Mi., 01.02.2017

Zeuge beschreibt den Verfall von Frauen – Viele hatten Angst vor Wilfried und Angelika W. – mit Video Bosseborn-Prozess: Was wussten die Nachbarn?

Ein Foto von 2016: Sichtschutzzäune stehen um das Haus am Saatweg 6.

Ein Foto von 2016: Sichtschutzzäune stehen um das Haus am Saatweg 6. Foto: dpa

Von Christian Althoff

Paderborn (WB). »Der menschliche Verfall der Frauen war zu erkennen. Das war nicht mehr das frohe Leben«, sagte Lkw-Mechaniker Udo P. (50). Im Prozess um das »Horror-Haus« von Höxter hat das Paderborner Schwurgericht am Dienstag die direkten Nachbarn befragt.

Dabei wurde deutlich, dass einige regelrecht Angst vor dem Paar hatten und jeder Konfrontation aus dem Weg gehen wollten – und wohl deshalb nicht die Polizei gerufen hatten, als ihnen die geschundenen Frauen aufgefallen waren (Lesen Sie hier auch unseren Live-Ticker zum neunten Prozesstag).

»Die neuen Nachbarn waren Nachtmenschen«

Mehrere Generationen der Familie P. leben im Saatweg 8. Sie haben einen direkten Blick auf den Eingang des Nebenhauses, eines Einfamilienhauses mit Stall. »Mit dem Vormieter sind wir prima ausgekommen. Bei dem sind wir ein- und ausgegangen«, sagte Zeuge Udo P. Das änderte sich 2010, nachdem Wilfried W. (46) und seine Frau Angelika (48) in einer Dezembernacht eingezogen waren – als angebliche Geschwister. »Wilfried wies mich als erstes an, mein Auto anders zu parken«, sagte der 50-Jährige.

Die neuen Nachbarn seien Nachtmenschen gewesen, sagte der Zeuge. »Die schliefen bis mittags, obwohl ihre Tiere schrien.« Irgendwann habe jemand das Ordnungsamt angerufen, das die Tiere abgeholt habe, aber Wilfried W. habe neue angeschafft.

Immer wieder habe es Auseinandersetzungen gegeben. Als an einem Sonntagabend gegen 22 Uhr nebenan eine Kreissäge eingeschaltet worden sei und er sich beschwert habe, sei es zum Eklat gekommen. »Angelika kam ein paar Minuten später zu uns rüber und beschimpfte uns. Plötzlich tauchte auch Wilfried auf. Er ist größer als ich, und er würgte mich mit einer Hand. Seitdem sind die beiden für uns Luft«, sagte der Zeuge. Seine Frau Karin (51) ergänzte: »Diese aufgerissenen Augen, die der Angeklagte hatte, als er meinem Mann an den Hals ging, werde ich nie vergessen. Ich konnte eine Woche nicht schlafen.«

Angst vor dem Paar

Zu den Frauen, die im Nachbarhaus gelebt hatten, sagte Udo P.: »Die waren recht ansehnlich. Nach einiger Zeit waren sie aber nicht mehr so gepflegt. Der menschliche Verfall war erkennbar. Ihr Haar wurde dünner, und sie wurden gebrechlicher. Man hat sie ihrer Weiblichkeit beraubt.«

Im Frühjahr 2013 sei eine Frau mit schulterlangen Haaren eingezogen, erinnerte sich der Zeuge. Er habe sie Anfang August 2014, an Annentag, zum letzten Mal gesehen. »Sie kam aus dem Haus, aber sie konnte nicht mehr laufen. Sie ist gestürzt, und Angelika hat sie getreten und gesagt: ›Steh’ auf du faules Stück!‹. Die konnte sich nicht mehr wehren.« Haare habe die Frau da schon lange nicht mehr gehabt. »Ihr Kopf war fast kahl. Wir dachten, sie hätte vielleicht Läuse gehabt.« Die Frau war Anika W. (33), die damals nur noch Stunden zu leben hatte.

Zeugin Theresia P. (74) sagte, sie habe aus Angst vor dem Paar das Haus immer vorne und hinten abgeschlossen. Dr. Carsten Ernst, einer der Verteidiger von Wilfried W., wollte von der 74-Jährigen wissen, warum sie denn angesichts der kahlgeschorenen Frauen nicht die Polizei gerufen habe. Theresia P.: »Wir hatten einfach Angst, uns mit denen anzulegen. Außerdem habe ich zwei Schwestern, die wegen einer Krankheit auch keine Haare mehr haben.«

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Nach unseren Ermittlungen konnten die Nachbarn nicht ahnen, was dort im Haus vor sich ging.

Oberstaatsanwalt Ralf Meyer

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Auf der anderen Seite des »Horror-Hauses« lebt Hiltrud O. (76), die von ihrem Haus aus allerdings kaum etwas auf dem Nachbargrundstück erkennen kann. »Die beiden sind von Anfang an auf Abstand gegangen«, sagte die Witwe. Einmal habe Angelika W. ihre Blumen gelobt, und sie habe ihr bei anderer Gelegenheit Schwedentropfen und Fettsalbe gegeben. »Sie hielt ihren Arm so komisch und sagte, sie hätte sich verbrannt.« Von misshandelten Frauen, sagte Hiltrud O. in einer Prozesspause zu Reportern, habe sie nie etwas mitbekommen.

Oberstaatsanwalt Ralf Meyer: »Natürlich war den Nachbarn klar, dass da kein gewöhnliches Paar neben ihnen lebte. Nach unseren Ermittlungen konnten sie aber nicht ahnen, was dort im Haus vor sich ging. Deshalb kann man den Nachbarn auch nicht vorwerfen, dass sie damals nicht zur Polizei gegangen sind.«

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