Mi., 14.02.2018

Birgit Riegraf kommt als erste Frau ins Leitungsamt der Universität Paderborn Riegraf: »Ich halte mich für gestaltungswillig«

Birgit Riegraf setzt auf Kontinuität – »aber nicht in dem Sinne, dass alles so weitergeht wie bisher.«

Birgit Riegraf setzt auf Kontinuität – »aber nicht in dem Sinne, dass alles so weitergeht wie bisher.« Foto: Besim Mazhiqi

Paderborn (WB). Die Soziologin Prof. Dr. Birgit Riegraf ist die erste Frau an der Spitze der Universität Paderborn. Die 57-Jährige war bereits seit 2015 als Vizepräsidentin für Lehre, Studium und Qualitätsmanagement tätig und vertrat zuletzt den aus gesundheitlichen Gründen zurückgetretenen Uni-Chef Wilhelm Schäfer. Am 1. April tritt sie ihr Leitungsamt an. Mit der neuen Präsidentin sprach Manfred Stienecke.

Als junge Abiturientin sind Sie aus der schwäbischen Kleinstadt zum Studium nach Berlin gegangen. War das die Flucht aus der Provinz?

Riegraf: Ja! (lacht) Das war die Flucht aus der Provinz. Es war tatsächlich Abenteuerlust und der Versuch, den Horizont zu erweitern und aus dem teilweise sehr engen Umfeld auszubrechen. Ich bin damals zusammen mit Klassenkameraden aufgebrochen. Wir sind gemeinsam nach Berlin gegangen.

 

Ins Zentrum der deutschen politischen Auseinandersetzung, der damaligen Friedens- und Umweltbewegung. Haben Sie sich da gleich angeschlossen?

Riegraf: Naja, ich habe zunächst Politikwissenschaften studiert. Und in Berlin waren wir natürlich inmitten der politischen Auseinandersetzungen und mussten uns mit den Konflikten vor Ort auseinandersetzen.

 

20.000 Studenten, 2400 Mitarbeiter

Die Universität Paderborn wurde 1972 als Gesamthochschule für gut 7000 Studenten gegründet. Heute studieren hier rund 20.000 angehende Akademiker in fünf Fakultäten (Kulturwissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, Naturwissenschaften, Ingenieurwissenschaften sowie Mathematik, Informatik und Elektrotechnik). Die Hochschule beschäftigt 2400 wissenschaftliche und nichtwissenschaftliche Mitarbeiter. Der Campus ist baulich kontinuierlich erweitert worden.

Waren das dann die ersten größeren Demos, an denen Sie sich beteiligt haben?

Riegraf: Nein. Ich war schon früh bei Friedensdemos dabei. Ich bin in Süddeutschland aufgewachsen. Süddeutschland war zu der Zeit des »Heißen Herbstes« besonders im Fokus, da war es selbstverständlich, dass wir uns schon in der Schule mit politischen Fragen beschäftigten. Wir sind damals gemeinsam auf die Ostermärsche gezogen. Dafür war Berlin nicht nötig.

 

Gelandet sind sie schließlich in Ostwestfalen.

Riegraf: Nach dem Ende des Studiums hatte ich zunächst eine Stelle in Berlin und bin anschließend nach Bielefeld gegangen. Das war die erste längere berufliche Phase, in der ich auch habilitiert worden bin.

Und Sie haben dann in Bielefeld auch Ihr privates Glück gefunden? Ihr Mann stammt aus Bünde.

Riegraf: (lacht) Das Glück habe ich vorher schon in Berlin gefunden. Mein Mann und ich haben uns beim Studium in Berlin kennengelernt. Ich war dann natürlich schon häufiger in Ostwestfalen.

Sie sind dann Mutter geworden. Wie haben Sie Beruf und Familie vereinbaren können?

Riegraf: Mein Mann und ich haben das gemeinsam gemacht. Wir waren beide berufstätig. Es war ein ziemlich großer Aufwand, und ohne die Hilfe der Eltern und Schwiegereltern wäre es nicht gegangen. Ich selbst habe meine berufliche Tätigkeit für ein Jahr unterbrochen und wir haben sehr früh einen von einer Elterninitiative organisierten Kindergarten in Anspruch genommen.

Dann kam die Berufung auf den Lehrstuhl nach Paderborn. Was hatten Sie sich 2009 vorgenommen? Was wollten Sie hier realisieren?

Riegraf: Mir ging es darum, die Soziologie in Paderborn neu aufzustellen. Es gibt eine starke Anbindung an die Lehrerausbildung. Ich halte den Lehrerberuf für einen der wichtigsten Berufe in unserer Gesellschaft. Für mich ist zentral, dass die Lehramts-Studierenden immer auch die gesellschaftlichen Entwicklungen im Blick haben. Ich selbst komme aus einer Arbeiterfamilie. Ohne die Bildungsreform in jener Zeit wäre ich wahrscheinlich nicht zum Abitur und ins Studium gekommen. Da haben mich auch meine damaligen Lehrer sehr unterstützt.

