Do., 15.12.2016

Auch Susanne F. wurde gequält, »weil sie nicht gehorchte« Wilfrieds Regeln

Die Angeklagte Angelika W. mit ihrem Anwalt Peter Wüller am fünften Verhandlungstag.

Die Angeklagte Angelika W. mit ihrem Anwalt Peter Wüller am fünften Verhandlungstag. Foto: Oliver Schwabe

Von Christian Althoff

Paderborn (WB). Irgendwann ließ Angelika W. die völlig entkräftete Susanne F. im »Horror-Haus« einen 25 Kilogramm schweren Sack Hühnerfutter die Stiege zum ersten Stock hochschleppen. »Das war Schwachsinn, denn da oben waren ja keine Hühner. Es sollte einfach eine Strafe sein.«

Das Paderborner Schwurgericht hat am Dienstag den Mordprozess um das »Horror-Haus« von Höxter fortgesetzt. Im Mittelpunkt des  fünften Verhandlungstages stand das zweite mutmaßliche Mordopfer, Susanne F. (41) aus Bad Gandersheim.

»Sie hatte sich auf eine Kontaktanzeige gemeldet. Ich fuhr Wilfried hin und wartete vor dem Haus wie üblich drei, vier Stunden im Auto. Meistens hatte ich Kekse und was zu trinken dabei, oder Strümpfe, die gestopft werden mussten«, sagte die Angeklagte.

Etliche Regeln

Wilfried sei »hocherfreut« aus dem Haus gekommen, und sie habe Susanne F. in den folgenden Tagen angerufen und sich als Wilfrieds Schwester ausgegeben. »Ich habe ihr gesagt, dass es bei uns kalt im Haus ist und wir deshalb zu dritt im Wohnzimmer schlafen.  Ich habe ihr auch gesagt, dass Wilfried der Herr im Haus ist.« Sie habe Susanne F. etliche seiner Regeln aufgezählt: »Wir mussten ihn beim Sprechen ansehen, durften ihn nur mit einem Kosenamen anreden, mussten ihm um 16 Uhr seinen Tee hinstellen, wir durften beim Essen nicht kleckern und mussten zu Bett gehen, wenn er das anordnete. Und wenn er an einer Tankstelle aufs Klo musste, hatten wir den Schlüssel zu holen.«

Susanne F. habe alles akzeptiert – »auch der Schmutz bei uns im Haus hat sie nicht gestört« – und sei am 10. oder 11. Februar 2016 nach Höxter gezogen. »Wilfrieds Regeln hat sie aber nicht beachtet. Es war eine Qual für ihn, dass Susanne nicht gehorchte.«

Mit Bastbändern gefesselt

Wie schon vom ersten Opfer, das 2014 im »Horror-Haus« zu Tode gekommen war, fühlte sich Wilfried W. auch von Susanne F. gestört, wenn sie nachts ins Bad musste. »Darum habe ich sie mit Bastbändern gefesselt und ihr aus einer Thermo-Einkaufstasche von Aldi eine Hose gebastelt, die sie nachts anziehen musste«, sagte Angelika W. ohne jede spürbare Empathie.

Wie normal solche Quälereien für sie offenbar waren, zeigte auch folgender Dialog:

Angelika W.: »Wilfried hat Susanne mal gewürgt, als sie in unserem Ledersessel saß.«

Oberstaatsanwalt Ralf Meyer: »Wie hat er das denn gemacht?«

Angelika W.: »Wie man das so normal macht.«

»Irgendwann hatte ich die Faxen dicke.«

Es blieb nicht bei diesem mutmaßlichen Würgen. Angelika W. erzählte in einem gleichgültigen Ton, sie habe Susanne F. die Haare versengt und büschelweise ausgerissen oder sie zu Boden gerissen und sie dort mit einem Fuß auf der Brust fixiert. »Der Boden war kalt. Bei dieser Strafe sah sie hinterher wenigstens nicht so vermackelt aus.« Das alles seien Folgen von Susannes Ungehorsam gewesen, sagte die Angeklagte. »Ich hatte es ja im Guten mit ihr versucht. Aber irgendwann hatte ich die Faxen dicke.«

Wie andere Opfer musste auch Susanne F. alle möglichen Schriftstücke unterschreiben. Zum Beispiel am 29. März 2016, knapp vier Wochen vor ihrem Tod: »Wilfried hat mit den Handgreiflichkeiten und meinen blauen Flecken nichts zu tun«, stand auf dem Zettel.

In der Küche geschubst

Als es Susanne F. im April richtig schlecht ging, wollte das Paar sie zurück nach Bad Gandersheim fahren. Angelika W.: »Sie konnte nicht mehr laufen. Ich habe sie zum Auto getragen.« Doch der Opel Corsa blieb mit einem Motorschaden liegen. »Ich habe einen Notarzt angerufen«, sagte Angelika W. Stunden später starb die misshandelte Frau im Krankenhaus Northeim. Als Todesursache ermittelte ein Rechtsmediziner eine Gehirnblutung. Angelika und Wilfried W. sollen die Frau in der Küche hin- und hergeschubst haben. Dabei soll Susanne F. mit dem Kopf gegen einen Schrank geknallt sein.

Zum ersten Mal verweigerte sich die Angeklagte bei der Verhandlung sämtlichen Nachfragen von Dr. Detlev Binder und Dr. Carsten Ernst, den Verteidigern von Wilfried W. Ihr Anwalt Peter Wüller erklärte später: »Die Fragen zielten darauf ab, meiner Mandantin die gesamte Schuld zu geben und Wilfried als Schäfchen oder liebenswerten Teddy hinzustellen. Das machen wir nicht mit, denn dieser Mann war nicht harmlos, sondern brandgefährlich.«

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