Do., 16.03.2017

47-Jähriger bricht nach fünf Monaten sein Schweigen und belastet seine Ex-Frau Wilfrieds Wahrheit

Wilfried W. zwischen seinen Verteidigern Dr. Carsten Ernst (l.) und Dr. Detlev Binder.

Wilfried W. zwischen seinen Verteidigern Dr. Carsten Ernst (l.) und Dr. Detlev Binder. Foto: Althoff

Von Christian Althoff

Paderborn (WB). »Sonntags musste meine Mutter immer im Krankenhaus ›Bergmannsheil‹ arbeiten. Dann schickte ihr Lebensgefährte meine Schwester mit unserem Hund raus und vergewaltigte mich. Da war ich 13«, sagt Wilfried W. (47) unter Tränen.

Am 13. Verhandlungstag um die Geschehnisse im »Horror-Haus« von Höxter hat der Mitangeklagte sein Schweigen gebrochen. Ausführlich beschrieb er seine Kindheit und schilderte Episoden aus dem Zusammenleben mit Angelika W. (48). Das Paar steht seit Oktober wegen Mordes in Paderborn vor Gericht. Es soll Frauen in seinem Haus eingesperrt und gequält haben. Zwei Opfer überlebten die Misshandlungen nicht.

Ein leichtes Lispeln ist zu hören, als sich Wilfried W. zum ersten Mal an das Gericht wendet. Seine Stimme klingt überraschend freundlich und sanft und scheint so gar nicht zu dem zu passen, was im »Horror-Haus« passiert ist. Wegen seines Lispelns, sagt er, sei er in der Grundschule gehänselt worden. »Die haben mich geschlagen und bespuckt.«

Er habe nur noch wenig gesprochen und sei auf die Sonderschule gekommen. Auch da sei er gequält worden. »Als der Lehrer nicht hinsah, haben sie mich im Hallenbad unter Wasser gezogen, bis ich bewusstlos war. Der Bademeister hat mich gerettet.« Wilfried W. verlässt die Sonderschule nach der neunten Klasse. Ohne Abschluss.

Sein Vater habe keinen Anlass gebraucht

Der Junge wächst mit seiner sechs Jahre älteren Schwester in Bochum auf. Die Mutter ist Krankenschwester, der Vater Bundesbahner. »Er trank und hat uns drei ständig verprügelt. Er hörte erst auf, wenn wir am Boden lagen und heulten. Ich bin mit blauen Augen und Blutergüssen an den Armen zur Schule gegangen. Da war ich sieben oder acht«, sagt Wilfried W.

Sein Vater habe keinen Anlass gebraucht, oder es seien Nichtigkeiten gewesen. »Es reichte, wenn ich die Regeln nicht einhielt und beim Essen nicht gerade saß oder schmatzte.« Trost findet der kleine Wilfried nur beim Schäferhund und beim Pudel der Familie. »Für die habe ich alles getan.«

Irgendwann zieht die Mutter mit den Kindern zu ihrem neuen Freund Horst. »Der war erst sehr väterlich. Er nahm mich mit in den Hundeverein und zu Autoshows.« Dann habe der Missbrauch begonnen. »Ich musste mich ausziehen, und er hat an mir herumgespielt. Später hat er mich vergewaltigt. Zwei-, dreimal in der Woche«, sagt der Angeklagte, und seine Stimme bricht.

»Ich habe mich nur wie verrückt gewaschen«

Seiner Mutter erzählt er damals nichts. »Ich schämte mich. Ich habe mich nur wie verrückt gewaschen.« Wilfried erfährt von seiner Schwester, dass auch sie von Horst vergewaltigt wird. »Meine Mutter wusste das. Aber sie sagte: ›Das ist kein Missbrauch, die beiden haben ein Verhältnis‹.« Noch heute soll die Schwester in psychologischer Behandlung sein.

Die Gewalt endet erst, als die Mutter auch diesen Mann verlässt und zu ihrem künftigen, zweiten Ehemann auf einen Bauernhof nach Schlangen zieht. Wegen des Umzugs muss Wilfried W. die Ausbildung zum Autoschlosser abbrechen. Er macht eine zweijährige Schulung zum Hundeführer bei der Rheinarmee in Sennelager, kündigt dann aber. »Meine damalige Freundin wollte nicht, dass ich dauernd im Manöver bin.« Er lebt von Aushilfsjobs als Straßenbauer oder Waldarbeiter. Eine dauerhafte Arbeit wird er nie wieder haben. »Der Elan hat gefehlt.«

An dieser Stelle endet Wilfried W.s freie Rede. Er greift zu einem Stapel DIN-A4-Blätter. Er hat niedergeschrieben, wie er Angelika W. kennengelernt und was er mit ihr erlebt hat. Wilfried W. beginnt, das vorzulesen. »Die ersten drei Wochen waren super. Dann begannen Angelikas Launen. Die Wohnung war ihr zu klein.«

Lese- und Rechtschreibschwäche

Die folgenden Sätze sind holperig, voller Grammatikfehler, und manchmal fehlen Anfang oder Ende. Schnell bricht der Angeklagte, der eine Lese- und Rechtschreibschwäche hat, seinen Versuch ab. »Ich kann das nicht«, sagt er und schiebt die Papiere seinem Anwalt Dr. Detlev Binder hinüber.

Der Verteidiger liest laut vor. Er kämpft sich durch den handschriftlichen Text und stockt immer wieder, wenn sich der Sinn nicht zu erschließen scheint. Trotzdem wird schnell deutlich, was Wilfried W. mitteilen möchte: Dass nicht er der Wortführer in der Beziehung war, sondern sie – und dass die Gewalt von Angelika W. ausging.

Als er damals auf Bahnhöfen geputzt und Angelika mitgenommen habe, habe sie ihm in seine Arbeit hineingeredet und bestimmen wollen. »Sie schrie, wenn ihr was nicht passte, und es war ihr egal, ob Fremde das mitbekamen.« Sein Chef habe damals darauf bestanden, dass er seine Frau zu Hause lasse, aber die habe das nicht interessiert. »Sie war der Boss.«

»Sie ist ein Sadist«

Wilfried W. beschreibt die Mitangeklagte als unsauber und ungepflegt, eifersüchtig und aufbrausend. Wenn er im Haus zu den anderen Frauen gehalten habe, sei Angelika gewalttätig geworden. »Sie ist ein Sadist.«

Angelika habe ihn geschubst, ihm zwischen die Beine geschlagen, die Frauen misshandelt und ihnen die Köpfe geschoren. »Ich habe gesagt: ›Es reicht! Was soll das immer?‹ Ich war so traurig, als sie Anika verschandelt hat. Ich mochte ihre langen Haare.« Er habe mit Anika abhauen wollen, »als Altenpfleger oder Hausmeister« nach England oder Spanien. »Aber Angelika sagte: ›Ihr beiden Sonderschüler kommt sowieso nicht alleine klar.‹ Wir waren wie Kinder. Wir haben gehorcht.«

Hat Wilfried W. die Prozessbeteiligten mit seiner Aussage zu Angelika W. überzeugt? »Mich nicht«, sagt Anwalt Roland Weber, der die Mutter der toten Anika W. vertritt. »Er hatte Zeit genug, sich das alles zurechtzulegen.« Und Peter Wüller, Verteidiger von Angelika W., spricht von einer Show. »Wer soll dem das abnehmen?«

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