 

Sehen Sie hier heute noch Defizite?

Riegraf: Wir sehen tatsächlich Anzeichen dafür, dass in bestimmten Bereichen die soziale Herkunft wieder stärker durchschlägt.

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Wir sind damals als Schüler in Süddeutschland gemeinsam auf die Ostermärsche gezogen

Birgit Riegraf

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Vor allem wahrscheinlich bei Migrantenkindern?

Riegraf: Nicht nur, aber auch. Wir haben festgestellt, dass häufig bei Kindern aus Zuwandererfamilien aus den sogenannten bildungsfernen Milieus zum Teil in der dritten Generation wieder eine stärkere Identifikation mit der Herkunft der Eltern zu beobachten ist, was zu Abschottungen gegenüber der deutschen Gesellschaft führen kann. Das hat viel mit fehl geschlagener Integration zu tun.

 

Kommen wir zu Ihrem neuen Amt. Was hat Sie vor drei Jahren bewegt, ins Präsidium einzutreten?

Riegraf: Ich beschäftige mich schon seit vielen Jahren wissenschaftlich mit der Wissenschafts- und Hochschulpolitik. Da liegt es nahe, das auch praktisch umzusetzen. Ich halte mich für gestaltungswillig, und ich identifiziere mich stark mit der Universität Paderborn. Als ich gefragt wurde, ob ich im Präsidium mitarbeiten wolle, habe ich nicht lange gezögert. Ich war zu der Zeit bereits Prodekanin für den Bereich Lehre in der Fakultät für Kulturwissenschaften. Da lag es nahe, als Vizepräsidentin die Verantwortung für das Ressort Lehre, Studium und Qualitätsmanagement zu übernehmen.

 

War es für Sie da die logische Konsequenz, nach dem Rücktritt von Herrn Schäfer auch für das Präsidentenamt zu kandidieren?

Riegraf: Jein. Ich bin ursprünglich nicht als Vizepräsidentin angetreten, um Präsidentin zu werden. Die Situation ist aber leider so gekommen, wie sie eingetreten ist. Ich habe keinen Moment gezögert, die Vertretung von Herrn Schäfer zu übernehmen – auch weil mir klar war, dass die Universität in einer schwierigen Situation war. Es musste erst einmal für Stabilität gesorgt werden.

 

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Wir werden eine neue Forschungs-Infrastruktur aufbauen und uns neu aufstellen

Birgit Riegraf

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Und jetzt haben Sie sich den Ruck gegeben, damit der Betrieb weitergeht?

Riegraf: Aber nicht im Sinne einer solchen Kontinuität, wie die Presse das gegenwärtig gern schreibt, als Gegensatz zur kreativen Unruhe! Wir haben im Präsidium bislang die Politik im Sinne Wilhelm Schäfers weitergeführt. Und das war auch gut so. Jetzt ist eine neue Konstellation eingetreten, und wir müssen uns auch neuen Aufgaben stellen. Kontinuität in einigen Bereichen: ja – aber das heißt keinesfalls, dass es in allen Bereichen so weitergeht wie bisher.

 

Und an welchen Stellschrauben soll gedreht werden?

Riegraf: Wir wollen das Profil der Universität weiter schärfen und müssen in vielen Bereichen weiter vorankommen. Wir setzen dabei auf unsere Spitzenforschung, ohne die Breite in der Forschung zu vernachlässigen. Wir werden eine neue Forschungs-Infrastruktur aufbauen und uns in der Forschung neu aufstellen. Und wir müssen ständig an der Verbesserung der Qualität von Studium und Lehre arbeiten. Ein Problem ist derzeit, dass die von Bund und Land geförderten Projekte im Bereich Lehre befristet sind. Für eine Entfristung bräuchten wir eine längerfristige sichere Finanzierung.

 

Wie bewerten Sie die Hochschulpolitik der neuen Landesregierung?

Riegraf: Wir werden die Politik daran messen, ob sie unsere Strategie befördert oder eher behindert. Ich bin aber optimistisch und habe bislang einen guten Eindruck. Aber wir müssen jetzt erst mal abwarten.

 

Wie werden Sie die auf die Forderung der Politik reagieren, die Anwesenheit von Studierenden in Seminaren wieder zu kontrollieren?

Riegraf: Wir werden die Frage der Anwesenheitspflicht an die Fakultäten delegieren und in die Verantwortung der jeweiligen Dozenten legen. Eine einheitliche Regelung ist schwierig, dafür ist die Situation in den einzelnen Fächern zu unterschiedlich.

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