Di., 20.12.2016

Sechster Prozesstag vor dem Landgericht Paderborn: Angelika W. sagt weiter aus Liveticker: »Ich habe oft genug Todesangst gehabt«

Die Angeklagten am Dienstag im Gerichtssaal.

Die Angeklagten am Dienstag im Gerichtssaal. Foto: Ludmilla Ostermann

Von Ludmilla Ostermann

Paderborn (WB). Der Prozess um das »Horror-Haus« von Höxter-Bosseborn geht in den sechsten Verhandlungstag. Die Richter am Paderborner Landgericht wollen die bisherige Aussage von Angelika W. (47) erneut auf Details abklopfen.

9.23 Uhr. Eingangs will Richter Emminghaus der Angeklagten noch einmal die Vorführung vor dem Haftrichter ins Gedächtnis rufen. Damals ging es um das Opfer Susanne F. »Alle körperlichen Beschädigungen an dem Opfer kommen nicht von Wilfried« hieß es damals in ihrer Aussage. 

9.29 Uhr. Wie auch bei der vergangenen Verhandlung erhält der Verteidiger von Wilfried W., Detlev Binder, auf Nachfragen bei der Angeklagten keine Antwort.  

9.37 Uhr. Nun geht es wieder um die Beziehung zwischen den beiden Angeklagten. Wilfried W. habe der Angeklagten »Stück für Stück« sein vergangenens Leben - Kinder mit anderen Frauen, eine Gefängnisstrafe - dargelegt, sagt Angelika W.  Seine Haftstrafe habe er ihr mit Fahrten ohne Führerschein erklärt.

9.43 Uhr. Angelika W. beschreibt, wie sie zu Beginn ihrer Ehe mit Wilfried W. misshandelt wurde. So habe er sich auf sie gelegt. Sie habe ihn im umgekehrten Liegestütz hochdrücken müssen. »Es ist erstaunlich, mir fällt immer wieder was ein«, kommentiert sie.

9.48 Uhr. »Ich habe nie gewollt, dass es durch mich zu einer Anzeige gegen ihn kommt«, sagt Angelika W. 

Würgen mit dem Frotteehandtuch

9.51 Uhr. Eine schwere Verletzung am Arm habe sie Außenstehenden mit einem Unfall mit dem Wasserkocher erklärt, sagt die Angeklagte. In Wahrheit habe Wilfried W. sie zu Boden gedrückt und mutwillig mit heißem Wasser verbrüht. 

10.01 Uhr. Manchmal habe Wilfried ihr »einfach so« eine Plastiktüte über den Kopf gezogen. »Ich habe oft genug Todesangst gehabt«, sagt die 47-Jährige. Es sei für sie das humanste gewesen, wenn er sie mit einem Frotteehandtuch gewürgt habe. Dann sei sie schnell ohnmächtig geworden. 

10.11 Uhr. Bei der Vernehmung hat Angelika W. angegeben, von Wilfried »dressiert« worden zu sein. Sie habe Dinge, auch mit den beiden Opfern, gemacht, die er ihrer Ansicht nach erwartet habe.  

10.15 Uhr. Angelika W. verliest einen Zettel, den sie in der JVA geschrieben hat. Der Inhalt beschreibe den Einfluss von Wilfried W. auf die Angeklagte: »Er hat mich manipuliert, beeinflusst, (…) zu seinem Werkzeug gemacht, mich nie in Ruhe gelassen, (…), ausgenommen, Schmerzen zugefügt, (…), mit falsche Hoffnungen gemacht, (…), mich erniedrigt, mich leiden lassen, (…), hat auch zu Anfang meine Leichtgläubigkeit ausgenutzt.« 

10.25 Uhr. Die Angeklagte will wissen, ob bei der Hausdurchsuchung ein Zettel unter dem Wohnzimmerschrank gefunden worden sein. Darauf zu lesen sei detailliert, was sie mit Opfer Anika W. nach ihrem Tod gemacht habe. Den Zettel habe sie auf Wilfrieds Wunsch hin verfasst. Das Schreiben sei auch ein Grund dafür, warum sie die Wahrheit sage.

Trink-Verbot

10.35 Uhr. Richter Emminghaus möchte mehr über die Schlafregelung mit Opfer Anika W. wissen. Anika habe ab einem bestimmten Zeitpunkt nichts mehr trinken dürfen, damit sie Wilfried nicht störte. Die Angeklagte wiederholt viele Details, die sie bereits vor zwei Wochen geäußert hat.  

