Do., 26.01.2017

Was für ein Mensch ist die Angeklagte Angelika W.? Versuch einer Annäherung

Angelika W. und ihr Verteidiger Peter Wüller, der mit WESTFALEN-BLATT-Reporter Christian Althoff spricht.

Angelika W. und ihr Verteidiger Peter Wüller, der mit WESTFALEN-BLATT-Reporter Christian Althoff spricht. Foto: Oliver Schwabe

Von Christian Althoff

Paderborn (WB). Am Samstag wurde Angelika W. 48 Jahre alt. Obwohl die Angeklagte seit Monaten im Zentrum des Mordprozesses um das »Horror-Haus« von Höxter steht, fällt es schwer, ihr Inneres zu ergründen.

Sie sei ein Mädchen vom Lande gewesen, hatte ihr Verteidiger Peter Wüller im Oktober vor dem Prozess gesagt – eine Frau, die durch ihren Ehemann Wilfried aus der Bahn geworfen worden sei und nun wieder in ihr altes Leben zurückkehren wolle.

Wenn das so sein sollte, dann wird es ein sehr langer Weg. An jenen sieben Verhandlungstagen, die von den stundenlangen Aussagen der Angeklagten dominiert wurden, lernten die Zuschauer eine Frau kennen, die nahezu jedes Mitgefühl vermissen lässt. Und doch blitzt ab und zu so etwas wie Menschlichkeit auf, etwa als Angelika W. klarstellte, dass das misshandelte Opfer Anika W. (33) nicht, wie es in den Akten steht, am 1. August 2014 gestorben sei, sondern am 3. August. »Der Todestag ist vielleicht für Anikas Mutter wichtig«, sagte die Angeklagte und blickte die Nebenklägerin an.

»Tu sie nach die Schweine«

Jeder Versuch, Angelika W. in eine Schublade zu stecken, misslingt. Mal drückt sich die Frau, der ein überdurchschnittlicher Intelligenzquotient von 120 attestiert worden sein soll, gewählt aus und benutzt Wörter wie »akkurat« und »zirkulieren«, dann nennt sie einen abgetrennten Unterschenkel »das Ding« oder sagt Sätze wie: »Ich hab’ zu Wilfried gesagt: Tu sie nach die Schweine«, womit sie meinte, dass ein Opfer im Schweinestall angekettet werden sollte.

Angelika W. ist eine Frau mit zwei Gesichtern, zwei Leben. Als Jugendliche auf dem elterlichen Hof in Bad Salzuflen ging sie nicht eher ins Bett, bis sie ihr letztes Kätzchen eingefangen hatte und sicher im Haus wusste. Sie habe als Kind geweint, erzählte sie, als ihr Vater sie aufgefordert habe, Kühe mit Schlägen auf den Hintern zum Hof zu treiben. Später, als sie mit Wilfried W. verheiratet war, tötete Angelika W. eine Katze, indem sie sie in den Wäschetrockner steckte. Sie erdrosselte eine Hündin mit einem Strick und schoss auf eine andere. Sie habe Angst gehabt, irgendwann von Wilfried gezwungen zu werden, auch ihr Kind einmal so töten zu müssen wie diese Tiere, sagte die Angeklagte. »Deshalb habe ich unsere Tochter abgetrieben.«

Detailversessen

Angelika W. ist detailversessen, und sie hat ein sehr gutes Gedächtnis. Als sie an den ersten Prozesstagen stundenlang zu ihrer Jugend und den späteren Jahren im »Horror-Haus« aussagte, kam es zu einem seltenen Phänomen: Die Richter, der Oberstaatsanwalt, die Nebenklageanwälte und die Verteidiger – sie alle hatten kaum Nachfragen.

Denn anders, als Angeklagte es oft tun, hatte Angelika W. keinen groben Plot erzählt, sondern eine chronologische, mit exakten Daten, Kleinigkeiten und Randnotizen gespickte Geschichte, die kaum Lücken zu haben schien. Selbst unwichtige Einzelheiten wie das Geburtsdatum des Sohnes ihres Lehrherrn erwähnte die Gärtnerin, obwohl sie zu dem Mann wohl nie eine engere Beziehung hatte.

