Di., 10.01.2017

Am sieben Prozesstag schildert Angelika W. erneut, wie sie die Leiche von Anika W.entsorgt hat Liveticker im Bosseborn-Prozess: »Für mich war das damals Stress pur«

Der siebte Prozesstag hat begonnen.

Der siebte Prozesstag hat begonnen. Foto: Ludmilla Ostermann

Von Ludmilla Ostermann

Paderborn/Höxter (WB). Der erste Prozesstag um das »Horror-Haus« von Bosseborn im neuen Jahr hat begonnen. Die Angeklagte Angelika W. schildert detailliert, was mit der Leiche von Anika W. passierte. Trauer über den Tod der Frau habe sie nie empfunden, sagt sie vor Gericht.

9.13 Uhr. Mit Verspätung wird die Befragung fortgesetzt. Richter Bernd Emminghaus möchte mehr Details zur Nacht vor dem Tod von Anika W. wissen. In einer früheren Aussage vor Gericht hatte Angelika W. berichtet, in der Nacht vor ihrem Tod sei das Opfer vor dem Haus in Bosseborn umgefallen und sei mit dem Kopf aufgeschlagen. 

9.22 Uhr. Sie habe die Verletzung als nicht so schlimm angesehen, sagt Angelika W. »Sie hatte eine sehr hohe Schmerzgrenze«. Am 3. August 2014 starb Anika W. Für sie sei der Tod der Frau »ein Problem von vielen« gewesen, sagt die Angeklagte.

9.26 Uhr. Das Paar habe überlegt, wie mit der Leiche umzugehen sei. Ein Vorschlag von Wilfried W. seien gewesen, den Körper »in den Mist« zu werfen. Sie habe gewusst, dass es ihre Aufgabe gewesen sei, sich um die Leiche zu kümmern. »Wilfried und arbeiten - das sind zwei Welten«, sagt Angelika W.

9.34 Uhr. Wilfried hätte die Tote nie angefasst, sagt die Angeklagte aus. Also habe sie die Kühltruhe im Haus in Bosseborn ausgeräumt. Allerdings sei es ihr unmöglich gewesen, die Tote in die Truhe zu heben. Mithilfe eines Bettlakens habe das Paar die Leihe von Anika W. hineingelegt.

»Ich habe sie nicht toll gefunden oder hübsch«

9.42 Uhr. Um den Kopf der Toten habe sie eine Mülltüte gewickelt. Man habe ja schließlich Zeit miteinander verbracht. »Ich hab sie nicht toll gefunden oder hübsch, aber man hat sich aneinander gewöhnt.«

9.47 Uhr. Die erste Zeit, in der Anika W. in der Kühltruhe lag, hätten Wilfried und sie sich außerhalb von Bosseborn aufhalten. Er habe Angst gehabt, dass die Mutter der Toten vor der Tür stehen könnte. 

9.51 Uhr. Sigrid K., die als Zuhörerin im Gericht ist, glaubte eineinhalb Jahre nach dem Tod ihrer Tochter, Anika W. sei noch lebendig. Während dieser Zeit habe sie den SMS-Verkehr anstelle des Opfers aufrecht erhalten. 

9.56 Uhr. Angelika W. erzählt nun detailliert, wie sie das Opfer Anika W. mit einer Säge zerteilte. Sie sei teilweise nassgeschwitzt gewesen, berichtet sie mit emotionsloser Stimme.

10.01 Uhr. Mit einem Schweinekotelett im Ofen habe sie zunächst getestet, wie sich Fleisch beim Verbrennen verhält. 

10.05 Uhr. In einem Eimer habe sie die Asche von Anika gesammelt. »Weil ich Bedenken hatte, dass noch Knochen oder Zähne übrig geblieben sind.«

»Bist du denn bescheuert?«

10.10 Uhr. Wilfried W. habe vorgeschlagen, die Asche rund ums Haus zu verstreuen. »Da habe ich zum ersten Mal sowas gesagt wie ›Bist du denn bescheuert?‹«. Sie habe es gerne ordentlich zuhause. 

