Sa., 22.10.2016

Höxter: Prozess beginnt am Mittwoch, 26. Oktober, vor dem Landgericht Paderborn Wie Angelika W. zu einer Hälfte des »Horror-Paares« wurde

Angelika B. (47) verbirgt am Tatort ihr Gesicht.

Angelika B. (47) verbirgt am Tatort ihr Gesicht. Foto: Harald Iding

Höxter (WB). Es ist ein paar Wochen her, da schrieb die Bauerntochter Angelika W. in ihrer Gefängniszelle einen langen Brief an den Kriminalbeamten der Mordkommission, der sie immer und immer wieder vernommen hatte. Darin heißt es: »Jetzt ist der Sommer fast vorbei. Das Getreide muss gedroschen werden, und der Mais geerntet, dann ist schon bald wieder Weihnachten. Wenn Sie nur halb so glücklich sind wie ich, müssten Sie vergnügt pfeifend durch die Gegend springen.«

Die Frau, die so ihr neues Lebensgefühl beschreibt, steht von Mittwoch, 26. Oktober, an wegen zweifachen Mordes vor dem Landgericht Paderborn. Zusammen mit ihrem früheren Ehemann Wilfried W. soll sie in dem gemeinsamen Haus in Höxter-Bosseborn Frauen gefangengehalten und aufs Brutalste gequält haben. Zwei überlebten das Martyrium nicht.

Die Polizei hat eine Vorstellung von dem, was die Opfer erlitten, denn Wilfried und Angelika W. fotografierten die geschundenen Frauen. Auf einem Bild glaubten die Ermittler, eine Leiche zu sehen, so schlimm war der Anblick. Doch Angelika W. versicherte den Polizisten, die Frau habe da noch gelebt. Noch.

Verteidiger: »Mein Bild von ihr ist ein anderes«

Wenn Strafverteidiger Peter Wüller von seiner Mandantin spricht, nennt er sie nicht Frau W., sondern Angelika. »Mein Bild von ihr ist ein anderes als das, was die Öffentlichkeit von ihr hat«, sagt er. »Man mag es nicht glauben, aber bevor Angelika ihren Wilfried kennenlernte, war sie im wahrsten Wortsinn ein liebes Mädchen vom Lande. Und sie ist jetzt wieder auf dem Weg dorthin.«

Angelika W. wuchs mit ihrer drei Jahre jüngeren Schwester auf einem kleinen Bauernhof in Bad Salzuflen-Lockhausen auf. Die Grundschule war nicht weit, und auch nicht das Gemeindehaus der Christuskirche, wo Angelika zur Jungschargruppe gehörte. Noch heute ist das Mädchen einigen Gemeindemitarbeiterinnen im Gedächtnis. Eine von ihnen schickte der heute 47 Jahre alten Frau einen Brief ins Gefängnis. Nie habe sie, Angelika, einen Streit angefangen, schrieb sie, nie sei sie zu anderen Kindern hässlich gewesen. Und wieviel Spaß sie damals bei der Marionettenaufführung der »Vogelhochzeit« gehabt habe!

Ausbildung zur Gärtnerin

Nach der Schule machte Angelika W. im Ortsteil Holzhausen eine Ausbildung zur Gärtnerin mit Schwerpunkt Gemüsebau. Sie war so fleißig und umsichtig, dass ihr Lehrherr ihr anbot, sie könne den Betrieb übernehmen. Doch das wollte die junge Frau nicht.

Während ihre jüngere Schwester heiratete und nach Bielefeld zog, blieb Angelika auf dem elterlichen Hof. Sie arbeitete in einer Gärtnerei und kümmerte sich morgens und nach Feierabend um die Kühe. Als sie 28 Jahre alt war, starb ihr Vater. Sie sei das Papakind gewesen, erzählte sie später einmal, ihre Schwester das Mamakind.

Männer waren in ihrem Leben lange kein großes Thema. Dann lernte sie Wilfried W. kennen. In ihrer Vernehmung überraschte Angelika W. mit ihrer exakten Erinnerung: »Wilfried hatte eine Anzeige in der Zeitung ›Lippe aktuell‹ aufgegeben und suchte eine Freundin. Am 17. Januar 1999 haben wird uns zum ersten Mal getroffen, und am 17. März haben wir geheiratet.« Da war sie 30.

165.000 Mark in die Ehe gebracht

Ihr Bräutigam erzählte ihr, dass er bis 1998 im Gefängnis gesessen habe. Aber er verschwieg den wahren Grund. Zusammen mit seiner Geliebten hatte er seine erste Ehefrau in Paderborn eingesperrt und mit unvorstellbaren Methoden gequält. Nach acht Wochen Ehe konnte die Frau fliehen. Ihr Mann wurde 1995 zu zwei Jahren und neun Monaten Gefängnis verurteilt.

Angelikas Mutter hatte gehofft, dass mit Wilfried W. wieder ein Mann auf den Hof kommt und ihr hilft, aber so ein Typ war der neue Schwiegersohn nicht. Noch nie hatte der frühere Sonderschüler und Hilfsarbeiter länger an einer Arbeitsstelle durchgehalten.

