Di., 31.01.2017

Tag neun im Prozess um das »Horror-Haus«: Erstmals kommen Nachbarn zu Wort Liveticker im Bosseborn-Prozess: »Frauen sind ihrer Weiblichkeit beraubt worden«

Angeklagter Wilfried W. und Anwalt Carsten Ernst.

Angeklagter Wilfried W. und Anwalt Carsten Ernst. Foto: Ludmilla Ostermann

Von Ludmilla Ostermann

Paderborn (WB). Bislang stand die Angeklagte Angelika W. im Mittelpunkt am Landgericht Paderborn. Jetzt kommen die ersten Zeugen zu Wort. Die Nachbarn aus Höxter-Bosseborn beschreiben die beiden Angeklagten im Prozess um das »Horror-Haus« als besonders streitsüchtig.

9.18 Uhr. Zunächst sagt Nachbar P. aus. Der gebürtige Bosseborner sagt, das Verhältnis sei nicht gerade nachbarschaftlich gewesen. Gleich nach dem Einzug von Angelika und Wilfried W. in das Haus am Saatweg 6 habe es einen Disput über geparkte Autos gegeben. 

9.22 Uhr. Einmal habe er sich wegen des Lärms einer Kreissäge bei beschwert. Daraufhin habe Angelika W. einen Streit begonnen. Er habe dann mit der Polizei gedroht, woraufhin Wilfried W. ihn gewürgt habe. »Seitdem waren die für uns Luft«, sagt Nachbar P.

9.28 Uhr. Es seien mehrere Frauen in dem Haus in Bosseborn gewesen. Nachbar P. berichtet von einer Frau, die lange bei den Angeklagten gelebt habe (hier ist Anika W. gemeint). Er habe sie selten gesehen, jedoch sei der »menschliche Verfall« bei jeder Begegnung sichtbar gewesen. Während sie zunächst »recht ansehnlich« gewesen sei, sei sie immer weiter heruntergekommen. 

9.32 Uhr. Am Annentag 2014 habe er die Angeklagten und die Frau gesehen. Die Frau sei gefallen. Daraufhin habe Angelika W. ihr einen Tritt gegeben. Wilfried habe sie dann aufgerichtet und ihr ins Auto geholfen. Danach habe er die Frau nie wieder gesehen.

9.36 Uhr. »Herr W. war immer der Macher, der Bestimmer«, sagt Nachbar P. Angelika W. sei das ausführende Organ gewesen.

9.39 Uhr. Anfang März 2016, erinnert sich Nachbar P., sei eine weitere Frau bei den Angeklagten eingezogen (hierbei handelt es sich um das zweite Opfer, Susanne F.). Sie habe er lediglich zweimal gesehen. »Und dann ist ja alles aufgeflogen.«

9.44 Uhr. Nachbar P. beschreibt den Verfall der Frauen: »Sie sind ihrer Weiblichkeit beraubt worden.«

»Wir hatten Angst um Haus und Hof«

9.52 Uhr. Wie oft die Nachbarschaft zu den Angeklagten Thema war, will Wilfried W.s Verteidiger Carsten Erst wissen. Wann immer etwas vorgefallen sei, sagt P. »Wir hatten Angst um Haus und Hof«, beschreibt er das Verhältnis.  

9.57 Uhr. Nun sagt die Ehefrau des Nachbarn P. über die Zeit aus, in der Opfer Anika W. bei den Angeklagten wohnte. Die Zeugin berichtet von zwei Hunden, die die Frau mitgebracht habe. Irgendwann sei einer verschwunden gewesen.

10.04 Uhr. Sie habe das Gefühl gehabt, dass die Angeklagten auf der Suche nach Streit gewesen seien. Als ihr Mann gewürgt worden sei, habe sie eine Woche danach nicht schlafen können. »Diese Augen werde ich nie vergessen«, sagt Nachbarin P.

10.11 Uhr. Richter Bernd Emminghaus will noch einmal auf die Situation am Annentag 2014 eingehen, als Anika W. gefallen war. Wer der Böse in dieser Situation gewesen sei, will er wissen. Dazu kann die Zeugin aber keine Angaben machen.

10.14 Uhr. Auch Zeugin P. erinnert sich wie auch ihr Ehemann an eine optische Veränderung von Anika W. im Laufe der Zeit. Das macht die Nachbarin an den Haaren des Opfers fest, das immer kürzer wurde.

10.19 Uhr. Von Angelika W. habe es Beschimpfungen gegenüber ihrer Familie gegeben, sagt Nachbarin P. aus. An genaue Wortlaute kann sich die Zeugin aber nicht erinnern. 

»Die hat ja nur gelogen«

10.26 Uhr. Nun sagt eine weitere Zeugin aus: die Mutter des Nachbarn P., die unter ihrem Sohn im Erdgeschoss des Nachbarhauses lebt.

10.31 Uhr. Auch diese Zeugin geht noch einmal auf den Vorfall des Würgens ein. Wilfried W. sei weggelaufen, als ihr Enkel dazugekommen sei.

10.37 Uhr. Erst durch die Polizei habe sie erfahren, dass Angelika und Wilfried W. keine Geschwister sind. »Die hat ja nur gelogen«, sagt die Zeugin. Mit Wilfried habe sie in der Zeit nicht ein Wort gesprochen.

