So., 29.01.2017

Doch Bewohner halten sich mit öffentlichen Äußerungen zurück Der Schock in Bosseborn sitzt noch tief

Winter in Bosseborn: Neun Monate ist es jetzt her, dass die Taten des Paares bekannt wurden.

Winter in Bosseborn: Neun Monate ist es jetzt her, dass die Taten des Paares bekannt wurden.

Von Sabine Robrecht

Bosseborn (WB). Auch wenn die Taten des »Horror-Paares« nicht mehr das Topgesprächsthema im Dorf sind, ist das Grauen vor der eigenen Haustür noch längst nicht vergessen. Der Schock bei den Dorfbewohnern sitzt noch tief. Nur reden möchten sie nicht – zumindest nicht vor laufenden Kameras und Mikrofonen.

Entsprechend gering war die Resonanz aus Bosseborn , als der Radiosender WDR  5 diesen schlimmsten Fall der jüngeren Kriminalgeschichte zum »Stadtgespräch« erklärte und im Rathaus in Höxter ein live übertragenes Diskussionsforum mit Experten anbot.

Fünf Dorfbewohner im Publikum, eine Ärztin, die 2010 zugezogen ist, auf dem Podium: Der Sender stieß – zumindest was Bosseborns Dorfbewohner angeht – nur auf reservierte Zurückhaltung.

Drei Frauen aus dem Ort brachen dann im Rathaus das Schweigen – allerdings erst nach der Sendung und ohne Namensnennung. Im Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT stand vor ihrem geistigen Auge der Ausnahmezustand nach der Festnahme des Folterpaares: »Man konnte nicht in den Garten gehen, ohne von Reportern angesprochen zu werden«, sagt eine Frau. »Für die Kinder war es schlimm«, ergänzt sie. »Ihnen war es wichtig, zu wissen, dass die Menschen, die so etwas Furchtbares getan haben, nicht mehr da sind.«

»Aufgemacht hat niemand«

Als Sternsinger hatten Kinder der Frauen vor dem Bekanntwerden der Verbrechen auch am Haus Saatweg 6 geklingelt. »Aufgemacht hat niemand.« Im Nachhinein läuft Kindern und Eltern ein kalter Schauer über den Rücken.

Hätten die direkten Nachbarn etwas merken müssen? Um diese Frage kreiste beim »Stadtgespräch« die Diskussion. Ein Höxteraner im Publikum, der in Bosseborn regelmäßig mit seinem Hund spazieren geht, sagt eindeutig Ja.

»Vielleicht haben Nachbarn etwas mitgekriegt und Angst bekommen«, vermutet Dr. Renate Flechsig, die Dorfbewohnerin auf dem Podium. »Ich habe gehört, dass vor allem der Mann sehr frech war und die Leute eingeschüchtert hat.« Sie selbst wohnt zwei Straßen weiter und ist den ganzen Tag weg: Die Allgemeinmedizinerin praktiziert in Dalhausen bei Beverungen. »Deshalb habe ich nichts mitbekommen.«

»Die Tarnung war perfekt«

Auch Bürgermeister Alexander Fischer hat von aggressiven Reaktionen des Angeklagten auf ein freundliches Hallo von Nachbarn gehört. Er bat, was Anschuldigungen angeht, um Zurückhaltung: »Ich glaube, dass man nichts mitbekommen hat. Das Paar war oft nachts unterwegs. Die Tarnung war perfekt«, sagt er in der von Judith Schulte-Loh und Stefan Leiwen moderierten Radiosendung.

Außerdem habe zum Beispiel beim Anblick der kurz geschorenen Haare der Frauen niemand auch nur im entferntesten erahnen können, was dahinter steckt.

Diese abscheulichen Verbrechen »hätten überall passieren können«, sagte Fischer. Höxter und Bosseborn trügen daher keinen Makel. Trotzdem müsse kein Bosseborner mehr, der in den Urlaub fährt, die Lage seines Heimatortes erklären, berichten die drei Frauen. Der Ort trage den Stempel »Horrordorf«. »Das liegt an der Sensationsberichterstattung vieler Medien«, sagt Fischer.

»Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht«

»Die Medien bedienen ein Informations- und Unterhaltungsinteresse«, erläutert der Psychologe Professor Thomas Bliesener vom Kriminologischen Forschungsinstitut Hannover aus Sicht des auswärtigen Publikums. Mord im Fernsehen und im Kriminalroman riefen in den Menschen einen »Kitzel« hervor. Gern würden sie sich dann aber zurücklehnen und in Sicherheit wiegen, weil das Grauen ja weit weg sei.

Das konnten die Bosseborner nicht. Das Unfassbare geschah mitten unter ihnen und sei geradezu in das Leben der Menschen eingebrochen, sagt die Philosophin Rita Molzberger. Und die Medienmaschinerie gleich mit. »Es braucht eine lange Zeit, das Geschehen zu reflektieren. Auf diesen Faktor können die Medien nicht immer angemessen reagieren.«

Molzberger rät der Dorfgemeinschaft dazu, in die Zukunft zu schauen und – wenn das gewünscht ist – Gesprächsmöglichkeiten zu schaffen. Bürgermeister Fischer zweifelt am Bedarf. Für Prävention und die gebotene Wachsamkeit von Nachbarschaften gebe es keine allgemeinen Rezepte, meinte Bliesener. »Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht.«

 

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