Mi., 07.03.2018

Sozialunternehmerin Sina Trinkwalder liest zum Frauentag im Rathaus »Einmal mehr aufstehen als hinfallen«

Sina Trinkwalder (40) hat inzwischen drei soziale Unternehmungen gegründet, die das Gemeinwohl der Menschen in den Vordergrund stellen. »Es kann nicht allen Leuten gleich gut gehen, aber es soll niemandem schlecht gehen«, so ihre Maxime.

Sina Trinkwalder (40) hat inzwischen drei soziale Unternehmungen gegründet, die das Gemeinwohl der Menschen in den Vordergrund stellen. »Es kann nicht allen Leuten gleich gut gehen, aber es soll niemandem schlecht gehen«, so ihre Maxime.

Paderborn (WB). Zum Internationalen Frauentag am 8. März, 19.30 Uhr, erwartet Paderborn einen außergewöhnlichen Gast im Historischen Rathaus: Sina Trinkwalder aus Augsburg gründete 2010 »Manomama«, die erste ökosoziale Textilfirma in Deutschland. »Im nächsten Leben ist es zu spät!« lautet der Titel ihres neuesten Buches, in dem sie Mut macht, Neues anzupacken. Daniela Lang hat die 40-jährige im Interview dazu befragt, was andere von ihr lernen können.

Mutter eines 13-jährigen Sohnes, Chefin dreier Social Businesses, Autorin dreier Bücher, dazu jede Menge Auszeichnungen und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes: Mit 40 Jahren haben Sie schon eine erstaunliche Vita vorzuweisen. Das klingt ganz schön nach Stress...

Sina Trinkwalder: Ich glaube, das klappt nur, wenn man es nicht plant. Ich habe nach dem Abitur die erste große Karriere gestartet, um sie nach zehn Jahren an den Nagel zu hängen – um eben keine Karriere mehr zu machen, sondern um mich für das Gesellschaftswohl zu engagieren. Und auf einmal mache ich wieder Karriere. Ich glaube, wenn man Dinge aus tiefstem Herzen und ehrlich macht, werden sie ein Erfolg.

 

Wie sieht ihr Alltag im Augenblick aus?

Sina Trinkwalder: Ich habe keinen Alltag. Die einzigen verlässlichen Eckpunkte des Tages sind, dass ich in der Früh aufstehe und am Abend schlafen gehe. Dazwischen verbringe ich viele Tage in der Näherei, die auch mein ganz persönliches Kreativ-Lab ist, bringe Projekte voran oder entwickele neue Ideen. Oder ich bin in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterwegs und versuche, andere Menschen von meiner Idee des Wirtschaftens zu überzeugen.

 

Bevor Sie die Idee hatten, Manomama zu gründen, waren sie elf Jahre lang Leiterin einer eigenen Werbeagentur. Gab es diesen »Tag X«, an dem Sie wussten, dass alles anders werden muss?

Sina Trinkwalder: Ja, den gab es im November 2009 am Wuppertaler Bahnhof, wo ich am Nachmittag die Begegnung mit einem Obdachlosen hatte. Auf der Zugfahrt von Wuppertal nach Augsburg habe ich beschlossen, in der Werbeagentur aufzuhören. Mir war klar, dass es keinen Sinn mehr ergibt, Konsum anzuheizen. Ich wollte Zukunft neu definieren.

Ihre Projekte:

2010 gründete Sina Trinkwalder in Augsburg ihr erstes soziales Unternehmen, die ökosoziale Textilfirma Manomama (manomama.de), in der sie auf dem Arbeitsmarkt benachteiligte Menschen beschäftigt. Manomama fertigt mit Rohstoffen aus der Region unter anderem auch Stofftaschen für eine bekannte Drogeriemarktkette. Außerdem gibt es Modekollektionen für Frauen, Männer und Kinder. 2017 gründete Trinkwalder erneut ein Social Business, das Mensch und Umwelt zugute kommt: Brichbag (brichbag.de). Hier werden aus Textilresten der Sonnenschutzindustrie Rucksäcke hergestellt, die an Obdachlose verteilt werden.

In den nächsten Tagen geht das dritte Unternehmen an den Start: Für Kreativ3Kästchen stellen Behindertenwerkstätten in einem Projekt der Wiederverwertung Do-It-Yourself-Produkte her.

Und was passierte dann?

Sina Trinkwalder: Für mich war schnell klar: Ich will das Gemeinwohl in den Vordergrund stellen. Es darf Menschen unterschiedlich gut gehen, aber es darf keinem Menschen schlecht gehen. Ich halte es für eine Schande, dass es in einem so reichen Land wie Deutschland so vielen Menschen schlecht geht. Ich habe also eine Firma für all jene gegründet, denen die Möglichkeit des eigenen Erwerbs bis dahin verwehrt geblieben ist. Ich wollte mit den Menschen etwas produzieren. In einer physisch wertschöpfenden Kette hat jeder Mensch die Möglichkeit, seinen Platz zu finden. Dass es am Ende ein Textilunternehmen wurde, hängt damit zusammen, dass Augsburg im Mittelalter Textilhauptstadt war. Ich knüpfe damit also an eine uralte Tradition an.

