Mo., 26.09.2016

»Horror-Paar« erhält im Gefängnis die Anklageschrift Sicherungsverwahrung für Wilfried W.?

April 2016: Der Blick ins »Horror-Haus«, bevor die Mordkommission Sichtschutzwände aufstellte und mit der Spurensicherung begann.

April 2016: Der Blick ins »Horror-Haus«, bevor die Mordkommission Sichtschutzwände aufstellte und mit der Spurensicherung begann. Foto: Christian Althoff

Von Christian Althoff

Höxter(WB). Beamte der Justizvollzugsanstalten Detmold und Bielefeld haben am Freitag Wilfried W. (46) und seiner Ex-Frau Angelika W. (47) Abschriften der 56 Seiten starke Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Paderborn übergeben.

Das WESTFALEN-BLATT sprach mit den Verteidigern des »Horror-Paares« , Dr. Detlev Binder (Wilfried W.) und Peter Wüller (Angelika W.), über die wesentlichen Punkte der Mordanklage.

Was sind die Vorwürfe?

Dr. Detlev Binder verteidigt Wilfried W.

Beiden wird im Wesentlichen vorgeworfen, gemeinsam mehrere Frauen gequält und zwei von ihnen ermordet zu haben, indem sie die gefolterten Opfer schwerverletzt sterben ließen. Angelika W. wird außerdem noch ein versuchter Mord zu Last gelegt. Hintergrund: Das »Horror-Paar« verbot den eingesperrten Frauen, nach 21 Uhr auf die Toilette zu gehen, weil es sich gestört fühlte.

Die misshandelte Anika W., damals Ehefrau von Wilfried W., nässte sich nachts ein. Daraufhin musste sie im Keller in einer Badewanne auf dem Bauch schlafen, die Füße wurden ihr hinter dem Rücken mit Handschellen an die Hände gekettet. Nässte sich das Opfer in der Wanne ein, wurde es am nächsten Morgen kalt abgeduscht. Einmal floss das Wasser nicht ab. Angelika W. verließ den Raum und sagte nach eigener Aussage zu ihrem Ex-Mann: »Die ersäuft jetzt.« Nach einiger Zeit sei Wilfried W. in den Keller gegangen und habe die bewusstlose Frau aus dem Wasser gezogen, sagte Angelika W. aus.

Es ging nicht um Sexualität

Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft stand Sexualität überhaupt nicht im Vordergrund der Verbrechen. Wilfried W. soll Frauen als Leibeigene eingesperrt haben, damit sie den Haushalt führen. Er soll ihren Willen mit Gewalt gebrochen haben.

Seiner Ex-Frau Angelika W. kam es nach eigener Aussage entgegen, wenn eine neue Sklavin im Haus war. Dann habe sich die Gewalt nicht gegen sie gerichtet, erklärte sie.

Die Opfer ergaben sich

Das »Horror-Paar« suchte Opfer, die keine Kinder und kaum soziale Kontakte hatten. Die Frauen sollten von niemandem vermisst werden. Nach schwersten Misshandlungen ergaben sie sich bald in ihr Schicksal.

Einer Frau wurde vorgespielt, ihr Vermieter habe ihr die Wohnung gekündigt, sie könne nicht zurück. Eine Flucht war wohl auch unmöglich, weil die Frauen nie unbeaufsichtigt waren. Angelika W. sagte, ihr Ex-Mann habe sie und die anderen Frauen »dressiert«, bei ihm zu bleiben.

Die Foltermethoden

Das Paar soll sich die perfidesten Quälereien ausgedacht haben. Wilfried W. soll seiner Frau Anika W., die kein Glutamat vertrug, den Geschmacksverstärker heimlich ins Essen gemischt haben, so dass ihre Gelenke massiv anschwollen.

Angelika W. soll einem Opfer die Haare mit einer Lötlampe und einem glühenden Schürhaken versengt haben. Die eingesperrten Frauen wurden geschlagen, getreten, verbrüht, gewürgt, mit Seilen gedrosselt, angekettet und fast ertränkt. Sie waren zum Schluss so schwach, dass sie nicht mehr laufen oder alleine essen konnten.

Warum blieb Angelika W.?

Peter Wüller verteidigt Angelika W.

1999 heiratete die Gärtnerin aus Bad Salzuflen den Hilfsarbeiter. Sie brachte 160.000 Mark mit in die Ehe. 2003 ließ sich das Paar scheiden, aber nur pro forma. Denn Wilfried W. hat zwei uneheliche Kinder (heute 17 und 21) und fürchtete, das Geld seiner Frau könne für den Unterhalt herangezogen werden.

Angelika W. sagte, sie sei schon immer von Wilfried W. gequält worden und habe nie den Absprung geschafft. Ihr Mann habe sie »dressiert«. Oberstaatsanwalt Ralf Meyer verwendet in der Anklage das Wort »hörig«.

Was sagen die Anwälte?

»Angelika W. ist in den vergangenen Monaten neun Mal vernommen worden, und ihre Angaben sind zum Teil widersprüchlich«, sagt Dr. Detlev Binder. »Anfangs bezeichnete sie meinen Mandanten als unschuldig, später als Täter. Der Prozess muss klären, wie glaubwürdig die Frau überhaupt ist.«

Verteidiger Peter Wüller sagte, er hoffe, eine Verurteilung zu lebenslanger Haft verhindern zu können. »Im Wesentlichen steht und fällt der Prozess doch mit der Aussage von Angelika W. Ohne sie ist kaum etwas zu beweisen, oder aber nur sehr schwer.« Man müsse sehen, ob sich seine Mandantin im Prozess von ihrem Ex-Mann dazu bringen lasse, zu schweigen.

Die Beweislage

Angelika W. belastet sich selbst, ihre Aussage soll etwa 200 Seiten lang sein. Wilfried W. bestreitet jede Mittäterschaft, wird aber von seiner Ex-Frau und überlebenden Opfern belastet. Außerdem spielt seine Verurteilung von 1995 eine Rolle, damals hatte er seine erste Ehefrau auf perverseste Art gefoltert.

Dem »Horror-Paar« droht lebenslange Haft, Wilfried W. außerdem die Sicherungsverwahrung. Denn der Gutachter Prof. Michael Osterheider kommt nach Aktenauswertung zu dem vorläufigen Schluss, Wilfried W. sei »der Idealtyp eines Hangtäters mit äußerst ungünstiger Prognose« – eine Formulierung, die, wenn Prof. Osterheider sie im Prozess aufrechterhält, dem Gericht kaum noch Spielraum lässt, keine Sicherungsverwahrung zu verhängen.

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