Mi., 07.12.2016

Angeklagte schildert im »Horror-Haus«-Prozess das Schicksal des ersten Todesopfers »Pizza auf den Kopf«

Angelika W., hier neben ihrem Anwalt Peter Wüller, sagte gestern fast fünf Stunden aus.

Angelika W., hier neben ihrem Anwalt Peter Wüller, sagte gestern fast fünf Stunden aus. Foto: Christian Althoff

Von Christian Althoff

Paderborn (WB). Zwischendurch schossen Sigrid K. immer wieder Tränen in die Augen. Stundenlang hörte die 75-jährige Rentnerin am Dienstag ein grausames Detail nach dem anderen und erfuhr, welches Martyrium ihre Tochter bis zu ihrem Tod durchlebt hatte.

Das Paderborner Schwurgericht hat den Mordprozess um das »Horror-Haus« von Höxter fortgesetzt. Im Mittelpunkt des vierten Verhandlungstages ging es um Anika W. (33) – die erste Frau, die von den Angeklagten Wilfried W. (46) und Angelika W. (47) zu Tode misshandelt worden sein soll.

Fast fünf Stunden beschrieb Angelika W. völlig emotionslos jene zehn Monate, die die Altenpflegerin aus Uslar im »Horror-Haus« gelebt hatte. »Anika hatte sich im Sommer 2013 auf eine Kontaktanzeige gemeldet und sich sofort in Wilfried verliebt«, sagte die Angeklagte. »Sie glaubte, ich sei Wilfrieds ältere Schwester.«

Schon nach kurzer Zeit habe Wilfried ihr einen Verlobungsring geschenkt. »Der war von ›dm‹ und kostete 21 Euro. So einer mit einem falschen Diamanten.« Im Oktober 2013 sei Anika zu ihnen nach Höxter-Bosseborn gezogen. »Am 18. Oktober haben die beiden im Standesamt geheiratet. Ich habe draußen gewartet, rote Weinblätter gepflückt und damit die Rückbank des Autos geschmückt.« Als das Paar aus dem Standesamt gekommen sei, habe sie geheult. »Ich hatte Angst, dass Wilfried mich jetzt rauswirft.«

Erst läuft alles gut

Die ersten drei Wochen Ehe – es war Wilfrieds dritte – sei alles gut gelaufen. »Er hatte sein neues Spielzeug und ließ mich in Ruhe.« Doch dann habe Anika W. immer häufiger Wilfrieds Regeln missachtet. »Sie stellte ihm seinen Tee nicht hin, sie nuschelte, sie stand ihm im Weg, und sie antwortete nicht so auf seine Fragen, wie er das erwartete.« Um Anika W. zu erziehen, habe sie sie geschlagen, an den Haaren gezogen, mit einem Strick gedrosselt, mit heißem Wasser verbrüht und mit einem Elektroschocker bestraft. »Aber sie konnte mir nicht erklären, warum sie böse zu Wilfried war.« Der habe die Quälereien mit seinem Handy gefilmt.

Wenn Anika W. nachts aufs Klo gemusst habe, sei Wilfried durch knarrende Dielen wach geworden, sagte die Angeklagte. Anika sei deshalb verboten worden, nach 21 Uhr noch etwas zu trinken. »Das half aber nicht. Deshalb haben wir sie nachts in einem Nebenraum auf eine Wachsdecke gelegt und ihre Arme mit Handschellen an die Heizung gefesselt.«

Doch die angekettete Frau bewegte sich im Schlaf, und die Handschellen machten Krach. Deshalb wurde Anika W. in den kalten Keller verbannt, wo sie fast nackt in einer Badewanne auf dem Rücken schlafen musste, die Hände und Füße mit Handschellen gefesselt. »Nach einiger Zeit waren ihre Gelenke ganz dick, wund und blutig«, sagte die Angeklagte. Das habe aber nicht nur an den Handschellen gelegen. »Wilfried wusste, dass seine Frau kein Glutamat verträgt. Deshalb hat er es ihr zwei, drei Mal in der Woche ins Essen gemischt.«

»Hätten sie gerne lebendig aus dem Haus bekommen«

Auf Frage des Vorsitzenden Richters Bernd Emminghaus gab die Angeklagte zu, dass Anika W. immer schwächer geworden sei. »Ja, sie war schlecht zurecht. Sie hatte kalte Hände, was Wilfried gar nicht mochte. Sie brauchte wegen ihrer Gelenke stundenlang für die Treppe, und sie konnte nicht mehr greifen. Sie war nicht das, was Wilfried sich erhofft hatte, und wir hätten sie gerne lebendig aus dem Haus bekommen.«

Am 2. August 2014 sei Anika W. nachts nackt aus dem Haus gegangen und habe sich draußen hingelegt. »Ich habe ihr aufgeholfen, sie gestützt und gesagt: ›Ich zähle bis drei. Dann lasse ich dich los, und du gehst zurück ins Haus‹.« Doch diese Kraft hatte Anika W. nicht mehr. »Bei ›drei­‹ kippte sie nach hinten und knallte mit dem Kopf auf.« Mit Hilfe von Angelika W. kehrte Anika W. in ihre Badewanne zurück. Dort starb sie nach Angaben der Angeklagten am nächsten Morgen.

»Bei ihren vielen Wunden konnten wir keinen Bestatter holen«, sagte Angelika W. Sie hätten die Kühltruhe ausgeräumt und die Tote hineingepackt. »Dann habe ich die Lebensmittel darübergelegt. Pizza auf den Kopf, und man hat nichts mehr gesehen.«

CD-Spieler überdeckt die Geräusche

Zwei Monate habe man überlegt, was man mit der Leiche tun solle. »Irgendwann war mir klar, dass das per Säge laufen musste und alles an mir hängenbleibt«, sagte die Angeklagte. Anfangs sei ihr das Zerteilen schwergefallen. »Ich konnte ja noch nicht einmal meinen verstorbenen Vater berühren.« Dann beschrieb Angelika W. stumpf, aber äußerst detailliert, wie sie Abend für Abend die Tote mit einer Metallsäge zerlegt habe. »15 oder 20 Tage lang.« Um die Geräusche zu überdecken, habe Wilfried ihr einen CD-Spieler gebracht, sagte Angelika W.

Anschließend habe sie über Wochen die sterblichen Überreste im Kachelofen verbrannt. »Ich hatte das vorher mit einem Kotelett ausprobiert. Man roch draußen nichts.« Die Asche der Toten habe sie mit Streugranulat vermischt. »Beim nächsten Schnee sind Wilfried und ich losgefahren und haben das am Straßenrand verteilt.«

Sigrid K., die Mutter der Toten, sagte nach dem gestrigen Verhandlungstag, es sei ihr sehr schwer gefallen, das alles zu hören. »Aber ich bin es meiner Tochter schuldig, dass ich hier im Gericht sitze.« Sie könne sich nicht erklären, warum ihre Tochter Wilfried W. verfallen und nicht geflohen sei. »Anika kam aus einer intakten Familie. Sie hätte jederzeit zurückgekonnt.«

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