Sa., 05.11.2016

Wie unabhängig ist der Psychiater im »Horror-Haus«-Prozess? Gutachter unter Druck

Prof. Dr. Michael Osterheider gilt als Experte für Sexualstraftaten und hat dazu viele wissenschaftliche Schriften veröffentlicht.

Prof. Dr. Michael Osterheider gilt als Experte für Sexualstraftaten und hat dazu viele wissenschaftliche Schriften veröffentlicht. Foto: Besim Mazhiqi

Von Christian Althoff

Paderborn (WB). An der Objektivität des Psychiaters Prof. Michael Osterheider, der den Angeklagten Wilfried W. (46) im »Horror-Haus«-Prozess vor dem Landgericht Paderborn begutachten soll, gibt es Zweifel – auch in Justizkreisen.

In einem aktuellen Urteil formuliert der 3. Senat des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs deutliche Sätze. Er kommt unter anderem zu dem Ergebnis, der Psychiater aus Regensburg habe Feststellungen, die zugunsten eines Menschen gesprochen hätten, »unterschlagen«.

Das Landgericht Paderborn hat für den Prozess um das »Horror-Haus« zwei Gutachter beauftragt: Prof. Michael Osterheider aus Regensburg, von 1998 bis 2004 Ärztlicher Direktor der Gerichtspsychiatrie in Lippstadt-Eickelborn, soll den Angeklagten Wilfried W. begutachten. Für die mitangeklagte Angelika W. (47) ist die Psychiaterin Dr. Nahlah Saimeh zuständig, Osterheiders Nachfolgerin in Eickelborn.

Verteidiger lehnte Gutachter ab

Verteidiger Dr. Detlev Binder hatte am ersten Verhandlungstag Prof. Osterheider als Gutachter abgelehnt. Binder meint, das vorläufige schriftliche Gutachten, das den Angeklagten als Sadisten belaste, sei »oberflächlich und pauschal«, entspreche wissenschaftlichen Mindestanforderungen nicht und enthalte Widersprüche.

Vorwürfe gibt es nicht zum ersten Mal. »Aus meiner langjährigen Befassung mit ihm ist mir die Problematik seiner einseitigen Sichtweise der Dinge mehr als bekannt«, sagt Prof. Jan Bockemühl, der an der Universität Regensburg Strafrecht gelehrt hat, seit 2015 Honorarprofessor ist und als Anwalt arbeitet. »In einem sehr umfangreichen Prozess vor dem Landgericht Landshut erklärte Prof. Osterheider 2012, er habe die Gefängnisakte meines Mandanten studiert, sie beinhalte aber nichts Berichtenswertes. Ermittlungen des Vorsitzenden Richters ergaben dann aber, dass Herr Osterheider die Akte nie gesehen hatte. Hätte er sie gelesen, hätte er erfahren, dass mein Mandant in der JVA 27 Mal beim Drogentest aufgefallen war.« Prof. Bockemühl sagte, das Gericht habe damals den Befangenheitsantrag gegen Osterheider abgelehnt. »Sonst wären 40 Verhandlungstage für die Katz gewesen. Das Gericht nannte Osterheiders falsche Angaben einen ›tradierten Irrtum‹.«

Kritik aus Bayern

Klarere Worte fand der Bayerische Verwaltungsgerichtshof in einem Urteil vom 28. Juli dieses Jahres. Es ging um einen Lehrer, der einen Schüler missbraucht haben sollte, aber vom Landgericht München freigesprochen worden war. Der Freistaat Bayern hatte Zweifel an der Unschuld und wollte den Lehrer entlassen. Um das zu begründen, beauftragte er Prof. Osterheider, den Lehrer zu untersuchen. Zusammengefasst kam Osterheider zu dem Schluss, bei dem Lehrer liege eine »sexuelle Präferenzstörung in Form einer Pädophilie« vor. Rechtsanwalt Arne Schwemer aus Hamburg, der den Lehrer vertritt: »Als belastende Indizien nannte Osterheider zum Beispiel, dass mein Mandant sein Technikstudium abgebrochen und sich einem Lehramtsstudium zugewandt hatte und dass er im Sportbereich außerordentliches Engagement zeigte.«

Das Gericht beauftragte einen eigenen Gutachter, Prof. Norbert Leygraf aus Essen. Der sah bei dem Lehrer keine Pädophilie und nannte Prof. Osterheiders Argumente für eine Pädophilie »sämtlich recht konstruiert«.

Der Verwaltungsgerichtshof lehnte die Entlassung des Lehrers ab und urteilte unter dem Aktenzeichen 3 B 14.1431, Prof. Osterheider habe »ein Hypothesengebäude« aufgebaut, lasse einen Nachweis aber vermissen. Nach einem psychologischen Test habe Prof. Osterheider die entscheidende Feststellung, dass bei dem Lehrer keine pädophile Neigung festgestellt werden konnte, »unterschlagen«. Wörtlich heißt es in dem noch nicht rechtskräftigen Urteil: »Aufgrund des Verschweigens einer für den Kläger günstigen Feststellung vermag der Senat eine unabhängige bzw. unparteiische und vorurteilsfreie Begutachtung nicht zu erkennen.« Osterheiders Gutachten sei »ersichtlich von einem gewünschten Ergebnis getragen«.

Das WESTFALEN-BLATT bat den Psychiater um eine Stellungnahme, bekam aber keine Antwort. Am 16. November, dem nächste Verhandlungstag, wird Osterheider zunächst Stellung zu dem Ablehnungsantrag nehmen.

Beide Angeklagte voll schuldfähig

Angelika W. (47) ist voll schuldfähig. Zu dieser Überzeugung kommt die Ärztliche Direktorin der Gerichtspsychiatrie Lippstadt-Eickelborn, Dr. Nahlah Saimeh, in ihrem Gutachten, das dem Gericht jetzt vorliegt.

Die Expertin hatte Angelika W. im Gefängnis begutachtet und die Ermittlungsakten ausgewertet. In den Gesprächen mit der Psychiaterin soll Angelika W. gesagt haben, sie liebe Wilfried noch immer und wolle nicht, dass er für das, was er ihr angetan habe, bestraft werde.

Wilfried W., der sich nicht untersuchen ließ, ist nach Ansicht des Gutachters Prof. Dr. Michael Osterheider nach Aktenauswertung ebenfalls voll schuldfähig. Für den Fall einer Verurteilung wegen Mordes droht den Angeklagten lebenslange Haft.

So hatte der Prozess in Paderborn begonnen:

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