellungsbeauftragte Heike Kröger fest, als sie sich auf Recherche begab. Auslöser: Am 8. März, also heute, wird der Weltfrauentag gefeiert und außerdem in diesem Jahr das aktive und passive Frauenwahlrecht 100 Jahre alt. Das nahm die Landesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauenbüros beziehungsweise Gleichstellungsstellen (LAG) zum Anlass, eine Umfrage zu starten und so flatterte für Heike Krüger Post ins Rahdener Rathaus.

»Die LAG wollte wissen, wann die ersten Frauen in Rahden in den Rat gewählt worden sind. In einem Gespräch zwischen der LAG und mir bemerkte eine Mitarbeiterin eher erstaunt: ›Stellen Sie sich vor, es gibt Kommunen, da waren erst ab den 60-er-Jahren Frauen im Rat vertreten‹«, erzählt Heike Krüger und sagt schmunzelnd: »Da dachte ich, dass das Rahden vermutlich toppen kann.«

Drei Jahre Einzelkämpferin

Krüger behielt Recht. Ihre Nachforschungen ergaben: Erst 1975 erhielten Frauen in Rahden so viele »Kreuzchen«, dass sie fortan in der Kommunalpolitik ein Wörtchen mitzureden hatten. Krüger ermittelte, dass es 1975 zwei Frauen ins Stadtparlament schafften. Die beiden neuen Ratsfrauen waren Irmgard Steinkamp (SPD) und Ingeborg Willenbrock (CDU), die aber schon 1976 verzog.

Drei Jahre musste Steinkamp allein für die Frauen in Rahden die Stellung halten. Das änderte sich 1979: Bei der Kommunalwahl holte die Christdemokratin Eva Heidemann genügend Stimmen und begann ihre politische Laufbahn, die sie bis in den Landtag führte.

Als einzige noch greifbare Ratsfrau der (fast) ersten Stunde hatte Heike Krüger nun Eva Heidemann ins Rathaus eingeladen, um mit ihr, der SPD-Fraktionschefin Dorothee Brandt und Bürgermeister Bert Honsel über alte Zeiten zu sprechen. Eva Heidemann kam gern und sprach über die Anfänge.

Spannende Zeit

In die Politik geholt hatte sie der ehrenamtliche Bürgermeister Reinhold Spönemann. Er habe sie angesprochen: »Willst du nicht kandidieren?« Sie wollte und schaffte es bis in den Landtag. »Soziales und Schule lagen mir besonders am Herzen«, erzählte sie. Miterlebt habe sie die spannende Zeit, als das Gymnasium gegründet worden sei. »Eigentlich wollte ich Rolf Sundermeier, der das Söderblom-Gymnasium geleitet hat, als Direktor, doch dann bewarb sich Ingrid von Mitzlaff und ich wusste: Die muss es sein.«

Nicht sein müssen aus ihrer Sicht heute gewisse »politische Umgangsformen«. »Wir haben auch gestritten in der Sache und das auch hart und bisweilen laut, aber fast immer fair. Ich habe klar meine Meinung geäußert. Natürlich waren wir nicht immer einig, aber persönliche Angriffe, die waren selten.« Das wünscht sie sich auch für die Gegenwart, und »dass wieder mehr geredet wird – mitein­ander«. Eine Auffassung, die Bert Honsel unterschreibt: »Streiten ja, aber mit Stil«, pflichtete er Heidemann bei.

Frauenrechte auch heute noch weiter stärken

Über Irmgard Steinkamp hatte Heike Krüger unter anderem mit ihrem Ehemann Heinz Steinkamp, selbst lange Jahre SPD-Ratsmitglied, gesprochen. Besonders das Soziale habe ihr am Herzen gelegen und die Gerechtigkeit für die Menschen am Rande der Gesellschaft. Irmgard Steinkamp war auch in der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (AsF) aktiv, von 1978 bis 1981 deren Vorsitzende. Und diese AsF möchte Dorothee Brandt (SPD-Fraktionsvorsitzende wieder stärker aktivieren. »Angesichts der immer noch existierenden Benachteiligung von Frauen, besonders wenn es um gleiche Bezahlung im Beruf geht, halte ich das für wichtig«, meinte Brandt und fand ungeteilte Zustimmung bei Heike Krüger. Aber auch einen Gedanken von Eva Heidemann möchte Brandt aufgreifen. Heidemann erinnerte daran, dass sich zu ihrer Zeit die Frauen aller Parteien sich zu gemeinsamen Gesprächen trafen und das zu guten Ergebnissen führte. Überfraktionelle Zusammenkünfte der Frauen, das könnte sich Brandt vorstellen.

Übrigens die Frauenquote im Rat seit 1975: Krüger ermittelte, dass sie bis 1999 bei Wahlen etwa magere zehn Prozent betrug, 2004 kratzte sie an der 20-Prozent-Hürde, die 2009 geknackt wurde. 2014 kamen die Frauen auf mehr als 30 Prozent. Noch dominieren im Rahdener Rat also deutlich die Männer. Doch wie der Bürgermeister bemerkte, gebe es zurzeit mit Dorothee Brandt, Doris Bölk sowie Gundel Schmidt-Tschech drei Fraktionsvorsitzende und bis Bianca Winkelmann nach ihrem Einzug in den Landtag ihren Vorsitz aufgab, seien es sogar vier gewesen.

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