Do., 05.05.2016

Freigelassene Frau geht aus Angst lange nicht zur Polizei – Paderborner Richterin vernimmt Angelika B. Weiteres Opfer sagt aus

Polizisten tragen Kartons aus dem Haus, das zum Teil vermüllt ist, um Platz für die Spurensicherung zu schaffen.

Polizisten tragen Kartons aus dem Haus, das zum Teil vermüllt ist, um Platz für die Spurensicherung zu schaffen. Foto: OIiver Schwabe

Von Christian Althoff

Mit diesem Eindruck ist ein Ermittlerteam der Mordkommission Bosseborn am Dienstag aus dem Großraum Berlin zurückgekehrt.

Dort lebt eine Frau (51), die offenbar monatelang in Höxter gefangengehalten wurde. Sie hatte im August 2011 auf eine Kontaktanzeige von Wilfried W. (46) geantwortet. Er und seine frühere Frau Angelika B. (47) holten die Frau schließlich mit dem Auto ab. Drei Wochen lebte sie unbehelligt mit dem Paar zusammen und fuhr dann wieder nach Hause. Sie hielt aber telefonisch Kontakt zu Wilfried W. und kehrte Ende 2011 in das Haus nach Höxter-Bosseborn zurück.

Die Frau sagte aus, dieses Mal sei sie eingesperrt und von dem Paar misshandelt worden. Sie habe nicht fliehen können. Im März 2012 sei es ihr so schlecht gegangen, dass die Täter sie in einen Zug gesetzt und nach Hause geschickt hätten. Die Frau gab an, aus Angst nicht zur Polizei gegangen zu sein.

Früheres Opfer erkennt Haus im Fernsehen wieder

Als sie jetzt im Fernsehen das Haus wiedererkannte und erfuhr, dass das Paar eingesperrt ist, meldete sie sich am vergangenen Freitag bei der Mordkommission.

 Wie berichtet, sollen Wilfried W. und Angelika B. in fünf Jahren mindestens sieben Frauen gefangengehalten und gequält haben. Zwei überlebten das Martyrium nicht: Annika W. (33) aus Niedersachsen starb am 1. August 2014. Dem Geständnis von Angelika B. zufolge zerteilte das Paar die Leiche und verbrannte sie im Wohnzimmer im Kaminofen. Annika W. war von 2013 bis zu ihrem Tod mit Wilfried W. verheiratet. »Die Frau hatte nur eine sehr lose Beziehung zu ihrer Mutter, so dass es keine gegenseitigen Besuche gab und das Martyrium unentdeckt blieb«, sagt Ralf Östermann, Leiter der Mordkommission. Nach unbestätigten Informationen soll das »Horror-Paar« die Mutter des Opfers aber dazu gebracht haben, Wilfried W. Geld zu geben – angeblich für einen Kiosk, den er bis vor etwa einem Jahr in Brakel betrieb

Das zweite Opfer, Susanne F. (41), starb vor zwei Wochen im Krankenhaus Northeim. Die geschiedene Frau lebte seit kurzem im niedersächsischen Bad Gandersheim, sie stammt aber aus Wickede. Eine Freundin sagte am Mittwoch: »Im Februar schrieb mir Susanne über WhatsApp, sie habe jemanden kennengelernt. Danach brach der Kontakt ab, und sie war nicht mehr zu erreichen.«

Hartz-IV-Empfänger Wilfried W. soll nicht nur Frauen eingesperrt und gequält haben, auch die Tiere, die er auf dem Anwesen hielt, sollen nicht genug Futter bekommen haben. Der Kreis Höxter leitete deshalb 2014 ein Verfahren gegen Wilfried W. ein, der sich daraufhin von seinen zwei Schweinen, zwei Ziegen, 25 Hühnern und sieben Gänsen trennte. Was das Veterinäramt nicht ahnte: Anschließend schaffte er sich wieder Tiere an. Nach der Festnahme des Paares nahm der Veterinärdienst in der vergangenen Woche Hühner, Gänse und eine Katze in Obhut.

Richterin könnte als Zeugin gehört werden

 Beamte der Einsatzhundertschaft Bielefeld schafften am Mittwoch kartonweise Sachen aus dem zum Teil zugemüllten Haus, um Platz für die Spurensicherer zu schaffen. Zur selben Zeit wurde Angelika B. von einer Paderborner Richterin vernommen. Dort wiederholte sie die Angaben, die sie am Wochenende gegenüber der Mordkommission gemacht hatte. Sollte Angelika B. im Mordprozess die Aussage verweigern, könnte das Gericht die Richterin, der am Mittwoch die Vernehmung geführt hat, als Zeugin hören.

Namentlich bekannt ist der Polizei neben den beiden Mordopfern bisher nur die Frau aus dem Raum Berlin. Die anderen »drei bis vier Frauen«, die laut Aussage von Angelika B. gequält, aber freigelassen wurden, sind noch nicht identifiziert. Beim Hinweistelefon der Mordkommission (0521/5451155) haben sich seit Dienstag zwar etliche mögliche Zeugen gemeldet, aber noch keines der weiteren Opfer.

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