10.17 Uhr. Richter Emminghaus möchte auf eine frühere Aussage Angelika W.s eingehen, nach der Wilfried W. sie beinahe ertränkt habe. Die Angeklagte erzählt: Er habe sie mit Wasser überschüttet, sodass sie keine Luft mehr bekommen habe. Er habe ihren Kopf auch des öfteren in Wassereimer gedrückt. Diese Praxis habe er »Tauch-Alte« genannt.  

10.59 Uhr. Das Gericht hat nach einer Pause mit Tonproblemen zu kämpfen. Aus den Lautsprechern dröhnt ein Rauschen. Es muss zunächst ohne Mikrofone weitergehen.

11.02 Uhr. Zum Tod von Anika W.sagt die Angeklagte: »Ich hatte nicht damit gerechnet und habe das auch nicht vorgehabt.«

11.17 Uhr. Wilfried W. habe schon immer ein Interesse an Beerdigungen und Krematorien gehabt, erzählt die Angeklagte in einem Exkurs. Im Spanien-Urlaub sei er mit ihr Friedhöfe besichtigen gewesen. »Normalerweise geht man ja ans Meer wenn man in Spanien ist«, sagt Angelika W.  Sie habe sich dabei aber nichts gedacht. Das Interesse sei so weit gegangen, dass Wilfried vorhatte, in einem Krematorium zu arbeiten.

»Für mich war das damals Stress pur«

11.26 Uhr. Die Psychiaterin Nahlah Saimeh möchte wissen, welche Empfindung die Angeklagte bei der Zerteilung von Anika verspürte: »Für mich war das damals Stress pur«. Sie sei zum Teil genervt gewesen, weil er sie immer wieder von dieser Arbeit abgehalten hatte. Trauer um Anika habe sie gar nicht empfunden.

11.30 Uhr. Einmal habe sie allerdings geheult. Das sei aber gewesen, weil sie das Gefühl gehabt habe, ihr Wort gegenüber Wilfried, die Leiche zu entsorgen, nicht halten zu können. 

11.43 Uhr. Richter Emminghaus verliest nun die Fragen von Anwalt Detlev Binder, dem Anwalt von Wilfried W. Wie bereits an den Verhandlungstagen zuvor beantwortet Angelika W. die Fragen Binders nicht direkt.

12.11 Uhr. Wilfried habe sie nach Anikas Tod gefragt, ob die Angeklagte die Mutter des Opfers per SMS noch einmal um Geld bitten könne. Das habe sie aber nicht getan. »Man schrieb mal ne nette SMS zu Ostern oder zum Geburtstag«, aber dann plötzlich um 10.000 Euro zu bitten, das sei ihr zu heikel gewesen.

12.15 Uhr. Die Anklageschrift habe sie überrascht, sagt die Angeklagte. Sie habe maximal mit dem Vorwurf des Totschlags gerechnet, nicht mit einer Mordanklage.

12.20 Uhr. Detlev Binder kritisiert die Fragestellung von Psychiaterin Nahlah Saimeh als zu führend, bittet um offenere Fragen. Sie weist die Kritik zurück. »Für mich gibt es kein richtig und kein falsch, ich bin da völlig leidenschaftslos«, sagt sie und erklärt ihr Handwerk. Sie wolle lediglich überprüfen, ob die Angeklagte Antworten gebe, die sich decken mit der Diagnose, die sie als Sachverständige bereits herausgearbeitet hat.

12.26 Uhr. Mittagspause im Bosseborn-Prozess.

»Mir war lieber, sie wieder im Haus zu haben«

13.16 Uhr. Nach der Pause geht es um das zweite Opfer, Susanne F. Sie war die erste Frau nach Anika, die im Haus in Bosseborn eingezogen ist.

13.27 Uhr. Anfang Februar 2016 habe Wilfried das spätere Opfer zum ersten Mal in dessen Heimat Bad Gandersheim getroffen. Er sei recht erfreut gewesen, sagt Angelika W. Ihm sei aber aufgestoßen, dass Susanne ein freundschaftliches Verhältnis zu einem männlichen Nachbarn pflegte.

