Di., 21.03.2017

14. Prozesstag im Fall Bosseborn – Angeklagter spricht über Beziehung des Folter-Paares – mit Video Wilfried W.: »Ich wollte weg«

Wilfried W. spricht weiter.

Wilfried W. spricht weiter. Foto: Ann-Christin Lüke

Von Ann-Christin Lüke

Paderborn/Höxter (WB). Nachdem er vor einer Woche sein Schweigen gebrochen hat und Misshandlungen aus seiner Kindheit schilderte, setzt Wilfried W. seine Aussage auch am 14. Tag im »Horror-Haus«-Prozess von Höxter-Bosseborn fort.

Vor dem Landgericht Paderborn geht es an diesem Dienstag um die Beziehung zu seiner Ex-Frau und Mitangeklagten Angelika W. sowie um die Foltervorwürfe gegen das Paar.

»Wann funkte es?«, mit dieser Frage setzt Dr. Detlev Binder die Befragung seines Mandanten Wilfried W. fort. »Sofort am selben Tag«, erinnert sich W. Das sei für ihn überraschend gewesen. »Wir sind ein Eis essen gegangen, sind spazieren gegangen«, spricht er über das erste Treffen.

Das Paar sei noch am selben Tag intim geworden und habe gleich über eine gemeinsame Zukunft gesprochen. Schon tags darauf hätte man Hochzeitspläne geschmiedet. Das war im Januar 1999. Er sei bei der Bundesbahn tätig gewesen, sie als Gärtnerin angestellt.

Hochzeit nach wenigen Wochen

Schnell sei das Paar in eine gemeinsame Wohnung gezogen. Sie habe sich um den Garten gekümmert, er habe gekocht. Etwa sechs Wochen habe es dann bis zur Hochzeit gedauert. Einen klassischen Heiratsantrag habe es nicht gegeben. »Wir wollten nicht alleine sein«, sagt der 47-Jährige über die Gründe.

Zu diesem Zeitpunkt sei Angelika W. aber noch in einer anderen Beziehung gewesen mit einem Kollegen. Wilfried W. gibt an, eifersüchtig gewesen zu sein. Aber die Entscheidung, zu kündigen, habe seine damalige Frau selbst getroffen.

Arbeit sorgt für Ehestreit

Schnell sei Angelika W. in der Wohnung langweilig geworden. Deshalb habe er sie mit zur Arbeit bei der Bundesbahn genommen. Dort habe er Reinigungsarbeiten übernommen, Bahnfahrenden geholfen. Als Springer sei er zwischen Detmold, Paderborn und Bad Salzuflen eingesetzt worden.

»Sie wollte mich immer unter Kontrolle haben«, sagt der Angeklagte über seine Ex_Frau. Sie habe sein Handy kontrolliert, seine Anrufe verfolgt und ihm nachspioniert. Seinen Kollegen habe es missfallen, dass seine Frau ihn ständig zur Arbeit begleitet habe. Aber er habe sich dagegen nicht wehren können. »Sie hatte sowieso ihren eigenen Kopf«, sagt W.

Dann habe es den ersten Ehekrach gegeben. Angelika habe ihm vorschreiben wollen, wie er seine Arbeit machen müsste. Sie habe die Tür zugeschlagen, sodass die Scheibe zerbrach. Daran könne er sich noch gut erinnern.

Sexuelles Interesse nahm ab

»Hat sich das auch auswirkt auf das persönliche Leben?«, möchte Detlev Binder wissen. Etwa zeitgleich habe sich das Paar auch privat gestritten. Auch das sexuelle Interesse von Angelika W. an ihm sei geschwunden. »Es ist kälter geworden«, sagt Wilfried W.

Zu härteren Sexualpraktiken sei es deshalb aber nicht gekommen. Sie habe ihm nur im Streit zwischen die Beine gehauen. Er habe Angelika W. aber nie geschlagen. »Nur angeschnauzt.«

Körperliche Auseinandersetzungen

Als Binder konkret nach körperlichen Auseinandersetzungen fragt, gibt W. doch an, dass auch er mit Dingen nach seiner Frau geworfen habe. Dabei habe Angelika W. auch mal ein blaues Auge davon getragen. Angelika habe sich aber gewehrt. »Sie hat mit einer Pfanne geworfen. Mir eine Ohrfeige gegeben«, sagt der Angeklagte. Er ist schwer zu verstehen, da er sehr leise spricht.

