Di., 14.03.2017

Prozesstag 13: Angeklagter im »Horror-Haus«-Prozess bricht sein Schweigen vor dem Landgericht Paderborn Wilfried W. spricht über Missbrauch

Wilfried W. sagt aus.

Wilfried W. sagt aus. Foto: Ann-Christin Lüke

Von Ann-Christin Lüke

Paderborn/Höxter (WB). Immer wieder hat er sich Notizen gemacht, den Kopf geschüttelt, auf seine Anwälte eingeredet. Jetzt spricht der Angeklagte Wilfried W. im »Horror-Haus«-Prozess am Landgericht Paderborn zum ersten Mal selbst.

Seine Ex-Frau Angelika W. hatte die bisherigen Prozesstage mit ihren detailreichen Aussagen rund um die Geschehnisse in Höxter-Bosseborn bestimmt. Nun steht Wilfried W. im Mittelpunkt.

In einer Erklärung von Anwalt Dr. Detlev Binder gibt Wilfried W. zunächst an, er wolle sich nun äußern, damit kein falsches Bild von ihm entstehe. Seine Exfrau und Mitangeklagte Angelika W. habe so viele Gräueltaten gegen ihn vorgebracht. »Ich habe große Sorge, dass durch das ständige Wiederholen ihrer Lügengeschichten ein falsches Bild entstehe«, liest Binder vor.

»Mir ist bewusst, dass ich selber Stellung nehmen muss. Ich weiß, dass ich bei weitem nicht so sprachgewandt bin wie Angelika«, heißt es weiter in der Erklärung. »Ich will meine Ängste überwinden.« Er habe Angst, dass über seine plumpe Art gelacht werde.

Vom Vater misshandelt

Dann spricht Wilfried W. (47) selbst über seinen Lebensweg. Er wuchs in Bochum mit seinen Eltern und seiner Schwester auf. Während er zu seiner Mutter ein gutes Verhältnis gehabt habe, sei die Beziehung zu seinem Vater von Misshandlungen geprägt gewesen.

»Er hat mich geschlagen, alle geschlagen«, sagt er aus. Alkohl habe meistens eine Rolle gespielt. Mehrmals die Woche sei es zu den Schlägen gekommen.

Immer ein Mitläufer

Freunde habe er in der Schulzeit nicht gehabt. Er habe sich gerne mit Tieren umgeben und habe ein gutes Verhältnis zu seinen Lehrern gehabt. Zu seinen Mitschülern dagegen weniger. »Ich wurde immer gehänselt, weil ich gelipselt habe.«

In Bochum habe er eine Sonderschule besucht, die er nach der neunten Klasse verlassen habe. In seiner Freizeit habe er gerne Sport getrieben. Sich selbst beschreibt der Angeklagte als Mitläufer. »Ich war immer der Mitläufer, egal wo ich war.« Auch in der JVA sei das der Fall.

Mit 14 vergewaltigt worden

Nach der Trennung seiner Eltern habe seine Mutter einen neuen Lebenspartner gefunden. Doch immer wenn die Mutter am Wochenende als Krankenschwester gearbeitet habe, habe der Mann ihn zum Spazierengehen geschickt und war mit der Schwester alleine.

Später sei die Schwester zum Spaziergang geschickt worden und Wilfried mit dem Mann alleine gewesen. Er habe Wilfried aufgefordert, sich auszuziehen und mit seinem »Teil« gespielt. Mehrmals die Woche sei es dazu gekommen. Dann habe der Mann ihn vergewaltigt, mehrfach. Da war Wilfried 14 Jahre alt. Die Verhandlung wird unterbrochen. Wilfried W. hat Tränen in den Augen. »Ich kann darüber nicht reden.« Es habe aufgehört, als die Mutter sich trennte, nachdem der Mann sie betrogen habe.

Keinen Kontakt zur Schwester

Auch seine sechs Jahre ältere Schwester habe berichtet, der Mann habe sie vergewaltigt. Die Mutter habe ihm gesagt, dass es eine Beziehung gewesen sei. Dass auch er vergewaltigt worden war, habe er der Mutter nicht gesagt. »Ich habe mich geschämt.«

Zu seiner Schwester habe er seit einigen Jahren keinen Kontakt mehr, berichtet der Angeklagte. Das Verhältnis sei in der Kindheit gut gewesen zwischen den Geschwistern.

Der Liebling seiner Mutter sei aber immer er, Wilfried, gewesen. Das habe manchmal dazu geführt, dass seine Schwester eifersüchtig gewesen sei.

Detlev Binder gibt an, dass Wilfrieds Schwester immer noch in psychologischer Betreuung sei. Zum Fall Bosseborn habe auch sie befragt werden sollen. Sie habe aber von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht. Sie wünsche keinen Kontakt, da sie die Geschehnisse immer noch nicht verarbeitet habe.

Lesen fällt Wilfried W. schwer

Erstmals geht es nun um die Beziehung der beiden Angeklagten: Angelika W. habe er 1999 in Detmold kennengelernt. »Drei Wochen war es super. Dann fing Angelika mit ihrer Wut und Laune an.« Die Wohnung sei ihr zu klein gewesen. Sie wollte zurück zu ihrer Mutter. Interesse für meine Interesse hat sie nie gezeigt. Nur für ihre Gartenarbeit interessiert.

Dann stockt er. Ihm falle das Lesen schwer. Detlev Binder übernimmt. Es sind kurze Stakkatosätze, in einfacher Sprache und mit grammatischen Fehlern. »Wenn ihr was nicht gepasst, hat Angelika angefangen zu schreien.« Auch Detlev Binder hat Mühe, das Geschriebene Vorzutragen.

Getauschte Rollen

Getauschte Rollen: Wilfried sagt aus, Angelika macht Notizen und runzelt die Stirn.

Wilfried W. zeichnet ein anderes Bild von der Beziehung. In der nicht er, sondern sie die Hosen angehabt hätten. »Ich bin nicht der Mann, der den Ton angibt. Meine Frau ist der Boss.« Angelika W. habe ihn oftmals kritisiert. Einmal habe sie ihm gesagt: »Ab jetzt bist du ein Waschlappen. Ich will einen Mann, der zeigt, dass er Mann ist.«

Er gibt an, dass Angelika W. Sehr unreinlich gewesen sein. Die ungepflegten Zähne hätten ihn beim Küssen gestört. Sie habe sich kaum gewaschen.

Eifersucht und Wutanfälle

Sie sei sehr eifersüchtig gewesen. Wenn er zu Annika oder Susanne gehalten habe, sei Angelika gewalttätig geworden. »Sie ist ein Sadist.« Er habe sich nicht gegen Angelika W. Durchsetzen können. Er habe Angst vor ihr gehabt. Das Opfer Annika habe ihn mit ihr nicht allein lassen wollen. Er und Annika wollten auswandern, um neu anzufangen. Nur Angelika habe immer bei ihnen bleiben wollen. Sie seien beide Sonderschüler, die ohne sie nicht klar kämen.

Beide Todesopfer hätten ihm gesagt, dass Angelika die beiden Frauen sexuell genötigt habe. Sie habe ihnen in den Schritt gefasst, sie dazu gezwungen, sie oral zu befriedigen.

»Wir waren wie Kinder. Wir mussten machen, was sie sagte.«

Gutachter am Zug

Der Verhandlungstag ist um kurz nach 11 Uhr beendet. Eine psychische Exploration des Angeklagten soll nun durch den Gutachter Michael Osterheide erfolgen.

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