Mo., 09.05.2016

Frau aus Höxter legt umfassendes Geständnis ab und schockiert mit ihrer Gefühllosigkeit Anwalt von Angelika B.: »Sie ist froh, im Gefängnis zu sein«

Ermittler der Polizei untersuchen am 1. Mai das Haus in Bosseborn. Auch die 47-Jährige aus der Untersuchungshaft wurde noch einmal in ihr Haus nach Höxter gebracht worden.

Ermittler der Polizei untersuchen am 1. Mai das Haus in Bosseborn. Auch die 47-Jährige aus der Untersuchungshaft wurde noch einmal in ihr Haus nach Höxter gebracht worden. Foto: Harald Iding

Von Christian Althoff

Höxter (WB). Angelika B. (47), die seit neun Tagen wegen Totschlagsverdachts im Gefängnis sitzt, erlebt die Zeit in ihrer Zelle als neue Freiheit. »Sie muss keine Angst mehr haben, für ein falsches Wort verprügelt zu werden«, sagt ihr Anwalt Peter Wüller aus Bielefeld.

Angelika B. ist eine Hälfte des Gespanns, das als »Horror-Paar« international Schlagzeilen macht. Die andere Hälfte ist ihr Ex-Mann Wilfried W. (46). Gemeinsam sollen sie in den vergangenen fünf Jahren in ihrem gemieteten Haus in Höxter-Bosseborn sieben Frauen gefangengehalten und gequält haben. Zwei, Annika W. (33) aus Wickede und Susanne F. (41) aus Bad Gandersheim, starben dabei.

Wer ist Angelika B.? Was hat sie getrieben? Ermittler beschreiben sie als empathielos. Die untersetzte Frau mit den schulterlangen, dunklen Haaren soll die schlimmsten Dinge völlig unbewegt schildern, eiskalt. Sie wirke aber intelligenter als Wilfried W., der die Vorwürfe bestreite, und sei recht planvoll vorgegangen, heißt es.

Ausbildung zur Gärtnerin

Angelika B. kam in Herford zur Welt und wuchs in Bad Salzuflen auf. Sie machte eine Ausbildung zur Gärtnerin und meldete sich im Januar 1999 auf eine Kontaktanzeige, die Wilfried W. aufgegeben hatte. Auf den Tag genau zwei Monate später heirateten die beiden. 2002 wurde Angelika B. arbeitslos, seitdem hatte sie nie wieder eine richtige Anstellung.

Das Paar lebte in Detmold, in Schlangen, dann wieder in Detmold und zog Weihnachten 2010 nach Höxter-Bosseborn. Da waren die beiden schon seit sieben Jahren geschieden. Denn Wilfried W., der zwei Kinder aus einer früheren Ehe haben soll, und seiner Frau soll damals das Jugendamt im Nacken gesessen haben.

Sexualität habe seit Jahren keine Rolle mehr gespielt

Das Amt soll von Angelika B. verlangt haben, ihre Einkünfte offenzulegen, um Kindesunterhalt einzutreiben. Das soll der Grund gewesen sein, warum sich die Hartz-IV-Empfänger 2003 scheiden ließen.

Bei der Mordkommission sagte Angelika B. aus, Sexualität habe in ihrer Beziehung schon seit Jahren keine Rolle mehr gespielt. Aber Gewalt. »Meine Mandantin wurde von ihrem Mann seit der Hochzeit malträtiert. Sie hat 17 Jahre unter ihm gelitten, aber sie hat ihn nicht verlassen, weil sie ihn liebte«, sagt Anwalt Peter Wüller.

»Nichtigkeiten« haben Wilfried W. ausrasten lassen

Was hat Wilfried W. so ausrasten lassen, dass er zum Gewalttäter wurde? »Es waren Nichtigkeiten«, sagte Ralf Östermann, der Leiter der Mordkommission, Anfang der Woche und nannte ein Beispiel: »Wenn eine der eingesperrten Frauen den Tisch decken sollte und das Messer auf der falschen Seite lag, gab es Schläge.«

Von ähnlichen Nichtigkeiten erzählte Angelika B. auch Vernehmungsbeamten der Mordkommission. Wilfried W. habe ständig Fragen gestellt, die sie ihm hätte beantworten müssen. Er sei aber mit der Antwort nie zufrieden gewesen. Einmal habe er sie gefragt, ob er Kartoffeln oder Nudeln kochen solle. Sie habe Nudeln vorgeschlagen, und er habe gefragt: »Warum?« Daraus soll sich eine stundenlange Diskussion entwickelt haben, die er nicht habe beenden wollen.

