Do., 15.02.2018

Im Jahr fünf nach der Rettung ist die Firma stabil am Markt (mit Kommentar) Jaka hat die düsteren Wolken vertrieben

Kai Abruszat (von links) lässt sich von Leo Brecklinghaus und Sonja Schumacher durch die Produktion des Bad- und Küchenmöbelherstellers Jaka-BKL führen. Rechts Andrea Lilie von der Gemeinde, die sich um Wirtschaftsförderung kümmert.

Kai Abruszat (von links) lässt sich von Leo Brecklinghaus und Sonja Schumacher durch die Produktion des Bad- und Küchenmöbelherstellers Jaka-BKL führen. Rechts Andrea Lilie von der Gemeinde, die sich um Wirtschaftsförderung kümmert. Foto: Dieter Wehbrink

Von Dieter Wehbrink

Stemwede (WB). Leo Brecklinghaus (58) schaut bei herrlichem Winterwetter aus dem Fenster des Besprechungsraums von Jaka-BKL. »Heute scheint die Sonne über Wehdem«, sinniert der Geschäftsführer des Bad- und Küchenmöbelherstellers mit ernster Miene. »Vor fünf Jahren lagen dunkle Wolken über dem Unternehmen.«

In der Tat: Der schwedische Möbelkonzern-Riese Nobia kündigte 2013 an, sich von seiner Stemweder Tochter Jaka Optifit zu trennen. Der komplette Standort war in höchster Gefahr. Mehr als 200 Arbeitsplätze drohten vernichtet zu werden. Über viele Wochen hinweg gab es extreme Unruhe und Ängste unter den Beschäftigten – und natürlich auch in der gesamten Gemeinde Stemwede. Doch dann wagten der damalige Jaka-Geschäftsführer Leo Brecklinghaus und die kaufmännische Leiterin Sonja Schumacher einen mutigen Schritt. Sie übernahmen von Nobia das Werk, um es in eigener Regie weiterzuführen. Zwar gingen damals etwa 50 Arbeitsplätze verloren, aber mit 160 Beschäftigten führten die neuen »alten« Chefs das Unternehmen nun weiter – allerdings auf eigenes Risiko.

»Marlin«, »Optifit« und – ganz neu – »Jasani«

Bislang mit Erfolg, wie Schumacher (47) und Brecklinghaus jetzt ihren Gästen, Stemwedes Bürgermeister Kai Abruszat und dessen Mitarbeiterin Andrea Lilie, berichteten. »Die Zahl der Beschäftigten ist nach unserer Übernahme von 160 auf 190 gestiegen«, sagte Brecklinghaus. In den großen Hallen an der Jaka-Straße werden Bad- und Küchenmöbel unter den Markenbegriffen »Marlin«, »Optifit« und – ganz neu – »Jasani« gefertigt. 2015 schaffte das Unternehmen eine neue hochmoderne Maschinenstraße an.

Abnehmer von Badezimmermöbeln und Co. sind neben dem Großhandel auch Online-Anbieter wie Otto oder der Nobel-Anbieter Joop, der in Wehdem eine eigene Linie bestellte. Hinzu kommt bei Jaka ein Werksverkauf. Kai Abruszat und Andrea Lilie staunten und freuten sich über den Erfolg von Jaka BKL, als sie von Sonja Schumacher und Leo Brecklinghaus durch die Produktionshallen geführt wurden.

Es gibt auch Sorgen

Ist denn heute, fünf Jahre nach den »Wochen der Schreckens«, alles gut? »Bereut haben wir unseren damaligen Schritt zwar nicht«, sagte Brecklinghaus dieser Zeitung. »Aber Sorgen haben wir durchaus. Ich hätte mir beispielsweise nicht vorstellen können, dass für uns der Fachkräftemangel – beziehungsweise der Mangel an geeigneten Bewerbern schlechthin – ein Problem werden könnte.«

»Der Kunde will seine Möbel heute innerhalb von drei bis vier Wochen nach der Bestellung geliefert bekommen. Sind wir wegen fehlender Mitarbeiter nicht schnell genug, haben wir ein Problem. Bestellt der Kunde unsere Möbel nämlich beim Online-Händler, kann er seinen Auftrag stornieren«, erklärte Sonja Schumacher.

Jaka-BKL würde selbst gern Nachwuchskräfte ausbilden, etwa zum Anlagen- und Maschinenführer. Doch dies müsse und könne schneller gehen als innerhalb der von der Gewerkschaft geforderten Ausbildungsdauer von drei Jahren, findet Brecklinghaus. »Zwei Jahre reichen aus.« Kai Abruszat sagte zu, speziell dieses Problem bei der Landes- und Bundespolitik anzusprechen. »Wir denken wegen des Arbeitskräftemangels zwar nicht über Verlagerungen ins Ausland nach«, sagte Brecklinghaus. »Aber manchmal bin ich so frustriert, dass ich denke, man sollte nicht Arbeitskräfte aus der Ukraine holen, sondern die Arbeit in die Ukraine bringen.«

»Unfaire EU-Subventionen«

Apropos Ausland: Sauer sind Brecklinghaus und Schumacher darüber, dass EU-Subventionen für einen ungerechten Wettbewerb sorgen. »Möbelhersteller im strukturschwach geltenden Polen kaufen hochmoderne Maschinen ein, die sie zu 30 Prozent mit EU-Geldern bezahlen. Mit solchen Subventionen machen sie uns heftige Konkurrenz. Es ist so, als würden sie mit Spikes laufen und wir barfuß.« Ohnehin sei der Handel mit Möbeln ein immer härter werdendes Geschäft: »Durch zunehmende Konzentrationen und Fusionen im Handel wächst der Druck auf die Hersteller, etwa durch geforderte Rabatte.«

Dazu ein Kommentar von Dieter Wehbrink:

Wer hätte vor fünf Jahren nicht rabenschwarz gesehen? Damals erschien der Untergang des 210 Mitarbeiter zählenden Betriebs Jaka so gut wie unvermeidlich. Und wer hätte damals darauf gewettet, dass heute – fünf Jahre nach jenen beklemmenden Wochen voller Angst – noch immer Hochbetrieb in den Hallen herrscht und dort aktuell immerhin wieder 190 Menschen ihren Lebensunterhalt verdienen?

Es war zweifellos ein mutiger Schritt von Leo Brecklinghaus und Sonja Schumacher, als sie das damals kaum für möglich Gehaltene wagten und Jaka fortführten. Dies verdient auch heute noch Hochachtung – auch wenn damals leider 50 von 210 Beschäftigten nicht übernommen werden konnten. Respekt gilt jenen Mitarbeitern, die seinerzeit mit Brecklinghaus und Schumacher den ungewissen – und mit Opfern verbundenen – Neuanfang beschritten. So konnte Jaka bis heute überleben.

Nicht auszudenken, welche Folgen es für die Beschäftigten und die Gemeinde gehabt hätte, wenn Jaka zerschlagen worden wäre. Die entschlossene Initiative von Brecklinghaus und Schumacher hat dazu geführt, dass womöglich so manche Familie damals nicht in Hartz IV abrutschen musste. Allerdings bleibt der zukünftige Weg wie für alle Möbelhersteller eine ständige unternehmerische Herausforderung. Sicher ist aber: Ganz Stemwede drückt dem Wehdemer Unternehmen, seiner Führung und seinen Mitarbeitern die Daumen für eine gute Zukunft.

 

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