Do., 27.10.2016

Angeklagter stellt sich bereitwillig den Kameras – Angelika W. soll ihren Ex-Mann noch immer lieben – mit Video: »Horror-Paar« vor Gericht: Der Auftritt des Wilfried W.

Großes Medieninteresse am ersten Prozesstag.

Großes Medieninteresse am ersten Prozesstag. Foto: Besim Mazhiqi

Von Christian Althoff

Paderborn/Höxter (WB). Mittwochmorgen, 9.05 Uhr, Landgericht Paderborn, Saal 205: Wilfried W. (46) macht keine Anstalten, sich zu setzen. Während sich seine frühere Frau Angelika (47) am hinteren Ende der Anklagebank klein macht und ihr Gesicht hinter einem roten Aktendeckel versteckt, scheint er die Aufmerksamkeit zu genießen.

Hintergrund zum Fall

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Minutenlang steht er zwischen seinen Verteidigern Dr. Detlev Binder und Dr. Carsten Ernst und blickt mit wachen Augen, die ab und zu blinzeln, in die ungezählten Kameras. Er hat sich im Gefängnis einen Vollbart wachsen lassen, und zumindest äußerlich haben ihm sechs Monate Untersuchungshaft nicht zugesetzt. Als ihm ein RTL-Reporter ein Mikrofon entgegenstreckt, scheint es für einen Moment, als wolle Wilfried W. die Chance auf den großen Auftritt nutzen. Doch Anwalt Binder drückt das Mikrofon schnell zur Seite. Wilfried brauche Aufmerksamkeit und könne böse werden, wenn er sie nicht bekomme, hatte Angelika W. in einer Vernehmung bei der Kripo gesagt. Aufmerksamkeit – die ist ihm hier in den nächsten Monaten gewiss.

Antwort mit kaum hörbarer Stimme

Der Vorsitzende Richter Bernd Emminghaus beendet schließlich den Auftritt des Angeklagten im Scheinwerferlicht und eröffnet den Prozess. Als die Kameras ausgeschaltet sind, lässt Angelika W. den Aktendeckel sinken. Zum Vorschein kommt ihr markantes Gesicht. Die helle Haut wird von dunklen, langen Haaren und einem dünnen Pony umrahmt. Ihre Augen scheinen nach Wilfried W. zu suchen, doch in diesem Moment spricht der Richter sie an und fragt ihre Personalien ab. Sie antwortet mit kaum hörbarer Stimme, und Wilfried W. tut es ihr gleich. Dann hat Oberstaatsanwalt Ralf Meyer das Wort.

20 Minuten lang hastet er mit monotoner Stimme durch die 15 entscheidenden Seiten der Anklageschrift, als wolle er so die Schrecken weniger schlimm erscheinen lassen. »Planvoll« soll das Paar Frauen mit Kontaktanzeigen in sein Haus nach Höxter-Bosseborn gelockt haben, um sie »zu Leibeigenen« zu machen, sie »systematisch zu quälen und zu misshandeln«.

Im vollbesetzten Saal hören die Menschen, wie die Opfer nach Überzeugung der Ermittler leiden mussten. Sie hören, dass Wilfried W. seiner dritten Ehefrau Anika Glutamat ins Essen mischte, damit die Gelenke der Allergikerin schwollen. Sie hören, dass die Frau gewürgt und getreten wurde. Dass sie nur gefesselt und angekettet schlafen durfte. Dass sie mit 70 Grad heißem Wasser verbrüht wurde. Dass sie einmal gefesselt in der Badewanne lag und das Wasser einlief, bis es über ihr stand und sie bewusstlos wurde.

Die Zuschauer erfahren, dass eine andere Frau, Susanne F. aus Bad Gandersheim, von der Angeklagten mit einem Halstuch bis zur Bewusstlosigkeit gedrosselt wurde. Dass Angelika W. der Frau  die Haare mit einem Bunsenbrenner und einem Schürhaken versengte und ihr die restlichen Haare in Büscheln ausriss.

Die Zuschauer hören, dass diese beiden Opfer die Qualen nicht überlebt haben. Anders als eine Frau aus Detmold, die Wilfried W. in ihrer eigenen Wohnung eingesperrt und unter Medikamente gesetzt haben soll – als »Beibringung von Gift« bezeichnet Oberstaatsanwalt Meyer diese Taten.

Die Angeklagten lassen keine Regung erkennen, als sie die Vorwürfe hören. Sie sind ihnen auch nicht neu, und viele Passagen der Anklageschrift gründen auf den Aussagen, die Angelika W. in den vergangenen Monaten bei der Mordkommission gemacht hat.

Während der Oberstaatsanwalt spricht, schaut Angelika W. zu ihm hinüber, oder sie blickt lange in den Zuschauerraum, als suche sie ein bekanntes Gesicht. Ein-, zweimal scheint es, als wolle sie auch einen Blick auf Wilfried W. erhaschen, doch das ist schwer. Zwischen ihr und ihm sitzen eine Justizbeamtin und ein Justizbeamter auf der Anklagebank. Diese Trennung hat das Gericht veranlasst, weil es die Gefahr sieht, Wilfried W. könne die Frau wieder unter seine Kontrolle bringen. Die Befürchtung scheint begründet, denn aus dem Umfeld der Angeklagten ist zu hören, sie liebe Wilfried W. noch immer. Er sei ihr erster und einziger Mann gewesen, und vielleicht habe das dazu beigetragen, dass sie so lange seine Misshandlungen ertragen habe und Komplizin geworden sei, sagt ihr Anwalt Peter Wüller später.

Als der Oberstaatsanwalt fertig ist, wendet sich der Vorsitzende Richter an die Angeklagten. Vom »Horror-Haus« habe man in den letzten Monaten lesen können, vom »Folter-Paar« und von der »Höxter-Hexe«, sagt Bernd Emminghaus. »Das alles spielt für das Gericht aber überhaupt keine Rolle. Für uns ist nur das wichtig, was hier im Gerichtssaal  gesagt wird.«

Dann möchte er noch wissen, ob die Angeklagten an den kommenden Verhandlungstagen aussagen möchten. Wilfried W. werde schweigen, sagt Anwalt Dr. Binder, aber Verteidiger Peter Wüller verspricht, dass Angelika W. »alles sagen« werde – vielleicht schon am 16. November, wenn der Prozess fortgesetzt wird.

Dann will sich das Gericht auch mit dem Antrag Dr. Binders befassen, der den Gutachter Dr. Michael Osterheider als »inkompetent« ablehnt. Osterheider sieht Wilfried W. als »Idealtyp eines Hangtäters«, was zu seiner Sicherungsverwahrung führen könnte. Und die wäre für den 46 Jahre alten Angeklagten die Höchststrafe.

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