Fr., 10.08.2018

Delbrücker Arzt Dr. Klaus Tuschen behandelt Lipödem-Patienten Krank – nicht undiszipliniert

Die vom Lipödem Betroffenen Nina Ewers aus Riege, Tanja Reisewitz aus Salzkotten, Daniela Pavkovic aus Hövelhof und Claudia Surmund aus Sande (von links) mit Dr. Klaus Tuschen, der mehr als 250 Lip­ödem-Patientinnen in Delbrück behandelt.

Die vom Lipödem Betroffenen Nina Ewers aus Riege, Tanja Reisewitz aus Salzkotten, Daniela Pavkovic aus Hövelhof und Claudia Surmund aus Sande (von links) mit Dr. Klaus Tuschen, der mehr als 250 Lip­ödem-Patientinnen in Delbrück behandelt. Foto: Meike Oblau

Von Meike Oblau

Delbrück/Hövelhof (WB). Abschätzige Blicke. Fiese Kommentare. »Fette Qualle.« »Mach mal Diät!« Wer unter Lipödem leidet, einer krankhaften Fettverteilungsstörung, der kennt diese Sprüche. Mehr als 250 Patienten aus einem Umkreis von 100 Kilometern setzen ihre Hoffnungen in den Delbrücker Arzt Dr. Klaus Tuschen.

Vier Frauen wagen sich im Gespräch mit dem WESTFÄLISCHEN VOLKSBLATT an die Öffentlichkeit und erzählen, was die Diagnose Lipödem für sie bedeutet. »Teilweise wird man regelrecht angefeindet«, sagt Nina Ewers (36) aus Riege, »sogar manche Ärzte kennen das Krankheitsbild nicht. Einer wollte mich in eine Adipositas-Gruppe schicken und empfahl mir ein Magenband.«

»Ins Hallenbad muss man sich erst mal trauen...«

Daniela Pavkovic (55) aus Hövelhof erzählt: »Eigentlich wird uns geraten, regelmäßig zum Schwimmen oder zur Wassergymnastik zu gehen, aber das muss man sich erst mal trauen....« Dr. Klaus Tuschen weiß, dass Scham und Vorurteile oft ein ebenso großes Problem für die Patientinnen sind wie die Symptome der Krankheit: »Manche trauen sich nicht einmal, sich vor ihrem eigenen Mann auszuziehen.« Daniela Pavkovic sagt: »Auch wenn wir nicht so aussehen: Innerlich sind wir dünnhäutig und fiese Sprüche verletzen ungemein.«

Krankenkassen zahlen OPs oft nicht

Unverständnis rufe auch oft die Kompressionsbekleidung hervor, die die Betroffenen tragen müssen – auch bei 35 Grad im Schatten. Und die Kompression ist sogar richtig teuer: »Ich trage gerade 1500 Euro an mir«, sagt Tanja Reisewitz (37) aus Salzkotten, »allein die maßangefertigte Strumpfhose kostet 700 Euro.«

Die Spezialbekleidung immerhin wird meist von den Krankenkassen übernommen – anders als die im fortgeschrittenen Stadium oft nahezu unumgängliche Operation, die Liposuktion (Fettabsaugen). Nina Ewers hat inzwischen ihre dritte OP bei einem Spezialisten in Essen hinter sich: »Zuerst hat meine Krankenkasse die Übernahme der Kosten abgelehnt und ich habe das erst nach viel Hin und Her erstattet bekommen. Das belastet zusätzlich.«

Claudia Surmund (51) aus Sande hat die lang ersehnte Kostenzusage ihrer Krankenkasse ebenfalls jetzt vorliegen. »Ich habe kurz vor der Diagnose massiv abgenommen, aber Arme und Beine wurden immer dicker, das passte überhaupt nicht zu dem, was die Waage anzeigte«, erinnert sie sich. Dr. Klaus Tuschen bestätigt: »Etwa 15 Prozent der Erkrankten sind normalgewichtig.« Surmund wünscht sich, dass das Krankheitsbild bekannter wird: »Wer mich freundlich fragt, bekommt auch Auskunft.«

Keine Folge von Übergewicht

Die Erkrankung bedeutet für die Betroffenen nicht nur ein deutlich verändertes äußeres Erscheinungsbild, sondern oft auch starke Schmerzen – je nach Stadium. Dr. Tuschen spricht von »schmerzendem Fettgewebe« und weist darauf hin, dass Lipödem keine Folge von Übergewicht ist: »Lip­ödeme können auch nicht durch Abmagerungskuren bekämpft werden.« Lymphdrainagen, Kompressionstherapien oder Bewegung (am besten im Wasser) können die Beschwerden lindern.

Derzeit laufe eine vom höchsten Gremium im deutschen Gesundheitswesen, dem »Gemeinsamen Bundesausschuss«, in Auftrag gegebene Studie, die den Nachweis erbringen könnte, dass durch eine Operation (Liposuktion) eine dauerhafte Besserung erreicht werden kann. »Je nach Ausgang der Studie wird entschieden, ob diese Operation eine Leistung der gesetzlichen Krankenkasse wird«, sagt Tuschen.

Und wie können sich Außenstehende vorstellen, wie sich Lip­ödem auswirkt? »Wickeln Sie sich mal Milchtüten in festen Bandagen um die Beine und versuchen Sie, Treppen zu steigen«, beschreibt Daniela Pavkovic.

Stichwort: Lipödem

In Deutschland sind mehr als 2,2 Millionen Menschen, fast ausschließlich Frauen, vom Lipödem betroffen. Ursache ist eine Fettverteilungsstörung. Es handelt sich dabei um eine Krankheit und hat nichts mit falschem Essverhalten oder mangelnder Disziplin zu tun. Die Krankheit ist gekennzeichnet durch eine atypische, symmetrische Häufung von Fettgewebe seitlich an den Hüften und Oberschenkeln. Auch die Oberarme und im späteren Verlauf die Unterschenkel, Unterarme und der Nacken können betroffen sein.

Auslöser scheinen hormonelle Veränderungen bei Frauen zu sein – meist treten erste Symptome nach der Pubertät auf, manchmal auch nach Schwangerschaften oder den Wechseljahren. Die betroffenen Körperteile sind schmerz- und druckempfindlich. Patientinnen neigen zudem zu blauen Flecken. Das Tragen von Kompressionsstrümpfen kann helfen, im späteren Verlauf auch eine so genannte Liposuktion (Fettabsaugen), die aber oft nicht von den Krankenkassen bezahlt wird.

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