»Ich wollte weg«, sagt Wilfried W. über das Eheleben. Das ständige Streiten und die körperlichen Auseinandersetzungen habe er nicht mehr aushalten können.

Dass er Kontakt zu anderen Frauen gesucht habe, davon wisse er nichts.

»Deckenalte« und »Tittenalte«

Sexuell sei es »normal weg« gelaufen. Der Begriff »Deckenalte« sei nicht durch härtere Sexualpraktiken oder Bestrafungen entstanden, sondern weil Angelika sich immer in Decken eingewickelt habe, ihr sei kalt gewesen. Diese hatte angegeben, Wilfried W. Habe ihr mit Decken die Luft abgeschnürt, um sie zu bestrafen.

Auch die Bestrafung »Tittenbeißen« habe es so nicht gegeben. »Das wollte sie selber.« Er habe das eigentlich gar nicht gewollt, aber dies habe seine damalige Frau sexuell erregt. »Sicher hat es geblutet. Ich wollte das nicht machen. Sie mochte Schmerzen.«

Auszeit

2004 zog Angelika W zu ihrer Mutter, da war das Paar aber bereits geschieden. Die räumliche Trennung sei für ihn dennoch überraschend gewesen, sagt der Angeklagte in einer mühsam geführten Befragung. Das Paar habe aber zuvor über eine Auszeit gesprochen. Die Angeklagte hatte in vorherigen Vernehmungen angegeben, sie sei geflüchtet.

Sie habe bei ihrem Auszug alle Sachen mitgenommen und 1400 Euro.

»Haben Sie nicht gedacht, endlich ist die Alte weg?«, fragt Detlev Binder. Schon, gibt Wilfried W. an. Warum habe er dann weiter den Kontakt gesucht, möchte Binder weiter wissen. »Ich fühlte mich allein. Es war ungewohnt. Ich hätte sie gern wieder gehabt.«

Bei einem Treffen habe Angelika W. ihm dann aber gestanden, einen Fehler begangen zu haben.

Erste Beziehung mit einer anderen Frau

2003 (nach der Scheidung) sei es zum ersten Mal zum Kontakt mit einer anderen Frau gekommen. Diese habe ihn am Bahnhof angesprochen. Sie habe wissen wollen, warum er sich von Angelika W. alles gefallen lasse. Gabriele, so der Name der Frau, habe ihm gesagt, er habe etwas besseres verdient. Die beiden hätten über vier Monate eine Beziehung geführt. »Ich hab das Angelika erzählt. Aber ihr war es egal«, sagt Wilfried W.

»Das kann ich mir gar nicht vorstellen«, sagt Detlev Binder. Aber Angelika sei froh gewesen, dann habe sie ihre Ruhe im Garten, gibt Wilfried W. an. Immer wenn Gabriele zu Besuch gewesen sei, habe Angelika das Haus verlassen.

Getrennt und doch zusammen

Zur Scheidung 2003 sei es auf Wunsch von Angelika W. gekommen. Sie habe keinen Unterhalt für seine Kinder zahlen wollen. Dennoch seien die beiden aus seiner Sicht ein Paar gewesen. Auch als er eine Wohnung in Detmold-Berlebeck (Kreis Lippe) bezog, habe Angeilka jeden Tag bei ihm verbracht. Sie habe ihm angeboten, seine Wäsche zu waschen. Dann spare er Geld.

Auch Sex habe das Paar zu dieser Zeit noch gehabt. »Sie ist immer wieder angekommen«, sagt Wilfried W.

Richter Bernd Emminghaus stellt die Frage, die immer wieder aufkommt: »Wieso haben sie sich nicht getrennt?« Eine richtige Antwort bleibt Wilfried W. Schuldig. Nach mehrmaligem Nachfragen gibt W. Zu, dass auch Geld eine Rolle gespielt habe. Denn Angelika W. Habe Rücklagen gehabt mit denen er sein Hobby hatte ausleben können. Autos.

»Treue war wichtig«

Er habe dann via Zeitungsannonce nach einer neuen Partnerin gesucht. Wilfried W.: »Fürs Leben. Für eine feste Beziehung.« Alter, Beruf und Aussehen seien im nicht so wichtig gewesen. Er habe eine Frau gesucht, die eine langfristige Beziehung mit ihm eingehen wollte. »Treue war wichtig.«

Der Grund, warum auch seine Ex-Frau für ihn Anzeigen aufgesetzt hatte, erklärt der Angeklagte so: »Sie wollte mich loswerden.«

Die Frauen seien auch bei ihm Besuch gewesen. Meist war Angelika W. dabei. Sich als seine Schwester auszugeben, dass sei aber Angelikas Idee gewesen. »Am Anfang sei es ihr recht gewesen«, sagt Wilfried W. über die Treffen mit anderen Frauen. Aber dann sei sie eifersüchtig geworden.