 

War die Entwicklung von Manomama ein glatter Durchmarsch?

Sina Trinkwalder: Nein, ganz sicher nicht. Manomama ist heute noch kein glatter Durchmarsch. Wenn Sie entgegen aller ökonomischer Regeln und entgegen aller Strukturen, die in dieser neoliberalen Wirtschaft herrschen, im gleichen Schwimmbecken schwimmen, dann kann das kein glatter Durchmarsch sein. Das ist ein tägliches dreimal Scheitern und alle zwei Wochen ein böses Scheitern. Wichtig ist, dass man einmal mehr aufsteht, als man fällt.

 

Sie werden als Macherin beschrieben, als eine Frau, die die Ärmel hochkrempelt und nie den Kopf in den Sand steckt. Können Sie wirklich jedes Pro­blem lösen?

Sina Trinkwalder: Ja, ich glaube schon. Meine Erfahrung ist, dass so genannte Probleme zu 99,9 Prozent gar keine sind.

 

Warum gelingen Ihnen Dinge, die anderen so offenbar nicht gelingen?

Sina Trinkwalder: Vielleicht deshalb, weil ich ich bin und weil ich mich gefunden habe. Und weil die meisten Menschen nicht das Leben leben, das sie eigentlich leben wollten, sondern ein Leben, von dem andere denken, dass es gut für sie wäre.

 

Selbstoptimierung liegt gerade voll im Trend. Wie halten Sie es damit?

Sina Trinkwalder: Ich finde es furchtbar. Junge Leute stellen heute das Kochen und Kauen ein und pulverisieren ihre Nahrung, um ihr Zeitmanagement zu optimieren und das Leben noch lückenloser durchzutakten. In vielen Schulen wird nur noch Leistungsvieh für die Wirtschaft gezüchtet. Schulfächer, die die Kreativität der Kinder fördern, werden mancherorts wegen Lehrermangels zurückgefahren. Das ist eine ganz schlechte Entwicklung. Wer kreativ sein will, der braucht auch Langweile. Ich bin zwischendurch total gerne sehr faul. Dann kommen mir die besten Ideen.

 

Was bedrückt Sie da draußen am meisten, wenn Sie über den eigenen Tellerrand hinaus schauen?

Sina Trinkwalder: Der gnadenlose Egoismus der Menschen – unabhängig vom sozialen Status. Menschen mit einem geringeren sozialen Status sind egoistisch, weil es für sie um das blanke Überleben geht. Es geht dann aber gleich weiter mit dieser »Das habe ich mir verdient«-Haltung oder der Einstellung nach dem Motto »Egal, wie es dem Rest geht«. Das setzt sich bis in den höchsten sozialen Status fort, wo es vielen total wurscht ist, was mit den anderen Menschen passiert. Egoismus ist das große Problem unserer Zeit. Uns ist jegliche Solidarität abhanden gekommen. Dabei müssen wir dringend solidarisch sein, wenn wir die großen Aufgaben der Zukunft meistern wollen.

 

In Paderborn wollen Sie darüber sprechen, wie man gangbare Wege aus Unzufriedenheit und Erstarrung finden kann. Zielgruppe sind alle, die wissen, dass etwas schiefläuft und die nicht wissen, wie sie es ändern sollen. Was ist Ihre wichtigste Botschaft?

Sina Trinkwalder: Wichtig ist es, innere Zufriedenheit zu finden und zu wissen, wer man wirklich ist. Erst dann kann man auch nach außen sehr gelassen und sehr stark agieren. Der Weg zu sich selbst hat nichts mit ein bisschen Yoga und etwas Achtsamkeit zu tun. Das ist ein hartes und tägliches Auseinandersetzen mit dem inneresten Ich.

 

»Werdet Denker mit Herz und Verstand, denn das gibt es in der menschenentkoppelten Ökonomie nicht mehr.« Dieser Satz stammt von Ihnen. Halten Sie es für möglich, dass die Wirtschaft sich im großen Stil umkrempeln könnte?

Sina Trinkwalder: Wenn ich nicht daran glauben würde, könnte ich nicht jeden Tag aufstehen, diesen Prozess vorleben und mitgestalten. Ich bin fest davon überzeugt, dass es funktioniert.

  • Karten für die Veranstaltung am Donnerstag, 8. März, 19.30 Uhr, gibt es in der Buchhandlung Linnemann zum Preis von fünf Euro.

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