Di., 08.05.2018

Nach Windradunfall in Borchen: 60 Landwirte können Weiden und Äcker nicht nutzen Glasfasersplitter sorgen bei Bauern für Ratlosigkeit

Der Kopf der Anlage ist abgebaut. Sie soll nach einem Gutachten zur Statik aber wieder aufgebaut werden.

Der Kopf der Anlage ist abgebaut. Sie soll nach einem Gutachten zur Statik aber wieder aufgebaut werden. Foto: Jörn Hannemann

Von Bernhard Liedmann

Borchen (WB). Auch zwei Monate nach der Havarie eines Windrades in Borchen-Etteln herrscht Ratlosigkeit unter den betroffenen 60 Landwirten. Die erste Ernte auf etwa 50 Hektar muss nach dem seit Montag vorliegenden Gutachten entsorgt werden, weil von den Kleinstsplittern im Boden eine »erhebliche Gefahr« für die Tiere ausgehe.

Doch wie es jetzt weitergeht, ist offen. Am 8. März waren zwei Flügel einer E-115-Anlage von Enercon regelrecht zerfetzt worden. In einem Radius von 800 Metern hatten sich messerscharfe Kleinstsplitter rund um das Rad im Boden verteilt. Auch acht Wochen nach dem Unfall sammeln die Mitarbeiter einer Gartenbaufirma weiterhin diese Kleinstteile auf. Sogar Sauggeräte waren im Einsatz, um diese nicht verrottenden Partikel zu sammeln.

Solche scharfen Glasfaser-Kleinstteile sind rund um die Anlage auf etwa 50 Hektar verteilt. Foto: Jörn Hannemann

Neben der ersten Entsorgung der Ernte auf der gesamten Fläche fordert der Gutachter die Hinzuziehung von weiteren Experten, um das Gefährdungspotenzial für die Tiere abschließend zu klären. Die meisten Flächen dienen als Weidefläche für Kühe und Pferde.

Vielfach wird hier Heu und Silage geerntet, aber auch Getreide oder Mais wird angebaut. »Jetzt muss zunächst schnellstens gemäht und entsorgt werden«, sagt Gutachter Diplom-Ingenieur Dr. Gerhard Dumbeck. Ob der spätere Ährenschnitt verwendet werden kann, sei derzeit nicht sicher. Kernproblem sei derzeit alles, was dicht am Erdreich wachse.

Unabhängigkeit des Gutachtens wird hinterfragt

In Kooperation mit der Landwirtschaftkammer wollten die Landwirte bei einer Informationsveranstaltung am Montagabend ihr weiteres Vorgehen absprechen. Deshalb wolle man derzeit keine Stellungnahme zu den Auswirkungen abgeben, hieß es.

Viele Fragen sind offen: »Was ist mit der Reinigung von Wald- und Heckenbereichen?«, fragt ein Betroffener, der in dem von den Splittern verunreinigten Bereich eine Obstplantage betreibt. Auch er hinterfragt die Unabhängigkeit eines Gutachtens, das vom Betreiber der Windkraftanlage (Westfalenwind) nach einer Ordnungsverfügung des Kreises Paderborn in Auftrag gegeben wurde.

Mit dem Wegfall der Futtermittelernte auf den Flächen haben die Landwirte den ersten wirtschaftlichen Rückschlag erlitten. Sie müssen Futtermittel hinzukaufen. Was mit den Flächen beispielsweise nach einem Umpflügen passiert, ist ebenfalls offen. Der Kreis Paderborn sah am Montag keine Notwendigkeit für die Anordnung von Sanierungs- und Vorsorgemaßnahmen, da keine »schädlichen Bodenveränderungen im Sinne des Bundes-Bodenschutzgesetzes vorliegen«, so die Mitteilung aus dem Kreishaus.

Verwaltung: »Menschliches Versagen« als Ursache

Doch obwohl das Gutachten zur Unfallursache selbst noch aussteht, übernahm die Verwaltung bereits vor vier Wochen die Betreiberdarstellung, dass »menschliches Versagen« zu der Havarie geführt habe. Ein solcher Unfall hätte während des Betriebs der Anlage nicht erfolgen können, da rechtzeitig eine Abschaltung erfolgt wäre, wurde Kreistagspolitikern im Ausschuss mitgeteilt.

Hersteller Enercon und Betreiber Westfalenwind haben für Dienstag eine gutachterliche Erklärung zur Unfallursache angekündigt. Derzeit drehen sich 44 E 115-Anlagen im Kreis Paderborn. Auch der Kreis Paderborn betreibt über seine Müllentsorgungsgesellschaft zwei E 115-Räder auf der Deponie.

Kommentare

Wenn ich bedenke, was die Bauern sonst alles unterpflügen, dann verstehe ich diese Aufregung nicht. Da werden z. B. ganze Raketenabschußbatterien von Silvester kurzerhand in den Boden gepflügt. Gesund ist das sicherlich nicht. Aber wahrscheinlich geht es jetzt einfach nur ums Kohle-Machen...

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