Schließlich habe sich Angelika W. auch mit den Frauen gestritten. Bei seiner dritten Partnerin nach Angelika habe es angefangen. »Sie hat sie geschubst«, sagt der Angeklagte aus. »Bestrafungen das hat sie alles erfunden. Sie hat die Frauen bestraft«, bricht es zwischendurch zu den Foltervorwürfen heraus, durch die im »Horror-Haus« von Höxter-Bosseborn zwei Frauen umgekommen sein sollen.

»Sie hat Gebrauchsanweisungen gegeben, wie ich zu ticken habe. Wollte ich nie, hat sie aber trotzdem gemacht«, sagt der Angeklagte im Bezug darauf, dass Angelika seine Partnerin erziehen wollte.

»Die Frau fürs Leben«

Während er sich in Schlangen mit etwa drei Frauen getroffen habe, seien es in Berlebeck vier weitere Partnerinnen gewissen. Die Beziehungen wurden dabei immer kürzer. Dies habe auch mit den Streitigkeiten zwischen den Frauen und Angelika zu tun gehabt. »Vielen hat es nicht gepasst, dass sie immer da war«, sagt W.

Bei jeder Partnerin habe er gedacht, sie könnte die Frau fürs Leben sein. »Ich wollte nicht alleine sein, glücklich sein, zufrieden sein«, sagt Wilfried W. Auch nach den gescheiterten Beziehungen habe er das nicht in Frage gestellt. Er habe immer positiv gedacht. Zweifel oder Zögern habe es nie gegeben.

Als die Frauen gegangen sind, »war ich traurig. Und dann habe ich gehofft, dass sich wieder eine andere meldet«, W. weiter. Er habe Angelika auch um Rat gefragt. »Sie hat gesagt, ich solle gleich Nägel mit Köpfen machen«, sagt Wilfried W.

Umzug nach Bosseborn

Der Umzug nach Bosseborn soll an diesem Verhandlungstag nur am Rande zum Tragen kommen. Detlev Binder hat noch einen anderen Termin und möchte die Befragung dazu deshalb gerne auf die kommenden Verhandlungstage verschieben.

»Wie kommt man nach drei Jahren räumlicher Trennung auf den Gedanken, wieder zusammenzuziehen?« Das möchte Detlev Binder aber doch von seinem Mandanten über den Umzug nach Höxter-Bosseborn wissen. Dies sei Angelikas Vorschlag gewesen. »So als eine Art WG«, sagt Wilfried W.

Um nicht allein sein zu müssen, habe er Angelika akzeptiert, gibt er schließlich an.

Verbrüht

Zu der schweren Armverletzung Angelikas gibt Wilfried W. An: »Das hat sie selber gemacht, weil sie nicht arbeiten wollte«, sagt er. Sie habe sich schon zuvor immer leichtere Verletzungen zugefügt, um nicht arbeiten zu müssen.

Das habe irgendwann nicht mehr gereicht, so der Angeklagte. Deshalb habe sie ihren Arm selbst verbrüht. Als er ihr Schreien gehört habe, wollte er ihr helfen. Aus Versehen sei er an den falschen Wasserhahn gekommen, so dass weiteres warmes Wasser auf ihren Arm gelaufen sei. Eine Operation lehnte sie aus Angst ab.

2014 habe sie ihn zum ersten Mal mit dem Vorfall erpresst, als er mit Annika W. zusammen war. Sie müsste was in der Hand haben. Sie wollte auch nicht allein sein. Deshalb habe sie damit gedroht, die Verbrühung als eine Tat von ihm, Wilfried, oder Annika darzustellen. »Das haben wir geglaubt?«

Umgang mit Tieren

Haustiere des Paares habe Angelika getötet. Ihr sei das Gassigehen mit seinem Schäferhund zu lästig gewesen. Deshalb habe sie dem Tier die Kehle durchgeschnitten und es vergraben. Pudel des Paares hätte sie ertränkt, den Rottweiler des Opfers Annika W. habe Angelika erdrosselt. »Und dann hat sie auf dem Mist geschmissen. Das habe ich erst gar nicht geglaubt. Aber dann habe ich ihn da liegen gesehen. Da war ich erst mal fertig mit der Welt«, erzählt Wilfried W.

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