Fr., 17.11.2017

Stemweder Landwirte in Sorge: Drohen Massentötungen und finanzielle Verluste? Angst vor der Schweinepest wächst

Wird dieses Bild Wirklichkeit? Veterinäre untersuchen einen möglicherweise infizierten Schweinebestand.

Wird dieses Bild Wirklichkeit? Veterinäre untersuchen einen möglicherweise infizierten Schweinebestand. Foto: dpa

Von Dieter Wehbrink

Stemwede (WB). Droht dieses Schreckensszenario jetzt wieder? Wer diese schlimmen Szenen aus den Schweinepest-Jahren 1992 bis 1996 in Stemwedes Nachbarort Damme miterleben musste, wird sie wohl nie vergessen.

Tausende – zumeist völlig gesunde – Schweine mussten damals vorsorglich von »Keulungs-Kommandos« direkt auf den Bauernhöfen getötet werden. Bis nach Rüschendorf und Eickhöpen, also Orte, die in der Nachbarschaft von Stemwede liegen, erstreckten sich die behördlich angeordneten Massentötungen. Auch einige Landwirte aus dem viehstarken Stemwede bekamen Auflagen. Sie durften ihre Schweine zeitweise nicht vermarkten, was ihnen schwere finanzielle Einbußen bescherte.

Seuche wütet in Osteuropa

Und jetzt ist die Gefahr von damals wieder allgegenwärtig. Experten rechnen in Deutschland jederzeit mit dem Ausbruch der gefürchteten Afrikanischen Schweinepest. Sie ist für den Menschen zwar harmlos, hat aber bei einem Ausbruch verheerende Folgen für den Schweinebestand. Sie wütet bereits seit Jahren in der Ukraine, Weißrussland, Litauen, Lettland sowie Estland. Jetzt ist diese ursprünglich aus Afrika stammende hoch infektiöse Tierseuche auch in den Transitländern Tschechien, Rumnänien und Polen ein Riesenproblem.

Schlüsselfiguren bei der Verbreitung sind Wildschweine, aber auch der Transitverkehr. Ein Beispiel: Wirft ein ahnungsloser Autofahrer ein in Polen gekauftes infiziertes Wurstbrot in Deutschland an einer Raststätte weg und wird dies von einem Wildschwein gefressen, ist der Erreger in Deutschland.

Krankheitsanzeichen sofort melden

Am Dienstag startet unter Leitung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft eine Krisenübung zur Afrikanischen Schweinepest. Und auch der Kreis Minden-Lübbecke hat sich intensiv auf den Ernstfall vorbereitet. Dies bestätigte die Kreissprecherin Sabine Ohnesorge dieser Zeitung auf Anfrage. Ohnesorge ermahnt alle Schweinehalter, ihre Tiere sorgfältig zu beobachten und der Veterinärbehörde in Minden Auffälligkeiten wie Fieber oder Apathie sofort zu melden. »Der Tierhalter ist verpflichtet, bei unklaren Erkrankungen seiner Schweine möglichst frühzeitig seinen Haustierarzt einzuschalten.

Dieser kann Blutproben zum Ausschluss von Tierseuchen, wie zum Beispiel der Afrikanischen Schweinepest nehmen – hierfür gibt es ein Frühwarnsystem«, sagt Ohnesorge. »Wenn nötig, sind kranke Schweine von gesunden zu separieren. Das schuldhafte Verschleppen von Tierseuchen kann eine Ordnungswidrigkeit nach den Vorschriften des Tiergesundheitsgesetzes darstellen.«

Sperrbezirke und Beobachtungsgebiete

Trete ein Verdachtsfall ein, entnähmen die Veterinäre den Schweinen Blutproben oder ließen frisch verendete Tiere untersuchen. »Sollte ein Ausbruch der Erkrankung festgestellt werden, werden sowohl für den betroffenen Betrieb als auch für so genannte gefährdete Zonen Sperrbezirk und Beobachtungsgebiete angeordnet.«

Für das Gehöft, auf dem die Seuche festgestellt wurde, gebe es eine Bestandssperre: Alle betroffenen Schweine müssten getötet und der Betrieb gereinigt sowie desinfiziert werden, erklärte die Kreis-Pressesprecherin. Im Sperrbezirk – mindestens drei Kilometer Radius um das Seuchengehöft – würden alle eventuellen weiteren Betriebe auf Anzeichen der Schweinepest untersucht.