13.34 Uhr. Mitte Februar zog Susanne nach Bosseborn, wenige Wochen später wieder zurück. »Warum?«, will Richter Bernd Emminghaus wissen. Es habe wieder tagelang Diskussionen gegeben. 

13.43 Uhr. Während dieser Zeit sei Wilfried W. ihr gegenüber übergriffig geworden. »Mir war lieber, sie wieder im Haus zu haben«, sagt Angelika W. 

13.47 Uhr. Susanne F. habe sich schließlich davon überzeugen lassen, wieder einzuziehen. 

13.52 Uhr. Mehrfache Toilettengänge in der Nacht hätten Wilfried massiv gestört, sagt die Angeklagte. Im Gegensatz zu Anika sei Susanne aber niemals irgendwo festgebunden worden, beteuert Angelika W.

Kopf an die Wand gestoßen, Finger umgebogen, seinen Urin trinken lassen

13.57 Uhr. Ob ihr nie der Gedanke gekommen sei, dass die Sache genauso enden könnte wie mit Anika, will Richter Emminghaus wissen. Nein, sagt Angelika W. 

14.05 Uhr. Angelika W. liest eine Liste mit Misshandlungen vor, die Wilfried an Susanne F. verübt haben soll: »(…) mit der Hand gewürgt, das Essen absichtlich versalzen, Kopf an die Wand gestoßen, Finger umgebogen, seinen Urin trinken lassen, (…)«

14.11 Uhr. Auch sie habe Susanne einmal verbrüht oder sie mit einem heißen Feuerhaken bedroht. Einmal habe sie sich mit beiden Füßen auf ihren Bauch gestellt. Wilfried habe diese Situation sogar gefilmt. 

14.18 Uhr. Susanne sei zwei bis viermal in der Woche gewürgt worden, schildert die Angeklagte.

14.28 Uhr. Vom Richter angesprochen auf Schläge, die das Opfer am Kopf habe einstecken müssen, rechtfertigt sich die Angeklagte: Sie selbst habe unzählige Male Schläge mit Besenstielen oder Brennholz gegen den Kopf bekommen. »Ich habe das ja auch überlebt.«

»Seit 17 Jahren kennt man den Bengel«

14.33 Uhr. Susanne F. habe schließlich den Wunsch geäußert, nach Bad Gandersheim zurückzuwollen. Angelika W. beschreibt noch einmal die Vorbereitung der Fahrt, die schließlich alles zutage brachte. »Weil sie sich öfter eingenässt hat, habe ich gebe Säcke auf den Rücksitz gelegt.«

14.38 Uhr. Als Ziel habe sie ursprünglich eine Klinik in Bad Gandersheim ins Navigationssystem eingetippt. »Das war meine Idee«, sagt sie. Die habe sie ihm aber nicht mitgeteilt. »Ich habe genau gewusst: Seit 17 Jahren kennt man den Bengel, dann wären wir garnicht erst losgefahren.« 

14.49 Uhr. Im Auto habe Susanne F. zu krampfen begonnen. Sie habe dann einen Krankenwagen gerufen. Wilfried habe zugestimmt.

14.52 Uhr. »Ich wollte einfach, dass sie Hilfe bekommt«, sagt Angelika W. Sie habe nicht darüber nachgedacht, ob die ganze Sache hätte auffliegen können.

15.03 Uhr. Nachdem Susanne F. im Krankenhaus verstorben war, habe sie die Nachricht kurz umgehauen. Dann habe sie aber weitergemacht, wie bisher, sagt Angelika W. 

15.35 Uhr. Nach kurzer Unterbrechung werden erneut die Fragen des Verteidigers Detev Binders von Richter Emminghaus verlesen.  Angelika W. beantwortet die Fragen detailliert.

15.49 Uhr. Die Sitzung ist beendet - früher als sonst. Der nächste Prozesstag findet am 17. Januar statt.

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