11.25 Uhr Nach einer ersten Pause beschreibt die Angeklagte noch einmal die Fesselung des Opfers Anika W. während der Nacht. Angekettet an eine Heizung habe sie auf dem Fußboden schlafen müssen. »Ihm zuliebe hat sie das gemacht«, sagt Angelika W.

11.39 Uhr. Auf die Idee, Anika in der Badewanne im Keller unterzubringen, sei sie gekommen, erzählt Angelika W. 

11.45 Uhr. Um eine Versorgung ihrer durch die Handschellen entstandenen Wunden habe sie nie gebeten. Dabei hätten die beiden Frauen manchmal auch normal geredet. »Übers Kuchenbacken oder sowas«, sagt Angelika W.

11.48 Uhr. Drei bis vier Wochen habe Anika W. im Keller schlafen müssen.

11.54 Uhr. Die Angeklagte schildert in einem Exkurs einen Vorfall, bei dem ein Zeuge offenbar die verletze Anika W. im Auto an einer Tankstelle in Schötmar bemerkt hatte. Als die Polizei dazu kam, hätten die Polizisten mit ihr gesprochen, seien dann aber wieder gegangen. Was gesprochen wurde, habe sie nicht gehört, sagt Angelika W. Warum sie damals nicht die Chance genutzt habe, will Richter Emminghaus wissen. Wilfried habe wohl unmittelbar neben dem Wagen gestanden, will sich Angelika W. erinnern.

Strick »aus Spaß« um den Hals gelegt

12.02 Uhr. Als Anika W. einen Tag vor ihrem Tod äußert, nicht mehr leben zu wollen, habe die Angeklagte ihr »aus Spaß« einen Strick um den Hals gelegt. Anika habe versucht, daran zu ziehen, habe jedoch nicht mehr fest zupacken können. »Ich wollte in dem Moment gucken, wie weit sie geht«, sagt Angelika W.

12.15 Uhr. Mittagspause im Bosseborn-Prozess.

13.20 Uhr. Nach der Pause liest Richter Emminghaus die schriftlich eingereichten Fragen Detlev Binders vor. Angelika W. beantwortet sie nun.

13.26 Uhr. Die Angeklagte beantwortet Fragen zum Gesundheitszustand von Wilfried W. Er habe manchmal über Herzschmerzen geklagt, »wenn ich ihn mal wieder geärgert habe«. Sie glaube aber, das habe er sich eingebildet, sagt Angelika W. Wilfried habe ihr erzählt, er habe vor ihrer gemeinsamen Zeit Tabletten genommen, die auf seine Psyche geschlagen seien. 

13.39 Uhr. Eine Frage zielt auf eine frühere Formulierung der Angeklagten, sie sei sich für nichts zu schade, ab. Angelika W. erklärt, sie sei mittlerweile in der Lage, ohne Scham alle möglichen Themen anzusprechen. So habe sie bei Autohändlern angegeben, Wilfried sei bei einem Zugunglück gestorben, um die Autos mit möglichst wenig Verlust wieder zu verkaufen. Auch habe sie die Frauen in Wilfried W.s Leben nach deren Qualitäten im Bett fragen müssen.

13.50 Uhr. Ob es zu Prügeleien mit anderen Frauen außerhalb des Hauses gekommen sei, fragt der Richter stellvertretend für Detlev Binder. Ja, sagt Angelika W., mit einer anderen Freundin von Wilfried W. aus Detmold. Sie soll die erste sein, gegen die die 47-Jährige Gewalt angewendet hat. Das wiederum will der Verteidiger von Wilfried W. nicht glauben und bringt weitere Namen ins Spiel: »Was ist mit einer Petra aus Warburg? Was mit einer Heike aus Bielefeld?«

»Willi« war tabu

13.58 Uhr. Nun geht es um die Spitznamen, die die Frauen für Wilfried W. gefunden haben. Die große Mehrheit der Frauen habe ihn »Hase« genannt. Diese Übereinstimmung habe sie interessant gefunden. »Willi« habe der Angeklagte gar nicht genannt werden wollen.

14.05 Uhr. Wilfried W. habe auf dem Dachboden etwa 45.000 Euro versteckt, sagt Angelika W. Davon sollen die anderen Frauen nicht gewusst haben.

14.14 Uhr. In einem Waffengeschäft in Höxter habe sie Handschellen für 45 Euro gekauft, sagt Angelika W. In einer früheren Aussage habe die Angeklagte gesagt, Wilfried habe die Handschellen besorgt, wirft Detlev Binder ein. Die Angeklagte: »Er hat mich hingeschickt mit Geld aus seinem Portemonnaie«

14.24 Uhr. Einmal sei Anika zu ihr gekommen und habe darum gebeten, die Handschellen auf Wilfrieds Wunsch hin wegzulassen. Damit habe Wilfried sie aber nur testen wollen, sagt die Angeklagte. Der Bitte habe sie entsprechend keine Folge geleistet. 