Schweine müssen in den Ställen bleiben

Zudem bestünden für mindestens 40 Tage so genannte Verbringungsverbote: »Alle Tiere müssen in dieser Zeit dort bleiben, wo sie sind und es dürfen keine neuen Schweine in die Betriebe eingestellt werden. Auch nach Ablauf dieser 40 Tage ist ein Verbringen nur in Ausnahmefällen möglich.«

Für das Beobachtungsgebiet – ein Radius von mindestens zehn Kilometern um das Seuchengehöft herum – seien ebenfalls Verbringungsverbote für mindestens 30 Tage vorgesehen. In beiden Gebieten würden zudem auffällige Schweine per Blutprobe untersucht. Werde die Schweinepest bei einem Wildschwein festgestellt, würden diese Tiere intensiv bejagt.

Tierseuchenkasse zahlt nur an das Seuchengehöft

Die Landwirte befürchten bei einem Ausbruch schwere finanzielle Schäden. »Entschädigungen durch die Tierseuchenkasse werden in der Regel nur für das Seuchengehöft geleistet. Sie betreffen lediglich die getöteten Schweine sowie die damit im Zusammenhang stehenden Kosten«, erläutert die Kreis-Pressesprecherin. »Entschädigungen werden allerdings nur dann in vollem Umfang gezahlt, wenn der betroffene Tierhalter nicht gegen einschlägige tierseuchenrechtliche Vorschriften verstoßen und seine Tierseuchenkassenbeiträge in vollem Umfang geleistet hat.«

Wachsende Wildschwein-Populaton ist ein Problem

Die übrigen Landwirte, deren Höfe zum Beispiel im Sperrbezirk lägen und wirtschaftliche Einbußen durch Einschränken des Verbringens – somit auch der Vermarktung der Schweine – hätten, würden nicht entschädigt. Im Klartext: Die Schweine sind vom Alter her schlachtreif, dürfen aber den Hof nicht verlassen. Sie müssen weiterhin auf Kosten des Bauern gefüttert werden, während ihr Marktwert wegen unerwünschter Überschwere täglich sinkt. »Landwirte können sich allerdings gegen einen solchen Fall privat versichern«, sagt Ohnesorge.

Mindestens 45 Tage müsse ein Sperrbezirk frei von Schweinepest-Fällen sein, damit die Landwirte wieder Schweine transportieren beziehungsweise vermarkten dürften.

Die Afrikanische Schweinepest ist auch deshalb so gefährlich, weil es dagegen noch keinen Impfstoff gibt. Dass zudem die extrem angewachsenen Wildschwein-Bestände, etwa in Stemwede, die Seuche weiterverbreiten können, bringt zusätzliche Schwierigkeiten mit sich.

Das sagt Gemeindeverbandsvorsitzender Joachim Schmedt

Die Sorge ist groß in Stemwede: Hier gibt es noch viele Schweinehalter – und nachweislich auch Wildschweine. »Ich bin davon überzeugt, dass ein Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest Betriebe und Arbeitsplätze gefährden wird – und das nicht nur in der Landwirtschaft«, befürchtet Joachim Schmedt. Der Dielinger ist Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Gemeindeverbandes Stemwede. »Es wird Jahre dauern, bis sich die Situation wieder stabilisiert hat. Wir werden massivste wirtschaftliche Einbrüche auf allen Ebenen der Produktion erfahren. Wahrscheinlich in einem Umfang, den sich viele zurzeit nicht vorstellen können.«

Für die Vermarktung von Schweinen bestehe maximal nur ein Zeitfenster von einer Woche. Das gelte für Ferkel und Mastschweine, um die Tiere im entsprechenden, vom Abnehmer gewünschten Gewicht zu vermarkten, sagte Schmedt: »Wo sollen die Ferkel und Schweine bleiben? Die Ställe werden überquellen. Das hat mit Tierschutz nichts mehr gemein.«

Und sei eine betroffene Region dann schweinefrei, würden vor- und nachgelagerte Wirtschaftsbereiche dies mit aller Härte zu spüren bekommen. »Landhändler und Futtermittelhersteller verkaufen kein Futter, Spediteure brauchen es nicht zu transportieren. Wird kein Futter verkauft, braucht auch kein Getreide eingekauft zu werden«, sagt Schmedt. »Für Reparaturen in den Ställen wird auch kein Handwerker benötigt. Der Tierarzt ist ebenfalls überflüssig und auch der Schlachter. Wo nicht geschlachtet wird, braucht nicht zerlegt und verpackt zu werden.«

Ihm stelle sich bei diesem Szenario die grundsätzliche Frage, »ob es nicht doch möglich ist, Impfstoffe zu entwickeln, damit das Töten der Tiere ein Ende hat«, sagte Schmedt.

 

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