Mi., 26.04.2017

Frau lebte im »Horror-Haus« Beate S.: »Ich hatte Angst vor allen beiden«

Beate S. schilderte erst dem Gericht und dann Reportern, wie sie drei Tage im »Horror-Haus« gelebt hatte.

Beate S. schilderte erst dem Gericht und dann Reportern, wie sie drei Tage im »Horror-Haus« gelebt hatte. Foto: Christian Althoff

Von Christian Althoff

Paderborn (WB). Zum ersten Mal hat am Dienstag vor dem Landgericht Paderborn eine Frau ausgesagt, die im »Horror-Haus« in Höxter gelebt hat – wenn auch nur für drei Tage.

Seit sechs Monaten stehen Wilfried W. (47) und seine Ex-Frau Angelika (48) wegen zweifachen Mordes vor dem Schwurgericht. Sie sollen in ihrem Haus in Höxter-Bosseborn Frauen festgehalten und gequält haben. Zwei Opfer überlebten die Misshandlungen nicht.

Am 17. Verhandlungstag befragte das Gericht Frauen, die eine Beziehung zu Wilfried W. hatten. Aber nur eine von ihnen, Beate S. (49) aus Warburg, war im »Horror-Haus.«

Auf Kontaktanzeige gemeldet

Im August 2012 hatte sie sich auf eine Kontaktanzeige gemeldet. Nach einer Zeit telefonischer Kontakte wollten sich die beiden näher kennenlernen. »Wir vereinbarten, dass Wilfried und seine Schwester mich abholen sollten. Ich wollte eine Woche lang bei ihnen in Bosseborn leben«, sagte Beate S. »Damals wusste ich ja noch nicht, dass Angelika seine Ex-Frau war.«

Auf der Fahrt nach Höxter habe sie von ihren erwachsenen Kindern erzählt. »Es hat Wilfried nichts ausgemacht, dass ich Mutter bin«, sagte die Zeugin. »Er war mir sympathisch.«

Zur Intimität »verdonnert«?

Den ersten Dämpfer bekam Beate S., als sie das Haus des Paares in Bosseborn betrat. »Es war sehr unaufgeräumt. Ich habe mich von Anfang an nicht wohlgefühlt«, erklärte die Frau, eine Reinigungsfachkraft. »Wilfried und Angelika waren aber wirklich nett zu mir. Jedenfalls die ersten Stunden.« Schon in der ersten Nacht sei es zu Intimitäten gekommen, antwortet die Frau verschämt auf die entsprechende Frage des Vorsitzenden Richters Bernd Emminghaus. »Ich bin quasi dazu verdonnert worden«, sagte die Zeugin und erklärte auf Nachfragen: »Ich bekam kein eigenes Bett, sondern musste mit Wilfried auf der Couch schlafen. Das passte mir nicht, aber ich habe nicht protestiert.«

Am Morgen seien alle sehr früh aufgestanden. »Wilfried und Angelika haben Zeitungen ausgetragen, und ich habe ihnen geholfen.« Anschließend hätten sich Wilfried und Angelika wieder hingelegt – bis mittags.

Im Hühnerstall gefangen

Beate S. war noch keine 24 Stunden in Bosseborn, da drehte sich der Wind. »Angelika war plötzlich sehr beleidigend und unfreundlich. Sie beschimpfte meine Kinder und beschwerte sich, dass ich nicht mit abgespült hatte.« Wilfried W. sei dabeigewesen, habe aber nicht eingegriffen. »Ich hatte das Gefühl, dass der nichts zu melden hat«, sagte die Zeugin. »Angelika hatte das Sagen. Sie war herrschsüchtig.«

Am nächsten Tag kam es zu einer Situation, die Beate S. Angst machte. »Ich ging mit Wilfried zum Füttern in den Hühnerstall. Er ging wieder raus und schlug die Eisentür hinter sich zu. Da war ich gefangen.« Sie habe gedacht: Was, wenn ich hier nicht wieder rauskomme? »Nach kurzer Zeit hat Wilfried die Tür geöffnet. Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt. Dass die ihre Machtspielchen mit mir treiben wollen.« Deshalb habe sie sich am dritten Tag nach Hause fahren lassen. »Ich hatte Angst vor allen beiden.«

Später, auf dem Gerichtsflur, sagte Beate S. Reportern, sie sei geschockt gewesen, als sie 2016 gelesen habe, was anderen Frauen in dem Haus passiert sei.

Persilschein-Zeuge

Mehrere dieser Frauen hatten dem Paar schriftlich bestätigen müssen, nicht misshandelt worden zu sein. Einen solchen Fall ließ sich das Gericht Dienstag von einem Zeugen (45) aus Höxter beschreiben. »Es war Anfang 2016. Ich hatte einen 14-Stunden-Tag hinter mir und im Kaufland noch etwas besorgt. Auf dem Weg zum Auto kam die Angeklagte auf mich zu und rief, ich sollte stehenbleiben. Sie bat mich, einen Zettel zu unterschreiben.« Hinter ihr habe eine sehr dünne, teilnahmslose Frau gestanden, die verschüchtert gelächelt habe. »Ich wollte nicht unterschreiben, aber die Frau hat mich weiter bedrängt. Sie war sehr penetrant. Ich war durch den langen Arbeitstag gerädert und habe schließlich einen Kringel unter den Zettel gemacht, ohne ihn zu lesen. Deshalb mache ich mir heute noch Vorwürfe.«

Mit seiner Unterschrift sollte der Mann bestätigen, dass Susanne F. den »Persilschein« für Wilfried und Angelika W. ohne Zwang unterzeichnet hatte. »In meiner Gegenwart hat aber niemand unterschrieben«, sagte der Zeuge.

Susanne F. – das war jene dünne, verschüchterte Frau, die der Mann hinter Angelika W. gesehen hatte. Sechs Wochen später war sie tot – schwer misshandelt und völlig entkräftet. Susanne F. wurde 41 Jahre alt.

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