Und er habe von allen Frauen verlangt, ihm beim Antworten ins Gesicht zu sehen. Wenn sie nicht mehr diskutieren wollte, sei er ausfallend geworden – und schließlich gewalttätig.

Gewalt soll sich nicht unterschieden haben

Die Gewalt gegen die eigene (Ex-) Frau soll sich von der gegen die eingesperrten Frauen nicht groß unterschieden haben. Angelika B. hat ausgesagt, ihr Mann habe ihr öfter Plastiktüten über den Kopf gezogen, bis sie nur noch Sterne gesehen haben. Er habe sie getreten, geschlagen und ihren Kopf bei verschiedenen Gelegenheiten ins Bettzeug eingewickelt und sich darauf gesetzt. 20 Mal, schätze sie, sei sie bei dieser Form der Quälerei bewusstlos geworden.

Und die anderen, fremden, eingesperrten Frauen, die sich auf Kontaktanzeigen gemeldet hatten? Die meisten Misshandlungen will Angelika B. verübt haben. Sie hat ausgesagt, Wilfried habe ihr nie einen konkreten Auftrag erteilt, aber sie habe gewusst, dass er es erwarte, wenn er mit Blick auf eine der Frauen gesagt habe: »Die zickt rum.« Sie habe die Frauen dann getreten, geschlagen und mit Seilen gedrosselt.

Leben im Haus muss unerträglich gewesen sein

Das Leben im Haus der beiden Hartz-IV-Empfänger muss für die Opfer unerträglich gewesen sein. Um Geld zu sparen, sei die Heizung ausgeschaltet gewesen, nur Wasser zum Duschen und Waschen habe man von der Ölheizung erwärmen lassen. Um nicht zu frieren, habe man Holz im Kaminofen verfeuert und zu dritt im Wohnzimmer geschlafen.

Annika W., die sich auf eine Anzeige gemeldet hatte, ihren Peiniger 2013 heiratete und sich in ihr Schicksal ergab, durfte nicht immer im Warmen schlafen. Sie musste zur Strafe ins »Katzenzimmer« unterm Dach. Angelika B. hat ausgesagt, sie habe ihr dort Hände und Füße mit Handschellen gefesselt und sie dann an die Heizung gekettet. Weil die Kette aber in der Nacht Geräusche gemacht habe, habe sie Annika W. schlagen müssen.

Tabelle mit Frauennamen und Misshandlungen

Als das geschundene Opfer am 1. August 2014 starb, will es Angelika B. gewesen sein, die die Tote in der Tiefkühltruhe unter Lebensmitteln versteckte. Sie will die Leiche später zersägt haben. Sie will die sterblichen Überreste im Wohnzimmerkamin verbrannt haben. Sie will die Asche gesiebt, mit Granulat vermengt und im Januar 2015 auf der schneebedeckten Straße verstreut haben.

In ihrer Zelle füllte Angelika W. in dieser Woche eine Tabelle für die Mordkommission aus. Unter den Namen von Frauen notierte sie die Misshandlungen, die ihr noch einfielen, und wer die Taten begangen hatte – sie oder Wilfried.

Arm mit Wasser verbrüht

Am Freitag wurde Angelika B. von einer Rechtsmedizinerin der Uni Münster untersucht. Dabei sollen alte Verletzungen am ganzen Körper festgestellt worden sein, unter anderem eine riesige, nicht ärztlich versorgte Brandnarbe am linken Oberarm. Erst soll die 47-Jährige angegeben haben, sie habe sich an einem Wasserkocher verletzt. Dann soll sie ausgesagt haben, Wilfried W. habe sie 2011 auf dem Boden fixiert und den Arm mit 70 Grad heißem Wasser aus der Dusche verbrüht.

Zu dieser angeblichen Änderung der Aussage wollte Rechtsanwalt Peter Wüller keine Stellung nehmen, aber er sagte: »Es ist schon so, dass meine Mandantin versucht, Wilfried W. nicht allzu sehr zu belasten. Sie liebt ihn eben noch immer.«

Der Anwalt will seiner Mandantin raten, sich psychiatrisch untersuchen zu lassen. »Ich denke, dass sie die eingesperrten Frauen gequält hat, weil sie glaubte, ihren Ex-Mann damit ruhigzustellen und nicht selbst noch mehr misshandelt zu werden.«

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