Mi., 13.06.2018

Gesundheitszentrum Rahden: Ärzte und medizinische Dienstleister sind zornig »Medizinkonzept hat katastrophale Konsequenzen«

Das Gesundheitszentrum (Foto) und das Krankenhaus arbeiten zusammen.

Das Gesundheitszentrum (Foto) und das Krankenhaus arbeiten zusammen. Foto: Elke Bösch

Rahden (WB). Mit einem »Offenen Brief« haben sich Ärzte und die medizinischen Einrichtungen des Gesundheitszentrums Rahden jetzt an den Vorstand der Mühlenkreiskliniken (MKK) gewandt . In dem Schreiben an Dr. Kristin Drechsler und Dr. Olaf Bornemeier heißt es:

»Mit einigem Zorn haben wir Ihre Veröffentlichung zu den ›Herausforderungen im Gesundheitssektor‹ zur Kenntnis genommen. Das ganze Papier ist so haarsträubend, dass es nicht leicht ist, einen Anfang bei der Kommentierung zu finden. Sie schreiben, dass dieses Konzept über ein Jahr erarbeitet wurde. Auch hier in Rahden wurde unter reger Anteilnahme der Bevölkerung an einem Konzept zu einer der Herausforderungen des Gesundheitssektors gearbeitet, und zwar schon bedeutend länger als ein Jahr. Es ging um die Sicherstellung der medizinischen Versorgung der Bevölkerung im ländlichen Bereich. Hier in Rahden gehört dazu natürlich auch die Sicherstellung des Krankenhauses für die Grundversorgung. Durch den Bau und die Inbetriebnahme des Gesundheitszentrums ist jetzt ein erster guter Schritt gelungen.

Mit Schließung befasst

Es ist kaum vorstellbar, dass Sie davon nichts mitbekommen haben sollen, und es ist weiter kaum vorstellbar, was Sie bewegt haben könnte, Ihre eigenen Pläne eher mit einem Beratungsunternehmen zu teilen als mit den Betroffenen und Engagierten hier vor Ort. Noch schlimmer: Während hier immer der Erhalt des Krankenhauses bei allen Überlegungen und bei allen – zum Teil auch sehr kontrovers geführten Diskussionen – eine zentrale Rolle spielte, waren Sie schon dabei, sich sehr konkret mit der Schließung eben dieses Krankenhauses zu befassen.

Fachklinik als Fortschritt?

Sie werden uns nicht im Ernst die Einrichtung einer Psychosomatik und/oder Suchtabteilung hier vor Ort als Erhalt des Standortes oder gar als Fortschritt verkaufen wollen. Wenn das Lebensmittelgeschäft in meinem Ort geschlossen wird, kann mir die mögliche Strahlkraft eines dafür eröffneten Blumenladens nicht einleuchten.

Es stellt sich die Frage, welches Ziel denn dieses Konzept hatte. ›Herausforderung im Gesundheitssektor‹ ist etwa genauso aussagekräftig wie ›Sicherung des Weltfriedens‹. Sie erwähnen, dass Sie sich mit der steigenden Patientensouveränität befasst haben und dass Sie festgestellt haben, dass sich die Patienten ›ihr Krankenhaus bewusst anhand von Empfehlungen oder der erwarteten medizinischen Qualität aussuchen‹. Sie ergänzen: ›Die räumliche Nähe wird als Entscheidungskriterium unwichtiger‹.

Patienten Ausgeschlossen

Dazu ist zu sagen, dass Sie als Leitung der MKK die Verantwortung dafür haben, dass die Qualität und die räumliche Nähe gegeben ist. Im Falle eines Krankenhauses geht es nicht nur darum, wo die aufwendigsten Apparate stehen, sondern dass qualifizierte Versorgung möglichst nah zur Verfügung steht. Dem Patienten mit akutem Schlaganfall oder Herzinfarkt ist es sicher egal, wo er hinkommt, Hauptsache, es geht schnell. Was sich mit den medizinischen Notwendigkeiten deckt. Dafür Sorge zu tragen, ist Ihre Verantwortung.

Auch sollte vor Schließung von Standorten Klarheit darüber herrschen, wie es denn mit diesen allgemeinen Einschätzungen über den souveränen Patienten konkret hier vor Ort aussieht. Es passt nicht gut zusammen, dass Sie den souveränen Patienten zur Begründung Ihres Beschlusses anführen, Ihre Entscheidung jedoch unter Ausschluss dieses Patienten treffen.

Schlechter Ruf?

