Mi., 16.11.2016

Bosseborn-Prozess in Paderborn fortgesetzt Angeklagte schildert ihr eigenes Leid im »Horror-Haus«

Der Angeklagte Wilfried W. ohne Vollbart (Mitte) mit seinen Verteidigern Dr. Carsten Ernst und Dr. Detlev Binder, dahinter Angelika W. mit ihrem Verteidiger.

Der Angeklagte Wilfried W. ohne Vollbart (Mitte) mit seinen Verteidigern Dr. Carsten Ernst und Dr. Detlev Binder, dahinter Angelika W. mit ihrem Verteidiger. Foto: Jörn Hannemann

Paderborn/Höxter (WB/ca/dpa). Im Prozess um die tödlichen Misshandlungen in einem Haus in Höxter hat vor dem Landgericht Paderborn am Mittwoch die angeklagte  Angelika W. erstmals ausgesagt. Die 47-Jährige und ihr mitangeklagter, ein Jahr jüngerer Ex-Mann sollen über Jahre hinweg mehrere Frauen in ihr Haus nach Höxter-Bosseborn gelockt und dort gequält haben.

Die Angeklagte holt in ihrer Aussage weit aus, berichtet nicht nur von ihrer Beziehung zu Wilfried W., sondern auch aus ihrer Kindheit. Sie habe schon von ihrem zehnten Lebensjahr an auf dem Hof der Eltern geholfen. Freunde habe sie zur Schulzeit nicht gehabt, dafür sei sie aber sehr tierlieb gewesen. Katzen habe sie geliebt, sei mit ihnen sogar spazieren gegangen. 

In der Beziehung hat sich das geändert. Einmal habe sie etwa auf einen Hund geschossen, weil ihr Mann ihr das Luftgewehr dafür in die Hand gedrückt habe. »Der Hund lag verängstigt unter dem Waschbecken. Ich habe nicht lange nachgedacht. Ich wollte Wilfried zufriedenstellen«, schilderte die 47-Jährige vor Gericht.

Angelika W.: »Aber ich war verliebt«

Auch von eigenen Misshandlungen berichtete sie am Mittwoch. Zu Gewalt sei es schon früh gekommen. »Er hat mich gekniffen und an den Haaren gezogen. Aber ich war verliebt.« Einmal habe Wilfried W. sie nach einem Streit mit 70 Grad Celsius heißem Wasser gequält.

Der Gutachter Prof. Michael Osterheider, der Wilfried W. für schuldfähig hält, wies die Vorwürfe in der Zwischenzeit schriftlich zurück. Das Gutachten sei vorläufig. Der Angeklagte habe sich einem persönlichen Treffen bislang verweigert. Auch die Staatsanwaltschaft konnte die Vorwürfe der Verteidigung an der Bewertung des Angeklagten nicht nachvollziehen.

Der Angeklagte Wilfried W. hat sich seit Prozessbeginn offenbar von seinem Vollbart getrennt. Er erschien am Mittwoch frisch rasiert. 

Nach einer Verhandlungspause zur Mittagszeit fragte der Richter Angelika W.: »Von zuhause aus kannten Sie ja keine Gewalt. Haben Sie nicht bei den ersten Übergriffen protestiert?« Sie antwortete: »Vielleicht war ich zu verliebt. Ich war froh, dass ich einen hatte, den ich zu Hause vorstellen konnte.«

Angelika W. sagte weiter, sie habe sich zweimal anderen Menschen offenbart. Einmal habe sie Wilfrieds Mutter von den Misshandlungen erzählt, und einmal einer Freundin von ihm. Wilfrieds Mutter habe ihr gesagt, ihr erster Mann Wilfried sei auch jähzornig gewesen, und sie solle den Weg des kleinsten Widerstands nehmen.

»Warum haben Sie ihn nicht verlassen?«

Anschließend befragten die Verteidiger von Wilfried W. die Angeklagte.

Anwalt Dr. Binder: »Warum haben Sie ihn nicht verlassen?« Angelika W.: »Er redete mir ja ein, dass ich wegen meines Fehlverhaltens Schuld an den Misshandlungen war, und da wäre es ja unfair gewesen, ihn zu verlassen.« Der Richter: »War es denn akzeptabel, dauernd Todesangst zu haben?« Angelika W. »Ich hoffte ja, dass es anders werden würde.«

Angelika W.: »Er duldete keinen anderen Gott neben sich«

Angelika W. erzählt, sie habe einmal ein Baby abtreiben lassen, das von Wilfried W. gewesen sei. »Er duldete keinen anderen Gott neben sich. – Ich hatte Angst, das Mädchen irgendwann auf dem Arm zu halten und von ihm gezwungen zu werden, es zu töten, wie ich Tiere für ihn töten muste.«

Der Prozess wird am Mittwoch, 30. November, fortgesetzt.

Lesen Sie auch die Berichterstattung am Donnerstag, 17. November, im WESTFALEN-BLATT.

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