10.48 Uhr. Die Zeugin berichtet von einer »eleganten Frau«, die einmal auf sie zukam. Diese Frau habe ihr erzählt, im Haus müsse sich einiges ändern, bevor sie dort einziehen würde. Vor allem der Misthaufen vor der Tür sei der Dame ein Dorn im Auge gewesen. Diese Frau sei von Angelika W. am nächsten Tag ausgeschimpft und vom Hof gejagt worden. »Dabei hatte sie sie doch am Tag zuvor selbst geholt.«

10.53 Uhr. Angelika W.s Verteidiger Peter Müller will von der Zeugin eine Schätzung der Zahl der Frauen, die im Haus ein- und ausgegangen sind. Ihre Antwort: »Da sitzt er doch, können Sie ihn doch fragen!« Diese Äußerung sorgt im Gerichtssaal für kurzzeitige Erheiterung, da Wilfried W. sich bis heute nicht zu den Vorwürfen geäußert hat.

10.58 Uhr. Als letzter der Familie sagt nun auch der Vater des ersten Zeugen aus. »Normale Menschen ziehen bei Tag ein. Die sind bei Nacht eingezogen. Wir haben gleich gedacht, die sind von einer Untergrundbewegung«, beschreibt der Senior den Beginn der Nachbarschaft.

»Nur drangsaliert, fünf Jahre lang«

11.02 Uhr. Am Tag hätten die beiden geschlafen, erst gegen 17 Uhr seien die beiden richtig wach geworden und hätten ihn und seine Familie geärgert. »Nur drangsaliert, fünf Jahre lang«, sagt der Nachbar. 

11.14 Uhr. »Kein Postbote, kein Schornsteinfeger kam da rein«, sagt der Nachbar aus. Mit dem Schornsteinfeger habe er sich über die Angeklagten unterhalten. Die beiden seien immer Thema gewesen, erzählt der Zeuge sichtlich emotional.

11.19 Uhr. Nun sagt Nachbarin O. aus, die Nachbarin zur anderen Seite der Angeklagten. »Man merkte von Anfang an, dass sie auf Abstand gingen«, sagt die Zeugin.

11.22 Uhr. Die Seniorin berichtet von einem lautstarken Streit zwischen Angelika ud Wilfried W. Der sei aber derart laut gewesen, dass sie keine Inhalte verstehen haben können. 

11.24 Uhr. In Bezug auf die beiden Opfer habe sie keine detaillierten Beobachtungen machen können. Einmal habe sie eine Frau mit Hunden bei den Nachbarn gesehen, die spazieren ging. 

11.26 Uhr. Wohl habe sie Angelika W. auf ihren verletzten Arm angesprochen. Darüber sei ein kurzes Gespräch entstanden. Am Ende habe sie der Angeklagten Tropfen zum Auftragen mitgegeben.

11.38 Uhr. Das Gericht macht nun Pause. Um 13.30 Uhr geht es weiter mit den nächsten zeugenbefragungen.

Zeugen sind nicht da

13.38 Uhr. Eigentlich sollte es jetzt weiter gehen mit der Zeugenbefragung. Als Zeuge J., der ein ehemaliger Bekannter des Opfers Susanne F. ist, aufgerufen wird, auszusagen, ist dieser jedoch nicht da.

13.49 Uhr. Richter Emminghaus verkündet, dass Zeuge J. heute nicht aussagen wird. Auch ein Taxifahrer, der gehört werden sollte, hat sich krank gemeldet. Die nächste Zeugin ist für 15 Uhr angekündigt. Bis dahin heißt es nun wieder: Pause.

15.01 Uhr. Es gibt Post von Zeuge J.: In einem Schreiben erklärt er, als Nebenkläger auftreten zu wollen, weil er Misshandlungen durch seine Lebensgefährtin erfahren haben will. Zeugin S. aus Bad Gandersheim, die mittlerweile eingetroffen ist, kennt den Zeugen J. und berichtet in einem Exkurs über dessen Beziehung zu jener Frau. Dabei handelt es sich aber nicht um Susanne F.

15.08 Uhr. Zeugin S. beschreibt Susanne F. als freundliche und gepflegte Person. Kennengelernt hatte sie sie über den Zeugen J., der ihr Mieter war. J. und Susanne F. hätten eine Liebesbeziehung gehabt, sagt die Zeugin. 

15.13 Uhr. J. habe dann die Beziehung beenden wollen. Gemeinsam mit dem ehemaligen Lebensgefährten habe sie eine neue Wohnung für das spätere Opfer der Angeklagten gesucht, schildert die Zeugin.

15.19 Uhr. Etwa parallel dazu habe Susanne F. dann Wilfried W. kennengelernt. Während des Umzugs habe sie ständig am Telefon Kontakt zu ihm gehabt. Sie habe damals schon Bedenken bezüglich dessen Person gehabt. 

»Sie hat viel in Kauf genommen«

15.21 Uhr. Mit der Zeit sei der Kontakt zwischen ihr und Susanne immer weniger geworden, sagt Zeugin S. Sie habe sich mehr und mehr abgeschottet. »Sie hat viel in Kauf genommen«, sagt S. in Bezug auf den unbedingten Wunsch von Susanne F., eine Beziehung zu führen. 

15.26 Uhr. »Ich mag den Menschen nicht angucken«, sagt die Zeugin S. im Gerichtssaal über Wilfried W. und fordert: »Der soll sich verantworten«.

15.33 Uhr. Der neunte Prozesstag ist beendet. Am 7. Februar wird der Prozess fortgesetzt.

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