Es wäre tatsächlich sehr hilfreich, im Rahmen der Arbeit an einem Konzept darüber nachzudenken, woher denn ein möglicher schlechter Ruf des Krankenhauses Rahden kommt. Da könnten Sie hier viel Hilfe bekommen – wir alle haben die Verschlechterung der Versorgung hautnah mitbekommen.

Wie kommt es denn, dass Ärzte nicht ins Rahdener Krankenhaus wollen? Selbst wenn das so ist – Zahlen über Befragungen haben wir nicht gefunden – wäre eher zu überlegen, was denn da schief gelaufen ist: Sie haben ein kleines Krankenhaus, eng verzahnt mit der hausärztlichen Versorgung, wo Assistenzärzte und Oberärzte sehr selbstständig und nah am Patienten und den Angehörigen arbeiten könnten. Wieso schaffen Sie es nicht, dass das ein Projekt ist, wo alle hin wollen? Welche Anreize wären denn notwendig?

Ein Beratungsunternehmen wird da kaum helfen können, oder nur, wenn das als Gegenstand der Beratung vorgegeben wäre. Neben der Befragung der Assistenzärzte gibt es hier in Rahden und Umgebung einige Ärzte, die als Assistenten im Rahdener Krankenhaus gearbeitet haben und dann sogar hier geblieben sind.

Da könnte man ja was daraus machen . . .

Land gibt Förderung

Wie kommt es denn zum Fachkräftemangel? Das kann natürlich an den Arbeitsbedingungen liegen. Auch dies wäre möglich, im Rahmen einer Konzeptarbeit her­auszubekommen. Denn was ist, wenn alles im Klinikum Minden zentralisiert wurde, die Wartezeiten für die Patienten werden länger, die Arbeitsbelastung für das Personal – Pflegekräfte und Ärzte – wird höher, was zu weiterem Fachkräftemangel führt. Was dann? Nach Ihrer Logik wird dann zur Uniklinik Bochum zentralisiert.

Natürlich gibt es Ärzte, die gerne und gut in großen Zentren arbeiten, ebenso gibt es auch die, die gerne in kleinen, überschaubaren Einrichtungen tätig sind. Da ist es sehr interessant, dass das Land NRW besondere Förderung für Studenten auf den Weg gebracht hat, die sich auf dem Land niederlassen wollen.

Pläne sind Katastrophe

Es ist die Aufgabe der MKK, sich möglichst viele dieser Studenten zu sichern, sie auch und vor allem in Rahden auszubilden, vielleicht sogar in Zusammenarbeit mit den hier niedergelassenen Hausärzten, Kardiologen, und Gynäkologen. Da wäre ein Konzept draus zu machen.

Ihre Pläne zur Verlegung der Gynäkologie und Geburtshilfe sowie Urologie sind eine Katastrophe. Haben Sie vielleicht mal eine Erhebung gemacht, wie viele Geburtskomplikationen, Todesfälle bei Herzinfarkt, Schlaganfall und so weiter es schon bis jetzt gab durch die langen Wege, die schon jetzt hier zurückgelegt werden müssen? Solche Überlegungen und tatsächlich auch statistische Fakten stünden einem solchen Konzept gut an, das eine weitere Verlängerung dieser Wege beinhaltet.

Massive Verschlechterung

Zusammenfassend entsteht der Eindruck, dass Sie Entscheidungen treffen, die die Menschen hier im Mühlenkreis betreffen, die die Versorgung massiv verschlechtern – ohne die Menschen hier darüber während des Entscheidungsprozesses zu informieren, ohne die Sachkunde der Menschen vor Ort anzufragen und dass Ihnen die katastrophalen Konsequenzen in medizinischer Hinsicht, der Zorn der Menschen hier, die Zunahme des Gefühls, dass ›die da oben eh machen was sie wollen‹ gleichgültig sind.«

Die Unterzeichner

Den Brief unterschrieben haben: Sarah Seeger, Jens Gottfriedsen, hausärztliche Gemeinschaftspraxis; Dr. med dent. Christian Paul, Zahnarzt; Orhan Uzun, Kardiologe; Barabara Horzella, Fachärztin für Allgemeinmedizin; Dr. F. Nellissen, Dr. F. Wahidi, gynäkologische Gemeinschaftspraxis; Dipl med. Karin Hocher, Praxis für Allgemeinmedizin; Bodo Strunk, Heilpraktiker, Praxis für manuelle Heilkunde; Kerstin Blaue, Apothekerin Vital-Apotheke, N. Kroschin, Pflegeberatungsbüro »Pro Senior« und M. Wurzel, Sanitätshaus »San Agil«.

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