Wie ein Rechtsmediziner

Wilfried W. Foto: Oliver Schwabe

Es fällt Angelika W. leicht, das alles über Stunden flüssig vorzutragen, ohne in die Akten zu schauen, die zwischen ihr und ihrem Verteidiger liegen. Sie stockt auch nicht an den Stellen, an denen es brutal, grausam und unmenschlich wird. Foltermethoden, die Wunden der Opfer und das Zersägen einer Frau beschreibt sie fast schon mit der Distanz und Genauigkeit eines Rechtsmediziners, und ihre Stimme bleibt dabei völlig unbewegt. Dabei hat die Angeklagte durchaus ein Gespür dafür, wie ihre Aussage auf ihr Publikum wirkt.

Nachdem sie plastisch beschrieben hatte, wie sie Anika W. 2014 zerteilt hatte, sah sie die Zuschauer an und sagte: »Die Öffentlichkeit wundert sich wahrscheinlich über meine Eiseskälte. Aber ich hatte bis heute nie die Möglichkeit, Abstand zu gewinnen. Wilfried sprach jeden Tag von neuem über die Beseitigung der Leiche, weil er von mir bestätigt haben wollte, dass wir alles richtig gemacht haben.«

Ihre Wunde ist das Maß der Dinge

Auch sich selbst gegenüber kann Angelika W. hart sein. Die gewaltige, tief ins Fleisch gehende Brandwunde, die ihr Wilfried W. mit heißem Wasser zugefügt haben soll und die in einer Spezialklinik hätte versorgt werden müssen, deckte sie einfach mit Plastiktüten ab und ertrug die Schmerzen über Jahre. Diese Leidensfähigkeit wurde für sie zum Maßstab für das, was andere Frauen am Saatweg 6 in Höxter ertragen mussten. Immer wieder, wenn im Prozess Verletzungen von Opfern zur Sprache kommen, nimmt Angelika W. Bezug auf ihre Brandwunde, um die Schmerzen anderer Frauen zu relativieren.

Halten, was man einmal versprochen hat – das ist ein weiterer Maßstab, an dem Angelika W. die Frauen maß. Immer wieder betont sie, dass sie solche Werte als Lehrmädchen in der Gemüsegärtnerei beigebracht bekommen habe. Halten, was man versprochen hat – im »Horror-Haus« diente ihr dieser Anspruch als Rechtfertigung für das Quälen von Frauen. »Sie hatten Wilfried versprochen, seine Regeln einzuhalten, aber sie taten es nicht«, sagte sie wiederholt.

Warum blieb sie bei Wilfried W.?

Warum Angelika W. dem wohl sadistisch veranlagten und ihr intellektuell unterlegenen Wilfried W. jahrelang so ergeben war – das hat sie bis heute nicht schlüssig erklärt. Sie sei nicht seine Traumfrau gewesen, habe ihn Jahre seines Lebens gekostet und sich deshalb verpflichtet gefühlt, eine neue Frau für ihn zu finden, sagte sie einmal.

Die Frauen, die sie fand, nennt sie »Bettgenossinnen« oder »Kennenlerndamen«. »Hätten Sie wirklich alles für Wilfried getan?«, fragte die Gutachterin Nahlah Saimeh einmal. Angelika W. dachte kurz nach und antwortete: »Nicht alles. Wenn er gesagt hätte, ich soll den Hof meiner Eltern anzünden oder das Grab meines Vaters zerstören – das hätte ich nicht gemacht.«

Kommentare

Bitte !!!

Bitte....liebe "schreibende Zunft" !

Es interessiert sicher den Großteil aller WB-Lokalteil-Leser und auch eine große Anzahl der überregionalen Leser, was sich im Fall "Horror-Haus" so tut.
Was mich, und bestimmt auch viele anderen Leser, aber bestimmt nicht interessiert, sind die immer wiederkehrenden Fotos der beiden "Stars dieses Falles". Besonders die auf jedem Foto gleich und verachtend grinsende Angelika W. ist eine Zumutung ! Mir würde als Fotograf speiübel beim Versuch diese zu fotografieren. Gebt diesen Bestien doch kein Forum !!
In Hoffnung demnächst nur noch die Namen zu lesen (auch dieses reicht schon völlig),
mit freundlichen Gruß und bittend

Carsten B

1 Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Mehr zum Thema

Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4585748?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F4078537%2F