Das Paar zog nach Detmold. Bis 2002 arbeite Angelika W. als Gärtnerin und trug den größeren Teil zum Lebensunterhalt bei. Dann wurde sie arbeitslos. Seitdem übernahm sie gelegentlich Aushilfsjobs. Sie trug Zeitungen aus und putzte. Im Finanzamt Höxter und in der Polizeiwache Beverungen.

165.000 Mark, ihre gesamten Ersparnisse, hatte Angelika W. mit in die Ehe gebracht. Weil Wilfried W. fürchtete, das Jugendamt könne wegen seiner beiden unehelichen Kinder Unterhalt auch von seiner Ehefrau fordern, ließ sich das Paar 2003 scheiden, blieb aber zusammen.

Weihnachten 2010 in das heutige »Horror-Haus« gezogen

Als das Geld zur Neige ging, wurden die Mütter der beiden angepumpt. Angelikas Mutter war aber nicht gut auf Wilfried zu sprechen, und so nahm sich Angelika W. von 2006 bis 2010 eine eigene Wohnung. Die Mutter sollte glauben, die beiden seien kein Paar mehr. »Sie sollte gnädig gestimmt werden, damit sie ihre Portemonnaie öffnet, und das tat sie«, sagt Rechtsanwalt Wüller.

Weihnachten 2010 zogen Wilfried und Angelika W. nach Höxter-Bosseborn in das kleine Haus am Saatweg 6, das heute als »Horror-Haus« bekannt ist. Einige Frauen, die das Paar in den folgenden Jahren über Kontaktanzeigen nach Höxter lockte, mussten ebenfalls Geld abgeben. Zusammen mit ihren Ersparnissen, schätzt Angelika W., dürften es 300.000 Euro gewesen sein, die den beiden im Laufe der Jahre zur Verfügung gestanden hätten. »Haben Sie Reisen unternommen? Haben Sie Geschenke bekommen?«, wollte ein Vernehmungsbeamter von Angelika W. wissen. Eine Rose habe sie mal bekommen, antwortete sie.  »Wilfried hat das meiste Geld für Autos, Motorräder und seinen Kiosk in Brakel ausgegeben.«

»Er lügt«, sagte sie – und packte aus

Nach ihrer Festnahme im April nahm Angelika W. alle Schuld auf sich, um ihren früheren Ehemann zu schützen. »Aus Liebe«, sagt Anwalt Peter Wüller. »Obwohl auch Angelika von ihm mit den perversesten Methoden gequält worden war.« Doch als Wilfried W. aussagte, Angelika sei lesbisch und habe ein Verhältnis mit einem Opfer gehabt, fühlte sich die 47-Jährige von ihm verraten. »Er lügt«, sagte sie – und packte aus.

»Ich möchte mich für den netten Umgang bedanken«, schrieb Angelika W. Wochen später einem Vernehmungsbeamten der Mordkommission. »Ich hatte letztes Mal den Eindruck, dass Ihnen der Fall zuwider ist.« In einem anderen Brief bat sie fast um Entschuldigung, dass sie sich erneut bei ihm meldete. »Ich weiß, dass ich Ihnen neue Arbeit mache, aber es soll alles auf den Tisch. Die Fragen von Mitgefangenen lassen mich immer wieder nachdenken.«

25 Wochen Untersuchungshaft

Die 25 Wochen in der Untersuchungshaft hätten seine Mandantin verändert, sagt Peter Wüller. »Das Bösartige ist verschwunden.« Die lange Trennung von Wilfried W. lasse Angelikas ursprüngliches Wesen immer stärker durchscheinen. »Ihr stehen viele Jahre Gefängnis bevor, und trotzdem ist sie wieder ein glücklicher Mensch. Das wird auch in den Briefen deutlich, die sie schreibt.« Die Briefe lassen auch, erahnen, dass Angelika W. kein dummer Mensch ist. Ein Psychologe, der die Untersuchungsgefangene kürzlich getestet hat, soll einen IQ von 120 ermittelt haben. Damit wäre Angelika W. überdurchschnittlich intelligent.

17 Stunden hat sich die vom Gericht beauftragte Psychiaterin Dr. Nahla Saimeh mit Angelika W. im Gefängnis unterhalten, ihr schriftliches Gutachten steht noch aus. Peter Wüller hofft, dass die Gutachterin seiner Mandantin verminderte Schuldfähigkeit zubilligt. »Angelika hat einmal zu mir gesagt: ›Wilfried hat mich dressiert‹. Ich bin kein Experte und ich weiß nicht, was es war. Aber irgendwie muss Wilfried sie zu seinem Werkzeug gemacht haben. Er hat seine Perversionen durch sie ausführen lassen. Angelika war ein guter Mensch, bevor sie ihn kennenlernte.«

Am Mittwoch vor Gericht wird die Frau ihren Komplizen nach sechs Monaten zum ersten Mal wiedersehen. »Das wird nicht einfach für sie«, sagt ihr Verteidiger. Aber er sei sicher, dass sie ihm nicht wieder verfalle. »Für Angelika hat mit ihrer Verhaftung ein neues Leben begonnen. Sie möchte ihre Strafe absitzen und dann dort weitermachen, wo sie 1999 aufgehört hat.

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