14.41 Uhr. Wilfried sei irgendwann zu ihr gekommen und habe gefragt, ob es nicht besser sei, mal wegen Anikas Verletzungen an den Handgelenken zum Arzt zu gehen, sagt Angelika W. aus. Auf ihren Einwand hin, dass es keine plausible andere Erklärung für diese Art der Verletzung gebe, habe er von dieser Idee abgelassen.

15.10 Uhr. Roland Weber, Rechtsbeistand der Nebenklägerin und Mutter von Opfer Anika W. will wissen, ob es noch Dinge gibt, die die Angeklagte noch nicht preisgegeben hat. »Dürfen wir im Laufe des Prozesses noch Korrekturen von ihnen erwarten?«. Es werde noch Korrekturen bezogen auf die erste Vernehmung geben, sagt Angelika W. Was sie aber heute sage, sei die Wahrheit, sagt Angelika W. Ob sie »los sei« von Wilfried W., Tragtier Anwalt Peter Müllner. »Ja«, sagt die Angeklagte.

Glutamat, damit die Handgelenke anschwellen

15.19 Uhr. Wilfried W. habe Anika Glutamat ins Essen gemischt, damit zur Strafe deren Handgelenke anschwellen sollten. Das habe sie gesehen. Außerdem habe sie es auf seine Anweisungen hin, ihr das Pulver ins Essen gerührt. Wilfried habe oft chinesisch gekocht, deshalb sei Glutamat immer im Hause gewesen.

15.25 Uhr. Anika habe laut Angeklagter nichts gewusst vom Glutamat im Essen. Anika habe in dem Moment also auch gar nicht gewusst, dass sie bestraft wird, bemerkt Roland Weber. Für Wilfried sei das alleinige Wissen eine Genugtuung gewesen, sagt Angelika W. Für sie selbst sei es eine Genugtuung für ihn gewesen.

15.30 Uhr. Der Tagesablauf im Haus in Bosseborn sei durch Anika verzögert worden. »Sie war irgendwie wie ein Klotz am Bein«, sagt Angelika W.

15.41 Uhr. Intellektuell sei Anika W. ihr leicht unterlegen gewesen, Wilfried gegenüber jedoch überlegen, gibt die Angeklagte eine Einschätzung.

15.53 Uhr. Von Gutachter Professor Michael Osterheider nach der Bedeutung der Autos für Wilfried gefragt, antwortet die Angeklagte: Innerhalb eines Jahres seien 50 bis 60 Autos gekauft worden. Sie habe diese Wagen zumeist Probe gefahren. Vom Trabbi über den Mercedes, ein Lkw und ein Wohnmobil: »Alles was vier Räder hatte war dabei.«   

16.01 Uhr. Die Psychiaterin Nahlah Saimeh fragt die Angeklagte nach den Eigenschaften von Wilfried W., die sie letztlich hätten bei ihm bleiben lassen. Ganz zu Anfang sei er fürsorglich und empfindsam gewesen, sagt Angelika W. Heute halte sie ihn für berechnend und eiskalt.

16.09 Uhr. Angelika W. sei es wichtig gewesen, von Wilfried nicht vor die Tür gesetzt zu werden. Was also, wenn er - vor der Zeit in Bosseborn - andere Frauen traf und sie alleine in ihrer Wohnung saß, will Saimeh wissen. »Es war komisch, aber dann fing ich immer an zu heulen«, so die Angeklagte. Es sei aber im Nachhinein betrachtet eine Reaktion auf das Abfallen eines Drucks gewesen. 

»Mindestens eine Sechs minus«

16.15 Uhr. Warum sie 17 Jahre lang bei ihm geblieben ist, will die Psychiaterin wissen. Sie sei in diesen ganzen Jahren immer darauf bedacht gewesen, verschiedene Punkte zu erfüllen. Dazu hätten das Besorgen eines Führerscheins für Wilfried W., der nie einen gemacht hatte,  sowie das Finden einer Frau für ihn gezählt. »Ich war mit meinen Aufgaben noch nicht fertig.« »Welche Schulnote würden sie den Jahren geben?« fragt Saimeh. »Mindestens eine Sechs minus«, antwortet Angelika W. Saimeh: »Und vor einem Jahr? »Da hätte ich vielleicht gesagt 'ne Drei.«

16.27 Uhr. Der sechste Verhandlungstag im Bosseborn-Prozess ist beendet.

Der Prozess wird am 10. Januar 2017 fortgesetzt.

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