Di., 10.05.2016

Psychotherapeut Dr. Christian Lüdke über das »Horror-Paar« von Höxter Blieb Angelika B., weil sie Anerkennung suchte?

Das Haus des Ehepaars in Bosseborn aus der Luft betrachtet.

Das Haus des Ehepaars in Bosseborn aus der Luft betrachtet. Foto: dpa

Von Christian Althoff

Höxter (WB). Warum hat Angelika B. ihren Lebensgefährten, der sie seit 17 Jahren gequält haben soll, nicht verlassen? Warum ist sie stattdessen eine Hälfte des »Horror-Paares« geworden?

Psychotherapeut Dr. Christian Lüdke aus Essen hält es für möglich, dass Wilfried W. in den Augen von Angelika B. der einzige Mensch war, der sich ihr zuwandte, der sie als Person wahrnahm. »Dafür war sie ihm wohl dankbar.«

Dr. Lüdke gehört bei der Opferschutzorganisation »Weißer Ring« dem Fachbeirat für Medizin und Psychologie an. Er hat Spezialeinheiten der Polizei in Nordrhein-Westfalen geschult und arbeitet ständig mit Opfern und Tätern. »Es gibt Menschen, die glauben, nur durch einen anderen Menschen zu existieren«, sagt er. Selbst wenn sie wüssten, dass es falsch sei, was der andere tue, knüpften sie ihr Schicksal an ihn und blieben. »Oft hatten solche Menschen schon in ihrer Ursprungsfamilie keine starke emotionale Bindung«, sagt der Experte. Dass ihr Lebensgefährte sie als Mensch wahrgenommen habe, sei für Angelika B. offenbar eine Form der Anerkennung gewesen.

Dr. Christian Lüdke bestätigte die Einschätzung von Verteidiger Peter Wüller, dass Angelika B. die eingesperrten Frauen möglicherweise gequält habe, um selbst nicht noch mehr von ihrem Lebensgefährten misshandelt zu werden.

Diese Quälereien, die nach der Hochzeit 1999 begonnen haben sollen, müssen entsetzlich gewesen sein. So hat Angelika B. ausgesagt, ihr Lebensgefährte habe sie einmal fixiert und einen starken kalten Wasserstrahl länger auf ihren Mund und ihre Nase gerichtet, so dass sie fast erstickt sei. Deshalb habe sie, als Wilfried W. bei anderer Gelegenheit ihren Oberarm mit 70 Grad heißem Wasser aus der Dusche verbrüht habe, versucht, sich nicht zu wehren. »Ich hatte Angst, dass er sonst die heiße Dusche auf mein Gesicht halten würde, wie er es vorher mit kaltem Wasser getan hatte.«

Verteidiger Peter Wüller bestätigte gestern die schwere Verbrennung des Oberarms, die vor etwa fünf Jahren geschehen sein soll. »Die Verletzung ist so groß, dass man sich gar nicht vorstellen kann, dass jemand so etwas erträgt, ohne zum Arzt zu gehen und das behandeln zu lassen.« Angelika B. könne ihren linken Arm bis heute nicht ohne Einschränkungen benutzen.

Die Frau hatte also eine Vorstellung von Schmerzen, wenn sie, wie sie es gestanden hat, die eingesperrten Frauen misshandelte. Mit einem heißen Bügeleisen will sie das getan haben, und mit Stricken, die eigentlich zum Binden von Heu gedacht waren. Damit habe sie die Frauen gedrosselt, gab Angelika B. zu Protokoll.

Eine Beziehung zu den Opfern jenseits der Gewalt gab es wohl kaum. Denn Angelika B. konnte gegenüber der Kripo nur bruchstückhafte Angaben zu den Namen und der Herkunft der Frauen machen. Für Dr. Lüdke ist das nachvollziehbar: »Zwischen Täter und Opfer besteht keine echte Beziehung. Aus Sicht des Opfers ist es so, dass es alles tut, was der Täter verlangt. Weil das als einzige Möglichkeit erscheint, zu überleben. Aus Sicht der Täter stellt es sich so dar, dass die Opfer im Grunde ein Instrument sind, um einen Machtrausch zu erleben. Je größer die Angst, je größer die Hilflosigkeit, desto mächtiger fühlt sich der Täter.«

Auch wenn sie bei den Vernehmungen gefühllos wirkt: Für Angelika B. scheint es befreiend zu sein, endlich über alles zu reden. Anwalt Peter Wüller: »Sie ist zu weiteren Aussagen bereit.«

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